Presse

Flugblatt diffamiert Gunter Czisch
14. April 2018

Ein neues Flugblatt diffamiert die Kritiker Feuchts und setzt sich mit der weißen Rose gleich.

Die Debatte um Walter Feuchts Kolumnen und deren Wirkung geht weiter. Nachdem sich die öffentliche Aufregung in den letzten Wochen gelegt hatte, taucht jetzt ein neues Flugblatt auf, das eine schärfere Tonart anschlägt. Anonym verfasst, lag das mit „Widerstandsgruppe „Gelbe Rose“ unterzeichnete Papier unter anderem im DGB-Haus aus, in der Volkshochschule und wurde in die Briefkästen der SPD-Fraktion, des Dritte Welt Ladens und eines Leserbriefschreibers gesteckt. Ein in der Flüchtlingsarbeit engagierter Pfarrer bekam nach einem Feucht-kritischen Leserbrief ebenfalls beleidigende Post.

In diesem auf A–5-Format vervielfältigten Papier wird behauptet, dass die freie Meinungsäußerung und mit ihr sämtliche Grundrechte in Gefahr seien. Feucht wird als jemand bezeichnet, der sich „Wegschauritualen“ widersetze bei Problemen, „die durch die Einwanderung aus vordemokratischen mittelalterlichen Gesellschaften“ entstünden.

Feuchts Kritikern wird dagegen in drastischer Sprache vorgehalten, einem „linksfaschistischen Zeitgeist“ zu folgen. Es ist die Rede von „militanten Alleinherrschaftsansprüchen“ und von „Gesinnungsdiktatur“. Außerdem wird der OB als „Feigling“ bezeichnet, der die „Einwanderer-Schlägereien“ in der Bahnhofstraße schönrede.

Vor allem für den Schreiber eines Leserbriefes an die SÜDWEST PRESSE ist das ein bedenklicher Vorgang. Der Brief wurde nicht per Post zugestellt, sondern direkt am Haus der Privatperson in den Postkasten gesteckt. „Das ist nicht mehr weit entfernt von einer direkten Drohung“, findet der Mann: „Die Botschaft ist doch wohl, wir wissen, wo du wohnst.“

Als gar nicht mehr so harmlos bewertet dies auch Lothar Heusohn, einer der Initiatoren von 38 Organisationen, die mit ihrer Kritik an Feuchts Kolumnen die Kontroverse ausgelöst haben. Darin hatten die Absender Feucht menschenverachtende Stimmungsmache vorgeworfen und einen diffamierenden und hetzerischen Ton beklagt. „Es geht nicht um die freie Meinungsäußerung, sondern um die sprachliche Inszenierung von Hass“, kritisiert Heusohn, der das Flugblatt als eine neue Dimension wertet: „Es brechen Dämme.“

Das beklagt auch die vh-Leiterin Dagmar Engels, in deren Haus die Flugblätter gleich an mehreren Stellen auslagen – und zwar neben der Dauerausstellung über die Weiße Rose, die Ulmer Geschwister Scholl, die von den Nazis hingerichtet wurden. Engels nennt den Versuch infam, sich in einen Kontext mit der hochgeschätzten Erinnerungskultur zu stellen. Es gebe immer wieder politisch rechts stehende Gruppen wie beispielsweise die AfD, die bemüht sei, sich in die Widerstandstradition zu stellen. Engels: „Die versuchen, auf der Welle mitzuschwimmen.“

Andererseits sieht Engels Feucht nicht nur in der Opferrolle. Engels: „Er bestärkt Vorurteile, die dem friedlichen Zusammenleben in unserer Stadt nicht dienen.“

Zynisch findet es Antje Trosien vom DGB, einerseits den OB Feigheit zu nennen, andererseits aber selber anonym zu bleiben. Auch im DGB-Haus waren die Flugblätter aufgetaucht – just an dem Tag, an dem das Bündnis gegen Rechts tagte. Die Gleichsetzung mit der Weißen Rose sei inakzeptabel. Absurd nennt sie die Angstmache, die Meinungsäußerung stehe auf dem Spiel.

Der beschimpfte Oberbürgermeister Gunter Czisch will sich gar nicht so sehr damit befassen: „Ich habe in den letzten Wochen regelmäßig dafür geworben, diese Diskussion im offenen respektvollen Dialog zu führen. Voraussetzung ist aber, respektvoll miteinander umzugehen.“

Walter Feucht, auf den sich das neuerliche Flugblatt inhaltlich bezieht, lehnt anonyme Zuschriften grundsätzlich ab und will sich auch nicht von rechten Gruppen instrumentieren lassen, wie er der SÜDWEST PRESSE sagt: „Das ist mit mir nicht zu machen.“

OFFENER BRIEF VON 38 ORGANISATIONEN

Erstunterzeichner Den Brief unterzeichnet haben beispielsweise der AK Flucht&Asyl der Uni, das Behandlungszentrum für Folteropfer, die Behindertenstiftung Tannenhof, der BUND, das Doku-Zentrum, die Naturfreunde, der Reha-Verein für soziale Psychiatrie, Terre des hommes, die vh, der Verein für Friedensarbeit und die zentrale Bürgeragentur Zebra.

Quelle: Südwest Presse

 

 

Tolle Bands, tolle Stimmung
19. März 2018

Alle 15 Minuten ein Höhepunkt: Beim Musikmarathon Ulm rocken Bands im vollen Roxy wieder für einen guten Zweck.

Der Musikmarathon im Roxy ist ein Phänomen. An einem Abend 20 verschiedene Bands auf die Bühne zu bringen, die jeweils nur eine Viertelstunde ohne Gage spielen und dafür teils durch halb Deutschland anreisen – das zeigt das Renommee, das man sich erarbeitet hat.

Und Arbeit ist es vor allem für die rund 50 ehrenamtlichen Helfer. Das beste Beispiel dafür ist die Bühne, auf der alle 15 Minuten die Bands wechseln, die unterschiedlichsten Instrumente aus- und neu eingestöpselt werden, verschiedene Bandmitglieder, Helfer und Techniker hin- und herwuseln, ein kurzer Soundcheck gemacht werden muss, bis der ganze Spuk nach zwei Minuten vorbei ist und die nächste Band wieder mit großartigem Sound loslegt.

„Wir sind über die Jahre gut aufeinander eingespielt“, kommentiert Tobias Schmid, der Vereinsvorsitzende des Vereins „Einsatz – Musik für Menschen in Not“ als Veranstalter dieses Musters an Effizienz. Der Verein hat sich 2006 aus den Organisatoren des ersten Musikmarathons 2005 gegründet. Dieser wurde spontan als Benefizveranstaltung für die Opfer des Tsunamis in Asien ins Leben gerufen. Mittlerweile kommt der Erlös verschiedensten Einrichtungen im In- und Ausland zugute.

Eines der absoluten Highlights 2018 stand bereits ganz zu Beginn auf der Cafébar-Bühne des Roxy: die Roadstring Army aus Ulm. Mit ihrer großartigen Musik erobern sie seit einiger Zeit die Bühnen des Landes. Fan-Kreischen, Top-Performance und brillanter Sound – so konnte es weitergehen! Etwa mit Cello und Gitarre und einem eigenen urbanen Soundmix aus Blues und Folk bei Matthew Matilda. Kosmo aus Ulm überzeugten mit charismatisch- eigenwilligem Deutsch-Rock. Und nach lautem Abrocken mit Brightest Day und Herogram sowie Akustik-Pop mit Astra Van Nelle war man gespannt auf die Reunion der Ulmer Band ON. Einflüsse von Simple Minds oder U2 waren unverkennbar. Und der Spaß, den die Musiker selbst verbreiteten, macht Lust auf mehr.

Der Saal kochte bei Django S, die mit Bläsersatz und „mit den Resten von gestern“ feierten. Get Well Soon bezog sich an diesem Abend nur auf Mastermind Konstantin Gropper, der allein mit Akustikgitarre und Stimme eher „Kontrastprogramm“ war und die Stimmung nicht halten konnte.

Rock ‘n’ Roll is dead? Da setzte die Alex Mofa Gang einen Kontrapunkt. Extra für 15 Minuten Musikmarathon nach Ulm gereist, brachte sie Berliner Szeneluft mit, packte das Publikum und rockte sich den Fahrstress runter. Auch Tim Vantol saß sieben Stunden im Auto auf seinem Weg von Amsterdam nach Ulm. Man kennt sich in der Szene, und so darf der Veranstalter auch augenzwinkernd die Wohnwagen auf der Projektionsleinwand vorbeifahren lassen.

Der Ulmer Förderpreisträger Morizz Fizzl schien etwas nervös, aber vielleicht war auch das Publikum schon etwas müde. Dann nahm aber Stepfather Fred durch Bühnenpräsenz und Stimmgewalt von Sänger Sebastian Schuster die Menschen vor der Bühne wieder mit. Und auch die City Kids Feel The Beat wurden gefeiert. Spontan gestand man ihnen ein paar Bonus-Minuten für einen weiteren Song zu.

