Kunsttherapie für Kinder

Einführung

Im Rahmen unserer Arbeit mit Folteropfern mussten wir in der Vergangenheit immer wieder feststellen, dass es für Kinder von Folteropfern kein spezifisches therapeutisches Angebot im Raum Ulm gibt. Ähnliches gilt für Kinder mit Migrationshintergrund oder für deutsche Kinder mit erlittenen Traumata. Auch haben uns die zum Teil monatelangen Wartezeiten auf einen Therapieplatz bei einem der niedergelassenen Kinder– und Jugendlichen-Psychotherapeuten überrascht.

So lag es für uns nahe, unsere Trauma–Expertise in den Dienst dieser Kinder zu stellen und ein spezifisches Angebot für traumatisierte Kinder anzubieten.

Seit Februar 2008 gibt es Kunsttherapeutische Gruppen- und Einzeltherapien für traumatisierte deutsche und ausländische Kinder im Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm. Dieses Projekt wird von den Kindern und Jugendlichen sehr gerne angenommen. Es ist ihnen wichtig und sie nehmen zum Teil große Wegstrecken in Kauf (bis zu 100 km Umkreis).

In den Gruppen ist ein „Wir-Gefühl“ entstanden. Die Kinder vermissen einander, wenn eines nicht kommt. In der Gruppe der weiblichen Jugendlichen (16-17 Jahre) beraten sie einander wechselseitig in Ausbildungsfragen. In der Gruppe der 6-7 Jahre alten Jungen sind Freundschaften entstanden – und das, obwohl diese Jungen zuvor in den bisher von ihnen aufgesuchten Sondereinrichtungen keinen sozialen Anschluss gefunden haben oder sogar aus diesen „rausgeflogen“ sind. Gerade Jungen in diesem Alter leiden unter Versagensängsten und damit auch unter Aggressionen, mit denen sie bisher nicht konstruktiv oder adäquat umzugehen wussten. Dank der Kunsttherapie erleben sie sich erstmals als jemand, der etwas kann (Gestalten, Malen, Basteln, Experimentieren und Begreifen). Ihre Neugier und unser Zuspruch befähigen sie zu bisher nicht erlebten schöpferischen Leistungen.

Das Konzept der Kunsttherapie für Kinder

Die Kunsttherapie bietet einen geschützten, angstfreien therapeutischen Raum, in dem Phantasie und Kreativität angeregt werden, um eigene Ideen zu entwickeln und zu gestalten. Über das Gestalten mit flüssiger Farbe, Stiften, Tonerde, Gips und Speckstein, sowie Pappmasche etc. wird sinnliches Erleben gefördert. Darüber hinaus gilt es Freude beim Gestalten mit unterschiedlichen Materialien erleben zu können sowie positive Erlebnisse und sichtbare Ergebnisse zu schaffen. Dadurch werden Selbstbewusstsein gestärkt und Angst vor Ablehnung reduziert.

Das therapeutische Kunstangebot des BFU richtet sich an Kinder im Alter von 6 bis 18 Jahren und ist gedacht für traumatisierte Kinder:

  • von Folteropfern
  • von Migranten mit sonstigen Gewalterfahrungen und/oder aus Familien mit hohem Gewaltpotential
  • aus deutschen Familien mit familiären oder außerfamiliären Gewalterfahrungen

Die Kunsttherapeutischen Gruppen für traumatisierte Kinder sollen zum einen eine kindgerechte Ergänzung zur einzelfallbezogenen Psychotherapie bei einem niedergelassenen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten bzw. –psychiater sein. Zum anderen stellen sie ein niederschwelliges Angebot für jene Kinder dar, für die eine nonverbale Therapiemethode und Gruppenarbeit sinnvoll ist.

Die Kunsttherapie für Kinder wird in der Regel als Gruppentherapie angeboten, kann im Bedarfsfalle jedoch auch im Einzelsetting erfolgen. Die Gruppen werden altersmäßig sowie nach Geschlecht aufgeteilt und sind als sogenannte halbgeschlossene Gruppen jeweils für 15 Therapiesitzungen konzipiert. Das heißt nachdem sich eine Gruppe von Kindern oder Jugendlichen gebildet hat, werden 15 Therapieeinheiten ohne Möglichkeit der Neuaufnahme von Klienten durchgeführt. Am Anfang werden Erwartungen und Ziele abgesteckt. Vor dem Ablauf der 15 Sitzungen wird gemeinsam über das Erreichte sowie das Nichterreichte reflektiert und über das Ende oder eine mögliche Weiterführung entschieden. Bei Weiterführung gibt es wiederum eine Zeitbegrenzung sowie die Möglichkeit für Neuaufnahmen in die bestehende Gruppe.

