Kunsttherapie für Kinder

 

 

Psychotherapeutische Unterstützung für Traumatisierte Flüchtlingskinder und jugendliche Flüchtlinge

In Kooperation mit dem BFU ist im März 2015 ein therapeutisches Angebot für traumatisierte Flüchtlingskinder entstanden.

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Das ressourcenorientierte Beratungs- und Behandlungsangebot richtet sich an traumatisierte Kinder in Flüchtlingsfamilien und an unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Wo nötig, ermöglichen geschulte Dolmetscher das Gespräch. Kinder und Jugendliche erfahren mit regelmäßigen Terminen eine stützende Begleitung durch unsere Mitarbeiter mit abgeschlossener bzw. fortgeschrittener psychotherapeutischer Zusatzausbildung in Kunst-, Verhaltens- bzw. Traumatherapie. Ergänzend erfolgt eine Beratung der Bezugspersonen (Familienangehörige, Betreuer, gesetzliche Betreuer, Ehrenamtliche).

Wer kann zu uns kommen?

Flüchtlingskinder und unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus Ulm, dem Alb-Donau-Kreis sowie den Landkreisen Biberach und Heidenheim.

Kosten

Das Angebot ist grundsätzlich kostenfrei und wird zu großen Teilen finanziert aus Mitteln des Zweckerfüllungsfonds Flüchtlingshilfe der Diözese Rottenburg-Stuttgart, ergänzt aus Bundesmitteln und der Stiftung Gänseblümchen. Eine Übernahme der Dolmetscher- sowie Fahrtkosten durch die Kommunen wird jedoch angestrebt.

Unser Angebot und unsere Arbeitsweise

Beratung

  • Psychotherapeutische Beratung und Unterstützung in persönlichen Notsituationen
  • Dolmetschergestützte Elternarbeit und Unterstützung der betroffenen Familien
  • Emotionale Unterstützung auf dem Weg durch das Asylverfahren

Therapie

  • Regelmäßige, dolmetschergestützte therapeutische Einzelsitzungen
  • Ggf. therapeutische Stellungnahmen
  • Miteinbezug non-verbaler Ausdrucksmöglichkeiten
  • Aufbau einer Sicherheit bietenden therapeutischen Beziehung (feste Beraterin)
  • Fokus auf psychische Stabilisierung mittels längerfristiger, Ressourcen fördernder Einzelbegleitung

Aufsuchende Angebote vor Ort

  • In Grundschulen: Gruppe zum Umgang mit Aggression, in arabischer Sprache
  • In Sammelunterkünften: Kunsttherapeutische Gruppe für Kinder, Beratungsgespräche für Eltern über Erziehungsthemen

Derzeitige und geplante Gruppenangebote

  • Kunsttherapeutisches Gruppenangebot
  • Psychodrama-Spielgruppe
  • Gruppenangebot für Jugendliche zum Umgang mit Wut und Aggression
    Weitere Informationen sowie aktuelle Gruppentermine erfahren Sie im Sekretariat.

Vernetzung

  • Fallbezogene Vernetzung mit beteiligten Institutionen und Helfern
  • Unterstützung von Ehrenamtlichen im Umgang mit traumatisierten Flüchtlingskindern
  • Ausbau der Vernetzungsstrukturen mit beteiligten Institutionen (Jugendamt, Jugendhilfeeinrichtungen, Behandlungszentrum für Folteropfer, Sozialarbeiter in den Sammelunterkünften, Schulen, Kitas, Ehrenamtliche, …)
  • Fortbildungsangebote für involvierte Berufsgruppen (z.B. Erzieher)

Kontakt

Caritas Ulm
Sekretariat Psychologische Familien- und Lebensberatung
Spielmannsgasse 6
89077 Ulm
Tel:  0731/40 34 21 60
Fax: 0731/40 34 21 69
E-Mail: pfl@caritas-ulm.de

 

 

 

Eine kreative Reise

Kunsttherapie mit einem Roma-Jungen

Bild 1Ercan (Name geändert) wurde vom Sozialarbeiter der Migrations-beratung, zuständig für die ganze Familie, im BFU Februar 2008 angemeldet. Mit ca. 6 Jahren ist er das zweitälteste Kind von insgesamt 5 Geschwistern. Seine Eltern sind Roma aus dem Kosovo und kamen noch vor dem Kosovo-Krieg nach Deutschland. Eine Traumatisierung der Eltern ist unklar. Sie haben eine Auf-enthaltserlaubnis bis Dezember 2009.