Zum Finale gab’s dann Musik- Comedy mit Suchtpotenzial, die drei Stunden durch den Schneesturm angereist waren. Ariane Müller und Julia Gámez Martin präsentierten ihren „Alko-Pop“ ohne Probe, aber mit exzellenter Band. Für die meisten waren die bekannt witzig ironischen Texte der beiden ein perfekter Abschluss eines wieder mal gelungenen außergewöhnlichen Festivals, bevor die DJs Roter Freibeuter und Purple Haze zum Abtanzen einluden.

FÜR EINEN GUTEN ZWECK

Spende Der Erlös des Musikmarathons fließt stets dorthin, wo ein persönlicher Kontakt sicherstellt, dass jeder Cent an der richtigen Stelle ankommt. In diesem Jahr in einem Krankenhaus in Uganda, zudem werden Entführungsopfer der Boko Haram in Nigeria unterstützt, und ein Teil bleibt in Ulm im Behandlungszentrum für Folteropfer.

Quelle: Südwest Presse

 

 

Amnesty-Menschenrechtspreis 2018 geht an das Nadeem-Zentrum für seinen Einsatz gegen Folter in Ägypten
25. Januar 2018

Zum 7. Jahrestag der ägyptischen Revolution (25.1.) setzt Amnesty mit der Vergabe des Menschenrechtspreises an das Nadeem-Zentrum ein Zeichen gegen Folter in Ägypten. Die Preisverleihung findet am 16. April in der Volksbühne Berlin statt.

Der 9. Menschenrechtspreis von Amnesty International in Deutschland geht an das Nadeem-Zentrum für die Rehabilitierung von Opfern von Gewalt und Folter in Kairo. Seit mehr als 20 Jahren dokumentiert das Zentrum Folter durch ägyptische Sicherheitskräfte und betreibt die einzige Spezialklinik zur Behandlung Überlebender von Folter und Gewalt im Land. Seit 2016 gehen die Behörden massiv gegen die Organisation vor. Im Februar 2017 wurde die Klinik des Zentrums geschlossen. „Mit dem Preis an das Nadeem-Zentrum würdigt Amnesty International dessen wichtige Rolle für Menschenrechte in Ägypten. Unter schwierigsten Bedingungen versorgen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Nadeem-Zentrums Folterüberlebende medizinisch und psychologisch und machen die schweren Menschenrechtsverletzungen öffentlich“, heißt es in der Begründung von Amnesty für die Auszeichnung.

„Sieben Jahre nach Beginn der ägyptischen Revolution befindet sich die Menschenrechtslage in Ägypten auf einem Tiefpunkt. Die Regierung von Präsident Abdel Fattah al-Sisi geht systematisch gegen politische Gegner vor. Polizei und Geheimdienste sind für schwere Verbrechen wie Folter, Verschwindenlassen und außergerichtliche Tötungen verantwortlich“, sagt Markus N. Beeko, Generalsekretär von Amnesty International in Deutschland. „Auch Menschenrechtsaktivisten geraten verstärkt ins Visier der Behörden, erst vor kurzem wurde ein Gesetz zur Einschränkung der Arbeit von zivilgesellschaftlichen Organisationen verabschiedet. Mit der Verleihung des Amnesty-Menschenrechtspreises an das Nadeem-Zentrum wollen wir all die mutigen Frauen und Männer unterstützen, die sich in Ägypten unter Lebensgefahr gegen Folter, Gewalt und Willkür einsetzen.“

Die ägyptische Staatsführung leugnet den Einsatz von Folter. Sicherheitskräfte haben immer wieder versucht, das Zentrum an seiner Arbeit zu hindern. Die Konten der Organisation wurden 2016 vorübergehend eingefroren und zwei der Gründerinnen wurden mit Ausreiseverboten belegt. Im Februar 2017 drangen Sicherheitskräfte in die Klinikräume des Nadeem-Zentrums ein und versiegelten diese. Das Nadeem-Zentrum legte noch im selben Monat Rechtsmittel gegen die Schließung der Klinik ein. Das Gerichtsurteil ist für den 21. Februar 2018 angekündigt.

Mit dem Menschenrechtspreis zeichnet die deutsche Amnesty-Sektion alle zwei Jahre Persönlichkeiten und Organisationen aus, die sich unter schwierigen Bedingungen für die Menschenrechte einsetzen. Ziel des Preises ist es, das Engagement dieser Menschen zu würdigen, sie zu unterstützen und ihre Arbeit in der Öffentlichkeit bekannter zu machen. Unterstützt wird der Preis von der Stiftung Menschenrechte – Förderstiftung Amnesty International. 2018 wird der Menschenrechtspreis zum neunten Mal verliehen. Die Verleihung findet am 16. April in der Volksbühne Berlin statt. Bisherige Preisträger sind unter anderem: Henri Tiphagne aus Indien (2016), Alice Nkom aus Kamerun (2014) und Abel Barrera aus Mexiko (2011).

Weitere Informationen und Bildmaterial zum Preisträger finden Sie unter bit.ly/AmnestyMenschenrechtspreis2018.

 

 

Anmeldestopp bis 30.06.2018

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Anmelder von Patienten im BFU,

in den letzten 12 Monaten wurden im Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm (BFU)

  • 70 Patienten für eine ambulante Einzeltherapie neu aufgenommen, darunter viele komplex und chronisch Erkrankte mit oft sehr unsicherer aufenthaltsrechtlicher Situation.

Darüber hinaus wurden in diesem Zeitraum

  • weitere 120 Anfragen auf Aufnahme als Patient im BFU gestellt.

Aufgrund der schwierigen aufenthaltsrechtlichen Situation der allermeisten Patienten des BFU gab es in den letzten 12 Monaten kaum reguläre Therapiebeendigungen. Zu groß ist bei vielen die Angst vor Abschiebung.

Zwar haben wir das Behandlerteam – entsprechend unseren finanziellen Möglichkeiten – erweitert. Dennoch hat sich die durchschnittliche Wartezeit für neue Anwärter auf einen ambulanten Einzeltherapieplatz im BFU im Berichtszeitraum von 6 Monaten auf inzwischen über 18 Monate verdreifacht. Die zur Entlastung der Warteliste eingerichteten psychoedukativen Gruppenangebote wurden zwar gerne angenommen, ersetzen aber nicht die in vielen Fällen weiterhin erforderliche Einzeltherapie.

Diese Entwicklung zwingt uns zum Handeln. Wir müssen zunächst die vielen schon lange Wartenden psychotherapeutisch und psychosozial angemessen versorgen, ehe wir neue Anfragen auf einen Therapieplatz annehmen können.

Wir haben daher beschlossen, vorläufig einen Anmeldestopp – zunächst befristet bis 30.06.2018 – zu erlassen.

Diese Entscheidung ist uns sehr schwergefallen. Es macht aber aus unserer Sicht keinen Sinn, Hoffnungen auf einen zeitnahen Therapieplatz im BFU zu nähren, wenn dieser sich nicht in angemessener Frist (d.h. innerhalb von 6–8 Monaten) realisieren lässt.

Ausgenommen sind von dieser Regelung Geflüchtete mit Wohnsitz in Ulm, weil für diese eine andere Finanzierung besteht.

Wir bitten Sie um Ihr Verständnis für diese Entscheidung.

 

 

Seminartag an der Gewerblichen Schule Schwäbisch Gmünd
11. Januar 2018

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Die Gewerbliche Schule Schwäbisch Gmünd hatte Urs M. Fiechtner für einen Seminartag am 11. Januar 2018  über Menschenrechte, Grundgesetz und die Arbeit von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und dem Ulmer Behandlungszentrum für Folteropfer eingeladen. Im Vorfeld hatten die Schülerinnen und Schüler einen   umfangreichen Fragenkatalog mit sehr vielen klugen und anspruchsvollen Fragen rund um Menschenrechte und Grundrechte eingereicht und blieben für über 6 Stunden konzentriert und interessiert bei der Sache.  Auf besonderen Anklang stieß die Schilderung der Arbeit des BFU  sowie dioe sachliche und faktenreiche Auseinandersetzung mit der aktuellen Lage der Flüchtlinge in Deutschland.