Die Anmeldung kann z.B. erfolgen durch:

  • Eltern, Verwandte oder Freunde
  • Kindergärten oder Schulen
  • Niedergelassene Kinder/Jugend-Psychotherapeuten bzw. -Psychiater

Das Potential von Kunsttherapie

Innerseelische Bilder und Prozesse werden in der Kunsttherapie nach außen sichtbar ausgedrückt. Dem Klienten schafft dies Erleichterung und ermöglicht zugleich Distanz, wenn es z. B. um traumatische Inhalte geht. Die Kinder und Jugendlichen lernen so, dass sie die Bilder, die sie in ihren Erinnerungsattacken (sogenannte Flashbacks) überfluten, steuern und eingrenzen können.

Hauptziel der Kunsttherapie ist es, die gesunden Anteile von Kindern und Jugendlichen zu fördern (ressoucenorientiertes Vorgehen). Weiterhin soll den Kindern ermöglicht bzw. sollen sie darin gefördert werden, ihre nonverbalen Ausdruckmöglichkeiten zu steigern.

Die kunsttherapeutische Behandlung als nonverbale Therapieform ist gerade dann wichtig, wenn der Klient Erlebnisse oder Gefühle nicht beschreiben kann. Denn manchmal macht das Trauma sprachlos. Mit Wasserfarben, Kreide oder Ton lernen die Klienten, sich mit ihren Ängsten, Sehnsüchten, Erinnerungen, Wünschen und Gefühlen auseinander zu setzen. Sie erleben neue Freiräume, die nicht an Sprache und Ausdrucksfähigkeit gebunden sind: Tonbatzen können geschlagen werden, um Aggressionen abzubauen, sie können auch zu ganz eigenen Figuren geformt werden. Bilder in Schwarz und Rot zeigen Bedrohung, Tod und Blut. Leuchtende Farben können Klienten und Therapeut positive Persönlichkeitsanteile und Stimmungen anschaulich und erlebbar machen. Die Zukunft kann in Bildern „erprobt“ werden. Nicht zuletzt gibt es immer wieder Klienten, die in der Therapie ihr Talent zum Zeichnen entdecken und sich damit eine neue Ressource im Prozess der Traumabewältigung erschließen.

Was ermöglicht Kunsttherapie:

  • Förderung von Ressourcen
  • Förderung der Konzentrationsfähigkeit
  • Erhöhung der Frustrationstoleranz
  • Ausagieren und Abbau innerer Spannung ist möglich
  • Aggressionen können gestalterisch Ausdruck finden, ohne Schaden anzurichten
  • Unaussprechlich Erlebtes (z.B. Schmerz, Leid, Gewalt, Angst, innere Not) findet einen bildnerischen Ausdruck
  • Kennen lernen und Vertiefen von Farberleben
  • Zweidimensionales (durch Malen) bzw. dreidimensionales Umsetzen (z.B. durch Ton, Pappmaché,..) von Phantasiereisen, Geschichten und Gedichten und Wünschen,
  • Freude erleben beim Gestalten
  • Gesehen und verstanden werden über den Ausdruck von Bildern sowie dreidimensionaler Gestaltungen
  • Erlernen und Umsetzen handwerklicher Fähigkeiten
  • Förderung des Selbstbewusstseins und Steigerung des Selbstvertrauens
  • Neugierde am Experimentieren wecken
  • Kennen lernen neuer Möglichkeiten
  • Für Kinder, denen ein Zugang zum Trauma durch die Sprache nicht oder noch nicht möglich ist, kann sie Hilfsmittel sein, dem eigenen verletzten Ich ein Medium zu verleihen, das Unaussprechbare mit anderen Mitteln mitzuteilen. Die Gruppe, in der das Kind arbeitet, lässt es spüren, dass es mit seinem Leid nicht alleine ist.