Nach einem Klinikaufenthalt 2006 wurde bei ihm oppositionelles Verhalten, Störung des Sozial-verhaltens sowie eine expressive Sprachstörung diagnostiziert. Weiterhin wurden auf Seiten der Eltern eine unzureichende Steuerung des Sohnes kombiniert mit körperlichen Züchtigungen festgestellt. Das autoaggressive Verhalten von Ercan sowie seine Aggressivität gegenüber seinen Geschwistern und Eltern wurde zum Problem. Auch ahmte er – beim gemeinsamen Spielen – in der Schule seine Mitschüler nach, und im Streit kam es sogar zu handgreiflichen Aus-einandersetzungen. Seine deutschen Sprachkenntnisse waren nicht sehr gut. So kam er zu mir in die Kunsttherapie. Im ersten Kontakt war er eher ruhig und schüchtern, aber schaute mich mit wachem und aufnahmebereitem Blick erwartungsvoll an. Er wollte gerne malen.

Bild 2Es entstand eine Sonne mit Wolken, aus denen Regen-tropfen auf die schwarze Erde fallen. Die kurzen spitzigen Pinselstriche gelten als gestalterischer Ausdruck für Auto-aggressivität. Da er sehr schnell fertig gemalt hatte und in kurzer Zeit noch drei weitere Bilder malte, bot ich ihm das Material Ton an.

Zum ersten mal in seinem Leben hatte er Tonerde in den Händen. Es fühlte sich sehr angenehm für ihn an. Wichtig vor dem Modellieren war das Weichklopfen des Tones, um ihn geschmeidig und formbarer zu machen. Ercan schmiss den Ton mehrmals kräftig mit Freude auf ein Arbeitsbrett hinunter. Während des Formens stach er mit Kraft immer wieder gerne mit einem Modellierholzmesser in den Ton. Auch hier kann man auf seine Aggressivität schließen. In der ersten Stunde stand das Kennenlernen des Materials im Vordergrund. Deshalb entstand zunächst noch keine Gestaltung.

In der Folgestunde, nachdem er ausgiebig mit dem Ton in den Händen gemantscht hatte, formte er eine Kugel als Aufgabenstellung.

Bild 3Schnell stellte sich heraus, das Ercan große Freude am Spielen hatte. So sah er z.B. ein Memory Spiel auf dem Tisch im BFU liegen, das wir gerne miteinander spielten. Dabei zeigte sich seine Merkfähigkeit der Bilder sehr schnell. Um die Bildermerkfähigkeit zu er-weitern, verbunden mit neuen Regeln zur Wieder-erkennung und um die therapeutische Beziehung über die Freude am Spiel aufzubauen und zu festigen, spielten wir das Suchfix Memory mit Abbildern von Findus und Pettersson.

Bild 4In den folgenden Stunden wurde das Malen/Gestalten und das Spielen gleicher-maßen wichtig. Viel Freude machte ihm die haptische Erfahrung der Finger-malerei auf ein großes Blatt Papier (70×100cm), die durch ein Gedicht „Sonnenwürmer“ 1 einge-leitet wurde. Dabei erfuhr er das Mischen der Farbe Orange und konnte der Lust am Manschen und Schmieren nachgehen.

Bild 5Die größte Freude machte ihm jedoch das Spielen mit den Plüschtieren (aus dem Kinderbuch von A.A. Milne Pu der Bär) gerade auch im Rollenspiel mit mir. Die Tiere entdeckte er gleich schon in der zweiten Stunde auf dem Fensterbrett im Arbeits-raum für sich. Hier bahnte sich sehr schnell ein sehr großes Nachholbedürfnis an, in einer bestimmten Weise im Spielen zu lernen und Gefühlszustände und Erlebnisse auszudrücken. Unterstützt durch Rollenspiele konnte er dadurch Verhaltensweisen korrigieren. Weiterhin wurde sehr schnell klar, das er immer für sich den wilden Tiger „Tigger“ wählte und ich die Rolle des Esels „I-Ah“ einnahm. In diesem Fall nahm ich nicht die Rolle des nörgelnden Pessimisten und Skeptikers ein, wie in dem Kinderbuch, sondern wurde im Verlauf zum ideenanregenden Begleiter und Helfer.