 

 

Rundbrief Weihnachten 2017

Liebe Freunde und Förderer
des Behandlungszentrums für Folteropfer Ulm,
liebe Mitglieder und Freunde des Fördervereins des BFU,

das Flüchtlingsthema hat uns auch in diesem Jahr nicht losgelassen: Es dominierte den Bundestagswahlkampf und beherrscht weiterhin die politische Debatte im Land. Die Aufzählung von Maßnahmen, Geflüchtete von unseren Landesgrenzen und den EU-Außengrenzen abzuhalten, würde Seiten füllen. Ebenso eine Aufzählung der Maßnahmen, bereits unter uns lebende Geflüchtete wieder zurückzuschicken. Als besonders problematisch sehen wir die von der Bundesregierung geplante weitere Aussetzung der Familienzusammenführung für Geflüchtete mit subsidiärem Schutz. Wir Mitarbeiter des BFU unterstützen die Forderung der „Liga der freien Wohlfahrtspflege in Baden-Württemberg“ in ihrer derzeit laufenden Aktion, die geplante weitere Aussetzung der Familienzusammenführung zu verhindern und setzten uns dafür ein, dass geflüchtete Familien mit subsidiärem Schutz möglichst bald in Deutschland wieder vereint werden können. Das gebietet Artikel 6 Abs. 1 des Grundgesetztes (Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung). Sie ist auch eine notwendige Bedingung für eine gelingende Integration von Geflüchteten in Deutschland – zumeist junge Väter aus Syrien -, die ihre politische Verfolgung und Schutzbedürftigkeit bereits stichhaltig begründen konnten und sehr unter der fortgesetzten Trennung von ihren Frauen und Kindern leiden.

Ein weiteres uns sehr bewegendes Thema sind die vielen unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge (UMF), die mittlerweile über 18 Jahre alt sind und die aus sehr unsicheren Staaten wie z.B. Afghanistan und aus Westafrika kommen. Sie haben oft keinen Schutzstatus, sind nur geduldet und müssen – insbesondere wenn sie in Bayern wohnhaft sind – mit ihrer Ausweisung rechnen. Ihr psychisches und physisches Zustandsbild ist meist desolat, einige sind suizidal. Jede zweite Neuanmeldung im BFU betrifft einen ehemaligen UMF über 18 Jahre, der aufgrund seines Alters häufig aus der Jugendhilfe gefallen ist und sich selbst überlassen ist. Wir bieten diesen Heranwachsenden neuerdings psychoedukative Gruppen an. In diesen werden ihnen einfache Stabilisierungs- und Entspannungstechniken beigebracht. Hier erleben sie, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind, dass es auch anderen so ergeht, aber auch, dass die Kollegen des BFU sie auf dem weiteren Weg in Deutschland intensiv begleiten. Die jungen Männer unterstützen sich mittlerweile gegenseitig, sei es mit Möbeln, mit Tipps für den Alltag – es ist so nebenher ein wechselseitiges Sich-Helfen entstanden, das wir gar nicht für möglich gehalten haben.

Wir haben unser therapeutisches Konzept angepasst: Nicht allein Psychotherapie und ggf. flankierende sozialarbeiterische Maßnahmen werden angeboten, sondern – im Einzelfall – auch Hilfen für besonders schutzbedürftige Angehörige im Heimatland. Hier können wir auf unser in vielen Jahren entwickeltes Netzwerk und auf jenes von ehemals Geflüchteten/Patienten zurückgreifen. Beispielsweise versuchen wir derzeit, die alleinerziehende erblindete Mutter eines Patienten, die in Afghanistan in einem gefährdeten Gebiet lebt, zudem dort noch drei minderjährige Kinder hat, finanziell über unseren Förderverein zu unterstützen, damit sie wenigstens nicht hungern müssen. Die Vermittlung der Hilfe erfolgt durch einen erfahrenen und verlässlichen Afghanen aus dem Ulmer Raum, der dies schon seit 20 Jahren macht. Wir müssen in Einzelfällen ein solches „Zweites Netz“ knüpfen, sonst sind alle Bemühungen hier im BFU wirkungslos. Wir sind daher sehr dankbar für diese Unterstützung des Fördervereins des BFU (Konto-Nr. IBAN: DE18 6309 0100 0137 7420 02 bei der Volksbank Ulm-Biberach eG. Stichwort: „Sozial- und Rechtshilfefonds“).

Weil der Bedarf viel höher ist als unsere personellen und räumlichen Kapazitäten, bieten wir ferner ab Januar 2018 in einer großen Gemeinschaftsunterkunft der Stadt Ulm körperzentrierte Entspannungsgruppen auf Englisch an. Die Leitung hierfür hat Herr Professor Dr. Harald Traue. Das Team des BFU hat in diesem Jahr enormen Aufschwung genommen: nach dem Ausscheiden der langjährigen früheren Therapeutischen Leitung im Frühjahr hat ihre Vorgängerin, Frau Dipl. Psych. Gerlinde Dötsch, für eine Interimsphase die Therapeutische Leitung übernommen und mit ihrer Expertise und Tatkraft mit dazu beigetragen, dass ein neues Therapeutisches Team mit mittlerweile 10 Therapeuten unterschiedlichster Ausbildungsrichtung formiert werden konnte. Seit Oktober 2017 ist Frau Johanna Zeitler (FÄ für Psychiatrie und Psychotherapie) die neue ärztliche Leitung des BFU. Sie ist ein Segen für die Stimmung im Team und die Arbeitsfähigkeit der Mitarbeiter. Das sehr gute Zusammenwirken aller neuen (und alten Therapeuten, Sozialarbeiter – auch mit den bewährten und engagierten Mitarbeiterinnen in der Verwaltung macht uns zuversichtlich, den anstehenden Druck zu bewältigen, der sich aus der langen Warteliste und der insgesamt sehr angespannten Situation vieler unserer Neu-Patienten ergibt.

Auch das Kooperationsprojekt mit der Caritas Ulm für traumatisierte Flüchtlingskinder und Jugendliche ist ein Erfolgsmodell, welches der Zweckerfüllungsfonds Flüchtlinge der Diözese Rottenburg-Stuttgart seit über zwei Jahren fördert. Wenngleich die rechtlichen Rahmenbedingungen für eine Psychotherapie mit traumatisierten Geflüchteten in den letzten zwei Jahren deutlich schwieriger geworden sind, so sind andererseits die finanziellen Unterstützungszahlungen von Bund, Land, Kirchen, Kommunen und AI gestiegen – anders wäre der Personalzuwachs auch nicht zu stemmen. Die rechtlichen Hindernisse erfordern immer komplexere Hilfen durch das BFU, die dadurch proportional immer „teurer“ werden, um den gleichen therapeutischen Effekt, etwa im Vergleich zur Situation vor 2015 zu erzielen. Der Zuwachs an Personal erfordert auch neue geeignete Räume. Wir sind fündig geworden:

Ab 01.03.2018 sind wir in der Wagnerstraße 65, 89077 Ulm!

Ich danke Ihnen im Namen des Teams und des Fördervereins ganz herzlich für die Unterstützung in diesem Jahr und wünsche Ihnen ein frohes Fest und ein gutes Neues Jahr!

Ihr Manfred Makowitzki M.A., Leitung BFU

 

 

Kirchenkollekten in Heidenheim für den Förderverein des BFU
17. Dezember 2017

In der Christuskirche sowie der Johanneskirche Heidenheim wurden bei zwei Gottensdiensten am Sonntag, den 17. Dezember, Kollekten zugunsten des Fördervereins für das BFU durchgeführt. Für die Arbeit des Fördervereins kamen € 338.- zusammen. Das BFU und der Förderverein freuen sich sehr über die Unterstützung der Kirchengemeinden und der Heidenheimer Bürgerinnen und Bürger – ganz besonders, weil das Behandlungszentrum aufgrund des erhöhten Bedarfs personell gestärkt werden muss und deshalb demnächst auch in größere Räume umziehen wird.

Ein ganz herzlichen Dank an Heidenheim!

 

 

Hilfe für 70 traumatisierte Flüchtlingskinder
19. August 2017

Die Caritas hat ihre Arbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen ausgebaut. Der Bedarf wird nicht weniger.

Dank zusätzlicher finanzieller Mittel konnte die Psychologische Paar- und Lebensberatungsstelle der Caritas ihr Projekt zur Therapie minderjähriger Flüchtlinge ausbauen. So wurde beispielsweise die Stelle einer syrischen Psychologin auf 90 Prozent aufgestockt. 70 Kinder und Jugendliche wurden 2016 betreut, die weitaus meisten von ihnen stammen aus Syrien und Afghanistan. 49 der Kinder und Jugendlichen kamen ohne Eltern nach Deutschland: allein oder mit anderen Verwandten.

Neben der oft traumatischen Flucht leiden die Kinder und Jugendlichen unter dem Verlust der Heimat, von Angehörigen und Freunden. Ungewissheit über die Zukunft, Sprachprobleme und gesellschaftliche Veränderungen verstärkten oft die Krisen, berichtet Andreas Mattenschlager, der Leiter der Beratungsstelle. Auch drohende Abschiebungen führten zu Angst und Perspektivlosigkeit. „Erfolgreiche Stabilisierungen und Integrationsbemühungen werden zunichte gemacht, die Symptome von Trauma-Folgestörungen flammen wieder auf.“ Manche der Jugendlichen seien suizidgefährdet.

Arbeit in Schulen und Kitas

Die Caritas kooperiert in dem Projekt mit dem Behandlungszentrum für Folteropfer, aber auch mit Schulen und Kindertagesstätten. Sie seien ein wichtiger Ort für die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrung. Die Mitarbeiterinnen seien auch gefragt bei wiederkehrenden Problemen in Klassen, etwa durch anhaltende Aggressionen. Zudem bietet die Caritas Erzieherinnen und Lehrkräften Unterstützung im Umgang mit Flüchtlingskindern an.