Eine kreative Reise

Kunsttherapie mit einem Roma-Jungen

Bild 1Ercan (Name geändert) wurde vom Sozialarbeiter der Migrations-beratung, zuständig für die ganze Familie, im BFU Februar 2008 angemeldet. Mit ca. 6 Jahren ist er das zweitälteste Kind von insgesamt 5 Geschwistern. Seine Eltern sind Roma aus dem Kosovo und kamen noch vor dem Kosovo-Krieg nach Deutschland. Eine Traumatisierung der Eltern ist unklar. Sie haben eine Auf-enthaltserlaubnis bis Dezember 2009.

Nach einem Klinikaufenthalt 2006 wurde bei ihm oppositionelles Verhalten, Störung des Sozial-verhaltens sowie eine expressive Sprachstörung diagnostiziert. Weiterhin wurden auf Seiten der Eltern eine unzureichende Steuerung des Sohnes kombiniert mit körperlichen Züchtigungen festgestellt. Das autoaggressive Verhalten von Ercan sowie seine Aggressivität gegenüber seinen Geschwistern und Eltern wurde zum Problem. Auch ahmte er – beim gemeinsamen Spielen – in der Schule seine Mitschüler nach, und im Streit kam es sogar zu handgreiflichen Aus-einandersetzungen. Seine deutschen Sprachkenntnisse waren nicht sehr gut. So kam er zu mir in die Kunsttherapie. Im ersten Kontakt war er eher ruhig und schüchtern, aber schaute mich mit wachem und aufnahmebereitem Blick erwartungsvoll an. Er wollte gerne malen.

Bild 2Es entstand eine Sonne mit Wolken, aus denen Regen-tropfen auf die schwarze Erde fallen. Die kurzen spitzigen Pinselstriche gelten als gestalterischer Ausdruck für Auto-aggressivität. Da er sehr schnell fertig gemalt hatte und in kurzer Zeit noch drei weitere Bilder malte, bot ich ihm das Material Ton an.

Zum ersten mal in seinem Leben hatte er Tonerde in den Händen. Es fühlte sich sehr angenehm für ihn an. Wichtig vor dem Modellieren war das Weichklopfen des Tones, um ihn geschmeidig und formbarer zu machen. Ercan schmiss den Ton mehrmals kräftig mit Freude auf ein Arbeitsbrett hinunter. Während des Formens stach er mit Kraft immer wieder gerne mit einem Modellierholzmesser in den Ton. Auch hier kann man auf seine Aggressivität schließen. In der ersten Stunde stand das Kennenlernen des Materials im Vordergrund. Deshalb entstand zunächst noch keine Gestaltung.

In der Folgestunde, nachdem er ausgiebig mit dem Ton in den Händen gemantscht hatte, formte er eine Kugel als Aufgabenstellung.

Bild 3Schnell stellte sich heraus, das Ercan große Freude am Spielen hatte. So sah er z.B. ein Memory Spiel auf dem Tisch im BFU liegen, das wir gerne miteinander spielten. Dabei zeigte sich seine Merkfähigkeit der Bilder sehr schnell. Um die Bildermerkfähigkeit zu er-weitern, verbunden mit neuen Regeln zur Wieder-erkennung und um die therapeutische Beziehung über die Freude am Spiel aufzubauen und zu festigen, spielten wir das Suchfix Memory mit Abbildern von Findus und Pettersson.

Bild 4In den folgenden Stunden wurde das Malen/Gestalten und das Spielen gleicher-maßen wichtig. Viel Freude machte ihm die haptische Erfahrung der Finger-malerei auf ein großes Blatt Papier (70×100cm), die durch ein Gedicht „Sonnenwürmer“ 1 einge-leitet wurde. Dabei erfuhr er das Mischen der Farbe Orange und konnte der Lust am Manschen und Schmieren nachgehen.

Bild 5Die größte Freude machte ihm jedoch das Spielen mit den Plüschtieren (aus dem Kinderbuch von A.A. Milne Pu der Bär) gerade auch im Rollenspiel mit mir. Die Tiere entdeckte er gleich schon in der zweiten Stunde auf dem Fensterbrett im Arbeits-raum für sich. Hier bahnte sich sehr schnell ein sehr großes Nachholbedürfnis an, in einer bestimmten Weise im Spielen zu lernen und Gefühlszustände und Erlebnisse auszudrücken. Unterstützt durch Rollenspiele konnte er dadurch Verhaltensweisen korrigieren. Weiterhin wurde sehr schnell klar, das er immer für sich den wilden Tiger „Tigger“ wählte und ich die Rolle des Esels „I-Ah“ einnahm. In diesem Fall nahm ich nicht die Rolle des nörgelnden Pessimisten und Skeptikers ein, wie in dem Kinderbuch, sondern wurde im Verlauf zum ideenanregenden Begleiter und Helfer.