Bild 6Immer wieder „verletzte“ sich der Tiger im Rollen-spiel durch sein un-gestümes Verhalten. Zum Beispiel durch sein wildes hin und her rennen ver-letzte er sich an der Pfote, die ich ihm als „I-Ah“ dann mit Kreppband verarztete. Einmal hatte er als „Tigger“ Angst vor einer Biene und raste wie wild herum, stieß andere Tiere (den Bär, das Kamel und das Schwein) um und drohte über die Kante in den imaginären Abgrund zu stürzen (die Tischkante). In aller letzter Sekunde konnte „I-Ah“ ihn gerade noch an der Pfote festhalten und wieder herauf ziehen. Im Rollenspiel beruhigte ich den Tiger erst mal und sagte ihm, er muss mehr auf sich aufpassen, um sich und andere nicht zu verletzten. Das Ungestüme des Tigers sowie die Rettung in aller letzter Sekunde wiederholten sich natürlich. Meine Hilfe und die Zuwendung schien Ercan sehr zu genießen.

Vor dem Spielen wurde immer zuerst gestaltet. So baute Ercan mit meiner Hilfe drei Häuser aus Schachteln und Pappkarton. Das erste Haus nahm er mit nach Hause. Das zweite war das Haus des „Tiggers“ (Ercans Haus), das er in den Farben des Tigers bemalte. Das dritte Haus gehörte zu „I-Ah“ und wurde gleichzeitig Spiel- und Versammlungshaus aller Tiere, da es ein Regendach mit gleichzeitiger Dachterrasse über der Eingangstür und eine Fernsehantenne hatte.

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Nach dem Fertigstellen des Hauses sah er ein Gipsboot auf dem Schrank im Büro des BFU stehen, das ein anderes Kind bei meiner Kollegin geformt hatte. Ercan sagte, so ein Boot möchte er auch machen, aber noch größer. Es folgte ein längeres Projekt über sieben Stunden bei dem er schnelle Auffassungsgabe und großes Durchhaltevermögen bewies.

Über einen zurechtgeformten feinen Maschendraht legte er Gipsbinden sowie in flüssigen Gips getauchte Stoffstreifen. Mit cremig angerührtem Gips verstärkte er das Boot und gab ihm die endgültige Form. Mit Hingabe und einer Freude bemalte er das Boot mit den Farben blau, rot, orange, schwarz und silber. Dazu befestigte er noch einen Masten und ein orangefarbenes Segel, das er selbstständig mit einem Totenkopf bemalte. Fertig war das Seeräuberschiff.

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Mit Freude strahlenden Augen zeigte er es stolz seinem Vater. Nun konnten „Tigger“ und seine Freunde endlich auf große Fahrt gehen und spannende Abenteuer bestehen. Wie er sagte, mussten sie lange darauf warten.

Ergebnis der bisherigen Therapie von Ercan:

Hatte Ercan vor Beginn der Kunsttherapie ein geringes Selbstwertgefühl sowie aggressives Verhalten (s.o.) gezeigt, so hatte sich seine Situation deutlich verändert. Nach der 13. Kunsttherapiestunde fand ein Elterngespräch mit dem Vater statt. Er schilderte eine deutlich positive Veränderung des Verhaltens seines Sohnes gegenüber den Mitschülern, seit Ercan in die Kunsttherapie gehe. In der Schule laufe es gut, er schlage seine Mitschüler nicht mehr und die Situation mit ihm zuhause sei entspannter. Die Kunsttherapie mit Ercan wird weitergeführt.

Karsten Kretschmer

1 Christine Leutkart / Andreas Leutkart (Hg.) : Schachtelfesser und Sonnenwürmer – Geschichten und Phantasien als Anlass für Kreatives Gestalten in Atelier und Kunstunterricht, Dortmund 2004