Außer der Traumatherapie gehe es in der Arbeit häufig um „klassische Leistungen der Erziehungsberatung“, berichtet Mattenschlager. Dazu zählen Unterstützung bei Problemen in der Schule und in Beziehungen. Eingebunden sind auch Eltern und andere Bezugspersonen.

Das Projekt wird finanziert vor allem von der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit insgesamt 89 000 Euro und dem Bundesfamilienministerium mit 40 000 Euro. Zuwendungen kamen außerdem vom Dekanat Ehingen-Ulm und der Ulmer Stiftung Gänseblümchen. Mit zwei Personalstellen sei die Kapazitätsgrenze erreicht, sagt Mattenschlager. Die Wartezeit hat sich mittlerweile auf vier Monate verlängert. „Wir rechnen nicht mit einem Rückgang der Nachfrage in absehbarer Zeit.“ Nach einer Phase des Ankommens wachse bei vielen Menschen die Bereitschaft, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Auch erfülle sich die Hoffnung nicht, dass sich die Probleme von allein lösen.

Quelle: Südwest Presse

 

 

Absurde Vorwürfe gegen Direktorin der türkischen Amnesty-Sektion
06. Juli 2017

Idil Eser

Noch nie in der Geschichte von Amnesty International wurden die Direktorin und der Vorstandsvorsitzende einer Ländersektion inhaftiert. Die Staats- und Regierungschefs der G20 müssen jetzt Präsident Erdoğan klar und deutlich Einhalt gebieten und die sofortige Freilassung von İdil Eser und weiteren Inhaftierten fordern.

Am 5. Juli wurden İdil Eser, die Direktorin der türkischen Amnesty-Sektion, sieben weitere Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger sowie zwei Referenten festgenommen. Gegen sie wird offenbar wegen des Vorwurfs der “Mitgliedschaft in einer bewaffneten terroristischen Vereinigung” ermittelt. Dieser Vorwurf ist absurd und entbehrt jeder Grundlage.

“Die absurden Anschuldigungen gegen İdil Eser und gegen die neun weiteren Inhaftierten können nicht darüber hinwegtäuschen: Es handelt sich um einen schweren Angriff auf einige der prominentesten Organisationen der Zivilgesellschaft in der Türkei”, sagt der internationale Amnesty-Generalsekretär Salil Shetty.

Letzte Chance der G20

“Wenn jemand noch Zweifel am Ausmaß der Repression nach dem gescheiterten Putschversuch hatte, dann dürften sie jetzt verflogen sein: In Erdoğans Türkei soll es keine Zivilgesellschaft, keine Kritik und keine unabhängige Justiz mehr geben. Die Staats- und Regierungschefs der G20 müssen jetzt entschieden handeln – sonst wird am nächsten Gipfeltreffen nichts mehr von der Zivilgesellschaft in der Türkei übrig sein.”

“Die Festnahme von İdil Eser geschah weniger als einen Monat nach der Festnahme von Taner Kılıç, dem Vorstandsvorsitzenden der türkischen Sektion von Amnesty. Auch er befindet sich aufgrund komplett haltloser Vorwürfe in Untersuchungshaft. Das ist das erste Mal in der Geschichte, dass ein Vorstandsvorsitzender und eine Direktorin einer Ländersektion von Amnesty International inhaftiert werden”, so Shetty weiter.

“Sie müssen zusammen mit allen anderen inhaftierten Menschenrechtsverteidigerinnen und –verteidigern sofort und bedingungslos freigelassen werden”, fordert Salil Shetty

Hintergrund

Am 5. Juli um 10 Uhr morgens wurden acht türkische Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger, darunter İdil Eser, sowie zwei ausländische Referenten von der Polizei während eines Workshops zur digitalen Sicherheit in einem Hotel in Büyükada bei Istanbul inhaftiert.

Allen Inhaftierten wurde mehr als 28 Stunden lang der Zugang zu einem Rechtsbeistand verwehrt. Dies ist eine Verletzung türkischen Rechts, das nur eine Zeit von 24 Stunden erlaubt. Der Gruppe wurde auch das Recht verwehrt, ihre Familien zu kontaktieren, auch dies steht im Widerspruch zu türkischem Recht.

Die Behörden hielten den Aufenthaltsort der Inhaftierten bis am 6. Juli um ca. 15 Uhr geheim.

İdil Eser wird auf der Polizeistation in Maltepe außerhalb von Istanbul festgehalten, zusammen mit İlknur Üstün von der Women’s Coalition. Die anderen Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteiger befinden sich in drei verschiedenen Haftzentren in den Vororten von Istanbul. Rechtsbeiständen wurde am Donnerstagnachmittag erstmals Zugang zu sieben der Inhaftierten gewährt.

Der Ausnahmezustand, der vergangenes Jahr nach dem gescheiterten Putsch in Kraft gesetzt wurde, erlaubt es den Behörden, Verdächtige sieben Tage ohne Anklage in Gewahrsam zu nehmen. Diese Frist kann auf Antrag des Staatsanwalts um weitere sieben Tage verlängert werden.

Neben İdil Eser und İlknur Üstün sind die sechs weiteren Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger: Günal Kurşun (Anwalt, Human Rights Agenda Association), Nalan Erkem (Anwalt, Citizens’ Assembly), Nejat Taştan (Equal Rights Watch Association), Özlem Dalkıran, (Citizens’ Assembly), Şeyhmuz Özbekli (Anwalt) und Veli Acu (Human Rights Agenda Association).

Die beiden ausländischen Referenten – ein deutscher und ein schwedischer Staatsbürger – werden weiterhin auf der Insel Büyükada festgehalten. Sie durften mittlerweile einen Rechtsbeistand sehen.

Quelle: Amnesty International

 

 

Was ist eigentlich ein Menschenrecht?
08. Mai 2017

Die neu gegründete Stiftung Menschenrechtsbildung in Ulm will Aufklärung für Schüler und Erwachsene leisten. Daneben soll der Ulmer Menschenrechtspreis verliehen werden und es gibt 12 Vorträge.

Es gibt viel zu lernen. Fragt man Leute, ob sie Menschenrechte kennen, nennen sie meist Artikel aus dem deutschen Grundgesetz. Ganz falsch ist das nicht, weil es Überschneidungen gibt. Aber Menschenrechte wie das Recht auf Bildung, auf Leben und Freiheit, auf eine Staatsangehörigkeit, das Verbot von Folter und der Sklaverei zum Beispiel sind in der UN Charta im Jahr 1948 festgelegt worden, erklärt Stefan Drößler.

Nicht nur, weil das wenigen Leuten bewusst ist, sondern weil gerade in diesen Zeiten oft um Menschenrecht gestritten wird, hat sich die Ulmer Stiftung „Menschenrechtsbildung“ gegründet. Theoretisch bereits im September 2015, praktisch erst jetzt. „Das hatte mit formal-rechtlichen Dingen zu tun“, erklärt Drößler, der Vorsitzender des Stiftungsrates ist und gemeinsam mit Stiftungsratsmitglied Urs Fiechtner und Lothar Heusohn die Stiftung vorgestellt hat. Ziel ist, Menschenrechte, ihre Bedeutung, wie sie umgesetzt, auch wie sie verletzt und missachtet werden, bekannt zu machen. „Und ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen“, sagt Heusohn, der als einer der sechs Referenten innerhalb der Stiftung fungiert. Denn laut einer Studie aus dem Jahr 2014 bestehe in Schulen und auch bei Erwachsenen ein klares Defizit an Wissen darüber. „Das, obwohl die Kultusminister empfohlen haben, das Thema Menschenrecht in den Lehrplan und in jedes Fach einfließen zu lassen.“ Tatsächlich jedoch gehe es unter.

Kein Vorwurf an die Lehrer, die genug zu tun haben, sagt Heusohn. Aber für die Stiftung wichtig genug, um künftig eine Brückenfunktion zu übernehmen und in die Schulen zu gehen. Auf Anfrage und mit einem Angebot, das sich auf der Website leicht finden lässt: „Der Weg zu uns ist kurz“, sagt Heusohn. Auch Form und Dauer der Vermittlung sind vielfältig. Als Theater, Kunst- und Musik-Projekt etwa, als Vortrag, Seminar, für die Dauer von Projekttagen, für wöchentliche Treffen. Als Beispiel nennt Fiechtner die elfte Klasse einer Schule in Weißenhorn, die die Autobiografie eines zum Tode verurteilten Mannes aus dem Englischen übersetzt hat. „Ein preiswürdiges Projekt, bei dem viel über Menschenrechte diskutiert wurde.“

Ebenfalls auf der Agenda der Stiftung steht eine monatliche Vortragsreihe – immer donnerstags – im Forum der Ulmer Volksbank. Sinn ist, dass Ulmer Bürger sich kritisch und diskursiv mit zentralen Menschenrechtsthemen auseinandersetzen“, sagt Drößler.