Bild 6Immer wieder „verletzte“ sich der Tiger im Rollen-spiel durch sein un-gestümes Verhalten. Zum Beispiel durch sein wildes hin und her rennen ver-letzte er sich an der Pfote, die ich ihm als „I-Ah“ dann mit Kreppband verarztete. Einmal hatte er als „Tigger“ Angst vor einer Biene und raste wie wild herum, stieß andere Tiere (den Bär, das Kamel und das Schwein) um und drohte über die Kante in den imaginären Abgrund zu stürzen (die Tischkante). In aller letzter Sekunde konnte „I-Ah“ ihn gerade noch an der Pfote festhalten und wieder herauf ziehen. Im Rollenspiel beruhigte ich den Tiger erst mal und sagte ihm, er muss mehr auf sich aufpassen, um sich und andere nicht zu verletzten. Das Ungestüme des Tigers sowie die Rettung in aller letzter Sekunde wiederholten sich natürlich. Meine Hilfe und die Zuwendung schien Ercan sehr zu genießen.

Vor dem Spielen wurde immer zuerst gestaltet. So baute Ercan mit meiner Hilfe drei Häuser aus Schachteln und Pappkarton. Das erste Haus nahm er mit nach Hause. Das zweite war das Haus des „Tiggers“ (Ercans Haus), das er in den Farben des Tigers bemalte. Das dritte Haus gehörte zu „I-Ah“ und wurde gleichzeitig Spiel- und Versammlungshaus aller Tiere, da es ein Regendach mit gleichzeitiger Dachterrasse über der Eingangstür und eine Fernsehantenne hatte.

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Nach dem Fertigstellen des Hauses sah er ein Gipsboot auf dem Schrank im Büro des BFU stehen, das ein anderes Kind bei meiner Kollegin geformt hatte. Ercan sagte, so ein Boot möchte er auch machen, aber noch größer. Es folgte ein längeres Projekt über sieben Stunden bei dem er schnelle Auffassungsgabe und großes Durchhaltevermögen bewies.

Über einen zurechtgeformten feinen Maschendraht legte er Gipsbinden sowie in flüssigen Gips getauchte Stoffstreifen. Mit cremig angerührtem Gips verstärkte er das Boot und gab ihm die endgültige Form. Mit Hingabe und einer Freude bemalte er das Boot mit den Farben blau, rot, orange, schwarz und silber. Dazu befestigte er noch einen Masten und ein orangefarbenes Segel, das er selbstständig mit einem Totenkopf bemalte. Fertig war das Seeräuberschiff.

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Mit Freude strahlenden Augen zeigte er es stolz seinem Vater.
Nun konnten „Tigger“ und seine Freunde endlich auf große Fahrt gehen und spannende Abenteuer bestehen. Wie er sagte, mussten sie lange darauf warten.

Ergebnis der bisherigen Therapie von Ercan:

Hatte Ercan vor Beginn der Kunsttherapie ein geringes Selbstwertgefühl sowie aggressives Verhalten (s.o.) gezeigt, so hatte sich seine Situation deutlich verändert. Nach der 13. Kunsttherapiestunde fand ein Elterngespräch mit dem Vater statt. Er schilderte eine deutlich positive Veränderung des Verhaltens seines Sohnes gegenüber den Mitschülern, seit Ercan in die Kunsttherapie gehe. In der Schule laufe es gut, er schlage seine Mitschüler nicht mehr und die Situation mit ihm zuhause sei entspannter.
Die Kunsttherapie mit Ercan wird weitergeführt.

Karsten Kretschmer

1 Christine Leutkart / Andreas Leutkart (Hg.) : Schachtelfesser und Sonnenwürmer – Geschichten und Phantasien als Anlass für Kreatives Gestalten in Atelier und Kunstunterricht, Dortmund 2004