Die erste Veranstaltung ist am Donnerstag, 11. Mai, am Olgaplatz um 18.30 Uhr. Unter dem Titel „Vor Reisen nach Afghanistan wird dringend gewarnt“, sprechen der ehemalige ARD-Korrespondent Marc Thörner und der Asylrechtsexperte Wolfgang Grenz.

Quelle: Südwest Presse

 

 

Spendenübergabe der Adalbert-Stifter-Gemeinschaftsschule

Spendenuebergabe

Gleich zwei Projekte können vom Erlös des Adventsmarkts profitieren, den die SMV der Adalbert-Stifter-Gemeinschaftsschule natürlich im Dezember organisiert hatte. Die Schüler der Schule vom Eselsberg sind mächtig stolz, dass sie insgesamt 2700 Euro eingenommen haben. Kürzlich haben die Schüler die Spenden offiziell übergeben. Das Geld geht jeweils zur Hälfte an zwei Projekte. Zum einen an eine regionale Einrichtung, dem Behandlungszentrum für Folteropfer (Ulm) und zum anderen an die Waisenschule St. Jael in Mombasa, Kenia. Im BFU wird laut Manfred Makowitzki , dem organisatorischen Leiter, das Spendengeld vor allem für kunsttherapeutischer Angebote für traumatisierte Kinder und Jugendliche eingesetzt. Die kleine Waisenschule in Mombasa steckt das Geld vor allem in die Ausstattung ihrer Schule. So konnten bereits Schulbänke und Schulkleidung angeschafft werden, wie Andreas Ranz sagte, ein privater Unterstützer.

Quelle: Südwest Presse (28.01.2017)

 

Hilfe für traumatisierte Kinderseelen
13. Dezember 2016

Sie werden oft vergessen. Weil sie ihre Gefühle nicht ausdrücken können und selbst nicht wissen, was mit ihnen los ist. Aber man merkt es ihnen an. Eltern berichten von Angstattacken, völliger Überdrehtheit und Rückzug in Sprachlosigkeit. Das sind die Erfahrungen, die Psycho- und Kunsttherapeuten der Caritas Ulm und des Behandlungszentrums für Folteropfer Ulm (BFU) im Kontakt mit den Kindern von Geflüchteten machen. Seit rund einem Jahr gibt es deshalb das Projekt „Therapie für traumatisierte Flüchtlingskinder“ in der städtischen Gemeinschaftsunterkunft am Mähringer Weg. Jetzt haben die Verantwortlichen eine Zwischenbilanz gezogen.

„Wir haben mit unserer Beratung zunächst immer nur eine Gruppe erreicht“, sagt Andreas Mattenschlager, Leiter der psychologischen Familienberatungsstelle der Caritas, im Rückblick. Und zwar die der unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge. Sie seien nach ihrer Ankunft in Deutschland, respektive in Ulm, relativ schnell und gut versorgt worden. Sowohl bezüglich der Unterkunft wie auch der psychologischen Betreuung.

Wer nicht kam, waren Kinder. Der Grund: „Sie und ihre Nöte werden gar nicht wahr genommen“, sagt Mattenschlager. Um ihnen zu helfen, sei ein Angebot vor Ort nötig. Niederschwellig, wie es heißt, sollte es sein und vor allem kreativ – „denn über Malen und plastische Gestalten können sich Kinder am ehesten ausdrücken. Auch, weil dann die Sprache keine Rolle spielt, es also egal ist, ob sie Deutsch sprechen oder nicht.“

Im Mähringer Weg fanden sich geeignete Möglichkeiten. Seit Mai können Kinder montags für rund drei Stunden in einem großen Raum mit Malwänden Bilder malen sowie mit Ton und Gips arbeiten. Und es ergab sich eine Arbeitsteilung, die Fachkräften und Betroffenen zugute kommt. Denn Leiterin der Kreativtherapie ist seit September die Kunsttherapeutin Regine Schempp, die vom BFU bezahlt wird.

Ihre Eindrücke – sowohl vom Verhalten der Kinder wie deren Bilder – bespricht sie mit Nahler, die dann wiederum zusammen mit der Syrerin Jomana Mamari zu den Eltern der Kinder geht und Unterstützung anbietet. „Sie sind froh, weil sie oft nicht wissen, wie sie ihren Kindern helfen können. Oder aufgrund ihrer eigenen Schwierigkeiten gar nicht darauf geachtet haben“, sagt Stefanie Nahler. Des gleichen erfüllten sie eine vermittelnde Funktion zu den Sozialarbeitern. „Manchmal gibt es Missverständnisse die wir ausräumen können.“ So baue sich Vertrauen auf.

Das wiederum ist Voraussetzung für den nächsten Schritt: „Dass die Menschen die Beratungsstelle aufsuchen, wenn sie in ihren eigenen Wohnungen leben, sagt Mattenschlager. Denn über kurz oder lang werde die Gemeinschaftsunterkunft wahrscheinlich leer sein. Ob es Möglichkeiten für die Maltherapie in den Anschlussunterbringungen gebe, sei nicht klar. Zunächst einmal jedoch sei er froh, dass es in Ulm Hilfe für Kinder gebe. „Obwohl Experten sagen, wie wichtig die psychische Betreuung ist, wird sie leider nur selten umgesetzt.“

Quelle: Südwest Presse

 

 

Positionspapier der „Landesarbeitsgemeinschaft Flucht und Trauma der Psychosozialen Zentren Baden-Württemberg“ an die neue Landesregierung von Baden-Württemberg

Weltweit sind viele Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg und Gewalt. Spätestens seit 2015 stellt diese Entwicklung die fünf Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (PSZ) in BadenWürttemberg vor enorme Herausforderungen. Die dolmetschergestützte psychotherapeutische und psychosoziale Versorgung von traumatisierten Flüchtlingen ist eine notwendige Voraussetzung für die gelingende Integration von Flüchtlingen in die Gesellschaft. Die fünf PSZ leisten hierbei einen wichtigen Beitrag. Durch eine erneute bedarfsgerechte Förderung der PSZ durch das Land Baden-Württemberg kann diese Arbeit erfolgreich fortgesetzt werden.

1. Gesetzliche und politische Rahmenbedingungen

Im Hinblick auf die derzeit noch ausstehende nationale Umsetzung der „EU-Aufnahmerichtlinie 2013/33/EU für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge“ hat die Landesregierung von Baden-Württemberg bereits im Jahr 2014 mit der Verabschiedung des „Gesetztes über die Aufnahme von Flüchtlingen“ (FLÜAG vom 21.01.2014) einen wichtigen gesetzgeber-ischen Impuls zur Feststellung und Behandlung von besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen gesetzt. In § 5 FLÜAG heißt es:

„Bei der Ausführung dieses Gesetzes berücksichtigen die Aufnahme-behörden die besonderen Belange schutzbedürftiger Personen im Sinne des Artikels 21 der Richtlinie 2013/33/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen. Diesen Rekurs auf die EU-Aufnahmerichtlinie im Flüchtlingsaufnahmegesetz des Landes Baden-Württemberg begrüßen wir ausdrücklich!

Aus unserer Sicht ist dieser Rekurs auch im Hinblick auf den Artikel 25 der EU-RL („Opfer von Folter und Gewalt“) von erheblicher Bedeutung, in dem es heißt:

„Die Mitgliedstaaten tragen dafür Sorge, dass Personen, die Folter, Vergewaltigung oder andere schwere Gewalttaten erlitten haben, die Behandlung insbesondere Zugang zu einer adäquaten medizinischen und psychologischen Behandlung oder Betreuung erhalten, die für den Schaden, welcher ihnen durch derartige Handlungen zugefügt wurde, erforderlich ist“.

Vor diesem Hintergrund begrüßen wir auch die im aktuellen Koalitionsvertrag zwischen Bündnis 90/DIE GRÜNEN Baden-Württemberg und der CDU Baden-Württemberg zum Ausdruck gebrachten politischen Zielsetzungen:

„Therapieangebote für traumatisierte Flüchtlinge und die Dolmetscherdienste sollen in Baden-Württemberg flächendeckend erfasst und bedarfsgerecht ausgebaut werden. Hierzu ist die Expertise der Landesärztekammer und der Berufsverbände einzubinden. Die Therapie der Traumatisierten ist Voraussetzung dafür, sie in die Gesellschaft integrieren zu können. Eine Finanzierung der Behandlung ist sicherzustellen. Die Belange von ge-flüchteten Mädchen und Frauen werden wir identifizieren und entsprechende Maßnahmen ergreifen.

2. Klärung der Bedarfe nach ambulanter dolmetschergestützter Psychotherapie bei traumatisierten Flüchtlingen

Die Klärung der Bedarfe nach ambulanter dolmetschergestützter Psychotherapie bei traumatisierten Flüchtlingen ist politisch hoch aufgeladen und kann hier nicht vertieft behandelt werden. Aus der Praxis wissen wir, dass Flüchtlinge mit einer Trauma-folgestörung und unentschiedener Bleibeperspektive eine besonders vulnerable Klienten-gruppe darstellen. Sie haben meist eine schreckliche Vergangenheit, sind aktuell oft schwer krank und haben eine unsichere Zukunft in Deutschland.

Wir können in Ermangelung geeigneter statistischer Angaben über die Anzahl der potentiell behandlungsbedürftigen Flüchtlinge mit unentschiedener Bleibeperspektive im Weiteren nur der Frage nachgehen, wie hoch der mutmaßliche Behandlungsbedarf unter den Flüchtlingen mit relativ hoher Schutzquote ist.

Die Zahl der Erstantragsteller- und Folgeantragsteller unter den Flüchtlingen in Baden-Württemberg entwickelte sich wie folgt:

  • 2014: 25.673
  • 2015: 61.671
  • 2016: 81.343

Uns liegen die Schutzquoten für Flüchtlinge von nur wenigen Hauptherkunftsländern und nur bezogen auf das gesamte Bundesgebiet vor. Die Schutzquote der Erst- und Folge-antragsteller bei den drei zugangsstärksten Fluchtländern für die Zeit von Januar bis Oktober 2016 (Syrien, Afghanistan und Irak) mit bundesweit insgesamt 472.848 von 693.758 Erst- und Folgeantragsteller (entsprechend 68 Prozent,) betrug für

  • Syrien 250.008 Entscheidungen/Gesamtschutzquote 98,1 %
  • Irak 45.082 Entscheidungen/Gesamtschutzquote 71,5 %
  • Afghanistan 35.535 Entscheidungen/Gesamtschutzquote 51,3 %

Die gemittelte und gewichtete Gesamtschutzquote für Flüchtlinge aus diesen drei Hauptherkunftsländern beträgt über 71,08 Prozent.

Bezogen auf die 81.343 Erst- und Folgeantragsteller in Baden-Württemberg im Zeitraum 110.2016 und nur für die drei Hauptherkunftsländer gehen wir rechnerisch von ca. 39.316 Flüchtlingen mit hoher Schutzquote aus: Das entspricht etwa der Einwohnerzahl von Nürtingen!

Die für unseren Zuständigkeitsbereich wichtige Richtgröße ist die Prävalenzrate für das Vorliegen einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) bei Flüchtlingen. Studien, die in Deutschland durchgeführt wurden, zeigen, dass etwa 40 bis 50 Prozent der erwachsenen Flüchtlinge unter einer PTBS und etwa 50 Prozent unter einer Depression leiden (Gäbel et al. 2006, von Lersner et al 2008), wobei die Erkrankungen häufig gemeinsam auftreten (Perkonigg et al. 2000, Flatten et al. 2011).

Bezogen auf die Situation in Baden-Württemberg und nur bezogen auf die drei zugangsstärksten Fluchtländer Syrien, Irak und Afghanistan müssen wir somit bei ca. 20.000 Flüchtlingen mit einer Traumafolgestörung rechnen. Eine Gesamterhebung über alle Flüchtlingspopulationen käme für Baden-Württemberg zu noch größeren Fallzahlen.

Es ist uns bewusst: Nicht jeder Flüchtling, der Symptome einer PTBS oder eine anderen Traumafolgestörung hat, wünscht eine psychotherapeutische Behandlung. Andererseits ist nicht von der Hand zu weisen, dass eine länger nicht behandelte chronifizierte PTBS einen erheblichen Leidenszustand für den Betroffenen wie auch für sein familiäres und soziales Umfeld bedeutet. Der Verlust der Arbeits- und Beziehungsfähigkeit zumal in einer völlig fremden neuen Kultur hat überdies auch erhebliche wirtschaftliche Folgen für die Aufnahmegesellschaft. Eine zeitnahe psychotherapeutische und psychosoziale Behandlung ist daher ein wichtiger wenngleich auch nicht der einzige integrationsfördernde Faktor. Bei einer solch hohen Zahl von zunächst bleibeberechtigen vulnerablen Flüchtlingen wie derzeit, ist die Stärkung der dolmetschergestützten psychotherapeutischen und psycho-sozialen Versorgung von traumatisierten Flüchtlingen eine wichtige gesundheitspolitische und integrationspolitische Aufgabe.

Die Bundespsychotherapeutenkammer kommt auf der Basis der oben genannten der Studien zu dem Ergebnis, das der Anteil der an PTBS erkrankten Flüchtlinge etwa 20 Mal häufiger ist als in der deutschen Bevölkerung, der Anteil der an Depressionen erkrankten ist sechs Mal so häufig.

Bei Kindern von Flüchtlingen in Deutschland kommen Studien zu dem Befund, dass fast die Hälfte dieser Flüchtlingskinder deutlich psychisch belastet ist (Gavranidou et al. 2008). Rund 40 Prozent seien durch das Erlebte in wichtigen Lebensbereichen wie z.B. dem schulischen Lernen und den zwischenmenschlichen Beziehungen deutlich eingeschränkt. 19 Prozent der Flüchtlingskinder erfüllen das Vollbild einer PTBS. Dies entspricht etwa dem 15-fachen Anteil gegenüber deutschen Kindern und Jugendlichen, von denen 1,2 Prozent von einer PTBS betroffen sind (Essau et al 1999).

3. Entwicklung der Versorgungskapazitäten der fünf PSZ in Baden-Württemberg

Im Jahr 2015 wurden in den fünf PSZ in Baden-Württemberg insgesamt 2.084 traumatisierte Klientinnen und Klienten aus über 35 Ländern psychotherapeutisch und psychosozial behandelt. Im Vorjahr (2014) wurden 1.698 Klienten behandelt. Dies entspricht einem Anstieg um 22,74 Prozent. Zudem konnte im Jahr 2015 die psychosoziale und psychotherapeutische Versorgungsleistung der PSZ für Kinder in Familien um 81,09 Prozent und die für unbegleitete minderjährige Flüchtlingen (UMF) um 71,93 Prozent gesteigert werden.

  • Das Versorgungsgebiet der PSZ in Baden-Württemberg umfasst die Gebiete des Regierungspräsidiums Stuttgart, des Regierungspräsidiums Tübingen sowie den Großraum Karlsruhe und des südlichen RP Freiburg. Vereinzelt können auch Flüchtlinge aus Nordbaden als Klienten aufgenommen werden.
  • Es wurden in 2015 vor allem mit Hilfe der erhöhten Landesmittel und mit kirchlichen Eigenmitteln neue Versorgungsangebote für besonders vulnerable Flüchtlingsgruppen (Kinder, Frauen, Mädchen, UMF) geschaffen.
  • Regionale Initiativen zum Aufbau weiterer notwendiger Versorgungsstrukturen in bisher unzureichend versorgten Gebieten, bspw. in Nürtingen, wurden fachlich beraten und unterstützt.

Dennoch müssen wir feststellen, dass die gesteigerten Angebote der fünf PSZ die deutlich gestiegene Nachfrage nach dolmetschergestützter ambulanter Psychotherapie und psychosozialer Versorgung nicht im gesamten Land abdecken konnten. Die Wartezeit in den PSZ bis zu einem ersten Termin beträgt i.d.R. zwischen 7–9 Monate. Wichtig ist uns auch eine Ausweitung des dolmetscherstützten psychotherapeutischen und psychosozialen Angebots für traumatisierte Flüchtlingskinder und -jugendliche in Familien und Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge (UMF) in Baden-Württemberg. Die bestehenden kleinen lokalen Modellprojekte müssen nachhaltig finanziert und entsprechend dem Mehrbedarf, der sich abzeichnet, ausgebaut werden.

4. Verbesserung des klinischen Beschwerdebildes der Klienten

Im Jahr 2014 wurde im Rahmen zweier Kooperationsprojekte von BFU, Refugio Villingen-Schwenningen und PBV Stuttgart eine Evaluation bezogen auf die Qualität der psychotherapeutischen und psychosozialen Arbeit in den drei PSZ erstellt. Die Studie um-fasste N=167 Klienten. Ein kurzer Auszug aus der Studie:

  1. Nach Einschätzung der Therapeuten konnte im Berichtszeitraum eine deutliche Verbesserung des Befindens und der sozialen Situation der Klienten festgestellt werden: so schätzten die Therapeuten das körperliche Befinden im Vergleich zum Beginn der Therapie bei 66,6 Prozent der Klienten als besser ein, das psychische Befinden sogar bei 73,5 Prozent und die soziale Situation bei 70,9 Prozent als besser oder deutlich besser ein.
  2. Anhand der Auswertung des GAF, der das Funktionsniveau der Klienten (psychisch, sozial, beruflich) erfasst, wurde ermittelt, dass sich der Durchschnittswert zu Beginn der Diagnostik von 57,7 während der Therapie auf 67,5 erhöhte.
  3. Im BSS (Beeinträchtigungs-Schwere-Score) gaben 65,8 Prozent der Klienten eine Verbesserung oder starke Verbesserung auf körperlicher Ebene und 76,9 Prozent auf psychischer Ebene und 65,8 Prozent auf sozialkommunikativer Ebene an.

5. Zusatzleistungen der PSZ

Neben dem Anstieg der Bedarfe an den bestehenden Angeboten des multimodalen psychosozialen und psychotherapeutischen Leistungsspektrums der Psychosozialen Zentren in Baden-Württemberg wurde auch ein signifikanter Anstieg der Bedarfe an Fortbildungen und Schulungen der PSZ als Kompetenzzentren für die Beratung und Behandlung traumatisierter Flüchtlinge verzeichnet. Zum Zweck der Synergiebildung und Nutzung von Multiplikatoren-Effekten konnten so Vertreter verschiedenster Berufsgruppen im Hilfesystem für traumatisierte Flüchtlinge weitergebildet werden. Im Rahmen des Sonderkontingentprojektes für yezidische Frauen und Kinder des Landes Baden-Württemberg haben die PSZ von Beginn an einen wichtigen Beitrag in der dolmetscher-gestützten psychotherapeutischen Versorgung dieser Klientinnen geleistet.

Bewältigt werden konnten diese Herausforderungen aufgrund der im Jahr 2015 vorgenommenen bedarfsangepassten Erhöhung der Landeszuwendungen an die fünf baden-württembergischen PSZ von jährlich 65.000 EUR/PSZ auf 100.000 EUR/PSZ jeweils für die Jahre 2015 und 2016. Der Landeszuschuss war im Jahr 2015 mit im Mittel 26,33 Prozent die wichtigste Einnahmequelle für die PSZ in Baden-Württemberg.

6. Förderung der baden-württembergischen PSZ durch das Land Baden-Württemberg

Dank der Erhöhung der jährlichen Landesförderung an die PSZ auf je 100 000 EURO ab 2015 basierte auf den Zuwanderungszahlen 2013 und 2014. Die Zuwanderung von 2015 schlägt sich in den PSZ mit einer Zeitverzögerung von mehreren Monaten bis zu 2 Jahren nieder, ab jetzt und in den Folgejahren. Das zeigen die hohe Anzahl an Klienten und die hohen Anmeldezahlen/lange Wartelisten. Ursache für diese Zeitverzögerung liegen in der prioritären Sicherstellung der Primärbedürfnisse (Unterkunft, Umstellung in der Nahrung, Deutschlernen, Ausbildung, Arbeit, Schulpflicht, Alltagsbewältigung).

Schon für dieses Jahr und v.a. für die Folgejahre gehen wir jedoch von weiterhin deutlich erhöhten Anmeldungen für eine Behandlung aus, die mit dem Bestandspersonal nicht mehr zu bewältigen sind. Wir gehen davon aus, dass die Flüchtlingswelle von 2015 uns auch wegen zwischenzeitlich erfolgter aufenthaltsrechtlicher Einschränkungen v.a. beim Familiennachzug mutmaßlich zwei Jahre später (also ab 2017) erreichen wird. Erschwerend ist, dass die Erstattungsmodalitäten der vorrangigen Kostenträger so begrenzt wurde, dass sich die bisherigen Einnahmen für die Behandlungskosten aus §§ 4 und 6 AsylbLG nach der Novelle im März 2015 (Reduktion der maximalen Bezugsdauer von 48 Monate auf 15 Monate) faktisch mindestens halbiert haben. Eine fehlende Kassenzulassung der PSZ wird oft als Grund angeführt, dass die PSZ mit der GKV nicht abrechnen können. Vielmehr ist es jedoch die Tatsache, dass Psychotherapien keine Regelleistung der GKV, sondern vielmehr eine KANN-Leistung sind, demnach nicht erstattet werden müssen, und zudem die für eine Psychotherapie notwendigen Dolmetscherkosten grundsätzlich nicht erstattet werden dürfen. Die GKV entfällt damit als realer Kostenträger für die Traumabehandlung mit Dolmetscher in den PSZ.

Aufgrund dieser veränderten Rechtslage (EU-RL in Verbindung mit § 5 FLÜAG einerseits und der Novelle im AsylbLG andererseits) und der Notwendigkeit einer Anpassung der personellen Kapazitäten an die steigenden Bedarfszahlen beantragen die fünf Psychosozialen Zentren in Baden-Württemberg eine Erhöhung der jährlichen Landesförderung auf 600.000 EUR.

Wir bitten Sie, die erfolgreiche und sehr wirksame Landesförderung für die fünf PSZ in Baden-Württemberg auch in dieser Legislaturperiode fortzuführen und entsprechend dem notwendigen Mehrbedarf aufzustocken, sowie die Bemühungen um eine verbesserte psychotherapeutische und psychosoziale Versorgung von traumatisierten Flüchtlingen in der Fläche zu fördern.

Für die Unterstützung durch die Landesregierung Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren und Ihre weiteren Bemühungen danken wir Ihnen sehr!

Ulm, Stuttgart, Villingen-Schwenningen, Karlsruhe, den 29.11.2016

Manfred Makowitzki M.A. (Org. Leitung des Behandlungszentrums für Folteropfer Ulm)

Cornelia Vereecke-Richter M.A. (Geschäftsleitung von refugio stuttgart e.v. )

Dipl. Psych. Dieter David (Leiter der Psychologischen Beratungsstelle für politisch Verfolgte und Vertriebene, Stuttgart)

Dr. Astrid Sterzel (Geschäftsleitung von Refugio Villingen-Schwenningen e.V.)

Dr. med. Joachim Aspacher (Vorsitzender des Vereins zur Unterstützung traumatisierter Migranten e.V., Karlsruhe)

 

 

 

Vielfältiges Programm in Ulm zum Tag des Flüchtlings
4. Oktober 2016

Als solidarische Stadt und mit einem vielfältigen Programm feierte eine Kooperationsveranstaltung den Nationalen Tag des Flüchtlings.

Strichmännchen, die ins Meer springen; ein Auto als Hoffnungszeichen, dazu ein surrealistisches Herz; und schließlich ein Haus vor dem eine deutsche Flagge weht. Die Bilder der 5- bis 13-jährigen Flüchtlingskinder, die in der Kunsttherapie des Ulmer Behandlungszentrums für Folteropfer und der Caritas entstanden sind, umrahmten das Programm zum Nationalen Tag des Flüchtlings. Die Veranstaltung im Haus der Begegnung stand ganz im Zeichen der Vielfalt.

Zwischen Kunst, Kultur und Speisen eines Kochprojekts der Suso-Kirche, formulierte Bürgermeister Gunter Czisch in seiner Ansprache den Satz, der zum Motto des Ganzen werden sollte: „Ulm ist eine solidarische Stadt und hat die Verantwortung für die Flüchtlinge angenommen.“ In der Konsequenz bedeute das nicht nur eine Vielfalt der Helferlandschaft, sondern eben auch konkrete kommunale Maßnahmen der Stadt, wie etwa sozialer Wohnungsbau.

Der Nationale des Flüchtlings ist Teil der Ulmer und Neu-Ulmer Tage der Begegnung, eine interkulturelle Veranstaltungsreihe die mit verschiedenen Aktionen den Blick auf Internationalität neu zu entdecken versucht. „Je weniger wir in unserem Alltag mit Flüchtlingen zu tun haben, desto mehr verbinden wir das Wort mit Gewalt, Krieg, Tod, mit Lebensgefahr oder aus Seenot geretteten Kindern“, sagte Wolfgang Erler, Vorsitzender des Flüchtlingsrats Ulm/ Alb-Donau-Kreis. „Dabei sind wir aber immer eher ohnmächtige Zaungäste“, meinte er und deshalb brauche es gelebte Solidarität und persönliche Begegnungen, auch als ein Rezept gegen das Unbehagen.

„Die Stadtverwaltung und die Stadtspitze hat dafür sehr schnell und sehr offen mit der Einrichtung eines Runden Tischs Flüchtlinge diese Grundlagen geschaffen“, sagte Erler. Und auch die Idee zu dem erstmals in dieser Form durchgeführten Tag des Flüchtlings als interkulturelle Veranstaltung kam vom Runden Tisch Flüchtlinge. Ende Juni habe Markus Kienle als Mitglied im Sprechergremium in einer Sitzung in die Runde gefragt, ob und was man anlässlich des Nationalen Tag des Flüchtlings machen könne.

„Nach gefühlten zehn Minuten Schweigen habe ich mich dann gemeldet, und so ist in ziemlich kurzer Zeit und unter Mithilfe ganz vieler Organisationen und Vereine diese Veranstaltung hier auf die Beine gestellt worden“, berichtete Manfred Makowitzki vom Behandlungszentrum für Folteropfer.

Insgesamt 17 Veranstalter hatten ein dreistündiges Programm auf die Beine gestellt, bei dem auch die Künstler von Moving Rhizomes mit „Before I die“ durch ihre Performance Raum schafften für die Träume und Bedürfnisse der Menschen. Wie schon im Stadthaus im vergangenen Juli zeigte das Tanzprojekt mit Flüchtlingen und angeleitet von der „Kunstschimmer“-Kuratorin Cecilia Espejo intensive Bilder und getanzte Emotionen von Fluchtgeschichten zu ausdrucksstarker Musik.

„Insgesamt war das eine klasse Sache“, resümierte Lothar Heusohn, der durch den Abend führte. Gleichwohl der Anspruch ein anderer sein muss: „Solche Veranstaltungen sind wichtig und gut, auch um uns untereinander zu verständigen“, sagte Heusohn. Aber über das Kennenlernen der zahlreichen Helfer hinaus und über das gute Gefühl, das nach einer solch bunten Veranstaltung hinaus bleibe, brauche es auch öffentliche Orte, an denen solche Begegnungen stattfinden können.

„Wir müssen uns überlegen, wie man das, was man Diskurse nennt, weiterführen kann“, so Heusohn weiter. Denn: „Wir müssen es schaffen, dass ein Miteinander entsteht, an jedem Ort, auch, um die Geflüchteten nicht zu reduzieren auf dieses Wort und ihnen damit die konkreten Biografien, ihre Träume, Phantasien und Hoffnungen zu nehmen.“

Quelle: Südwest Presse

 

 

700 Wohnungen fehlen
Ulms Oberbürgermeister Gunter Czisch über die Herausforderungen der Einwanderung
4. Oktober 2016

Zum Internationalen Tag des Flüchtlings sprach Ulms Oberbürgermeister Gunter Czisch im Haus der Begegnung (HdB) über die Situation der Flüchtlinge und Migranten in Ulm. Czisch lobte das Engagement der 17 Unterstützer-Organisationen und -Vereine, die sich im HdB präsentierten, und rief zu einer nüchternen, offenen und differenzierten Diskussion über die Chancen und Risiken der Zuwanderung auf. Das Asylrecht werde leider in der öffentlichen Diskussion mit Zuwanderung vermischt.

Diese Diskussion sei auch deshalb schwierig, weil Krieg grausame Realität ist, die nun nicht mehr im Fernsehen stattfindet, sondern durch die Flüchtlingswelle direkt bei den Menschen angekommen ist. „Ulm hat seine Verantwortung angenommen“, sagte Czisch. Vertreibung und Flucht seien seit jeher Teil der Stadtgeschichte. Gerade jene Kirchen, die in der jüngsten Vergangenheit ihren 50. Geburtstag feierten, verdanken ihre Existenz dem Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Jedes Stadtquartier müsse angesichts fehlender Wohnungen nun seinen Beitrag leisten, erläuterte Czisch. Mindestens 700 Wohnungen gelte es zu errichten, „wenn es gelingt, mehr“. „Wir bauen Wohnungen auch für Flüchtlinge, aber nicht nur.“

Ulm sei eine Stadt, „die früh begonnen hat, sich mit Themen der Migration zu beschäftigen“, erklärte Czisch und verwies beispielsweise auf den Flüchtlingsrat. Es gelte jedoch auch, Sorgen und Nöte anzunehmen, die viele haben und die Verunsicherung anzunehmen; es gebe eine zunehmende Konkurrenz um die Hilfe aus dem Sozialsystem.

Die Menschlichkeit fordere, Flüchtlingen zu helfen; die Menschlichkeit fordere aber ebenso, den negativen Begleiterscheinungen des Flüchtlingsstromes Einhalt zu gebieten. Kriminelle herauszufiltern und konsequent zu bestrafen nütze allen, auch der anständigen Mehrheit derer, die in Ulm Zuflucht gesucht haben, sagte Czisch und lobte die sehr gute Zusammenarbeit mit jenen, die für die Sicherheit in Ulm sorgen, die eine Grundlage für Frieden sei. Ulm wolle Heimat für alle sein, die Stadt habe das Ziel einer gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe.

Czisch beschrieb Ulm auf gutem Weg: Spätestens zwei Monate nach Ankunft sollen alle Kinder von Flüchtlingen und Migranten in die Schule gehen. Drei- bis Sechsjährige erhalten innerhalb von drei Monaten ein Kindergarten-Angebot, und jeder erwachsene Flüchtling bekommt innerhalb eines Vierteljahres nach seiner Ankunft einen Deutschkurs offeriert – ein Angebot, das in 70 Prozent der Fälle angenommen wird. (köd)

Quelle: Augsburger Allgemeine

 

 

Anti-Folter-Verordnung: Menschenrechte und Handelspolitik kein Widerspruch
4. Oktober 2016 Menschenrechte Presse

Die überwältigende Mehrheit der Abgeordneten im Europäischen Parlament hat heute die überarbeitete Anti-Folter-Verordnung angenommen. Die Abgeordneten stimmten für ein Exportkontrollsystem, das die Ausfuhr von Produkten, die zur Anwendung von Folter oder zur Durchführung der Todesstrafe eingesetzt werden können, strenger regelt. Unter diese Produkte können unter anderem Schlagstöcke oder Narkosemittel fallen.h

Unter anderem soll in Zukunft auch der Transit durch die Europäische Union verboten werden, wenn Grund zur Annahme besteht, dass die Ware im Zielland zur Folter oder Todesstrafe genutzt wird. Auch das Bewerben von Folterinstrumenten auf Handelsmessen wird verboten. Zudem wird die Europäische Kommission zukünftig schneller neue Produkte auf die Liste verbotener oder genehmigungspflichtiger Güter setzen können.

Barbara Lochbihler, Vize-Präsidentin des Ausschusses für Menschenrechte und Berichterstatterin für den Unterausschuss für Menschenrechte, erklärt:h

„Das Europäische Parlament zeigt eindrücklich, dass Menschenrechte und eine kohärente Handelspolitik kein Widerspruch sind. Im Gegenteil können wir mit einer klugen Handelspolitik der Durchsetzung von Menschenrechten dienen, den nötigen politischen Willen vorausgesetzt.

Es darf nicht sein, dass Unternehmen unter dem Deckmantel der Sicherheitstechnik Güter aus der Europäischen Union exportieren, die in Drittländern für Folter und Todesstrafe eingesetzt werden. Dieses zynische Geschäftsmodell wollen wir mit unserer Reform beenden.h

Die Änderungen der Verordnung waren längst überfällig. Die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten müssen die neuen Bestimmungen nun zügig und konsequent umsetzen. Denn der Weg hin zu einer Welt ohne Folter und ohne staatlich verordnetes Töten ist noch weit.”

 

 

BUNDESWEITER FLÜCHTLINGSTAG
AMNESTY INTERNATIONAL UND PRO ASYL KRITISIEREN VERANTWORTUNGSLOSE EU-FLÜCHTLINGSPOLITIK
29. September 2016

Amnesty International und PRO ASYL kritisieren die Europäische Union für geplante Projekte mit Staaten wie Ägypten oder dem Sudan in der Flüchtlingspolitik sowie die beabsichtigte Verschärfung des Dublin-Systems. Anlässlich des bundesweiten Flüchtlingstages am 30. September sagt Wiebke Judith, Expertin für Asylpolitik bei Amnesty International in Deutschland: “Die EU-Kommission versucht, ihre Verantwortung für Flüchtlinge immer weiter vor die Grenzen Europas auszulagern. Dabei schreckt sie auch nicht davor zurück, mit Regierungen zu kooperieren, die selbst massive Menschenrechtsverletzungen begehen und damit Menschen zur Flucht zwingen.” PRO ASYL-Geschäftsführer Günter Burkhardt kritisiert: “Es ist scheinheilig, wenn EU-Politiker Menschenrechte in Europa beschwören und gleichzeitig den Ausverkauf der Menschenrechte in Europa vorantreiben.” Vereinbarungen mit Staaten wie Ägypten oder dem Sudan sind menschenrechtlich nicht haltbar, durch sie soll zum Beispiel die Flucht aus Eritrea über den Sudan verhindert werden.

Die sudanesische Regierung hat in diesem Jahr mindestens 30 Mal Chemiewaffen wie Senfgas gegen die eigene Bevölkerung in Darfur eingesetzt, wie ein heute veröffentlichter Amnesty-Bericht dokumentiert. “Die gleichen Sicherheitskräfte, die für die Flucht von 3,7 Millionen Sudanesen verantwortlich sind, sollen nun verhindern, dass Flüchtlinge über den Sudan das Mittelmeer erreichen”, sagt Judith. Für eine bessere Grenzsicherung will die EU unter Federführung unter anderem der deutschen Bundesregierung auch Ausstattung und Trainings für sudanesische Sicherheitskräfte bereitstellen.

Ägypten erlebt gerade eine der schwersten Menschenrechtskrisen in der Geschichte des Landes. Staatliche Sicherheitsdienste nehmen unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung seit etwa 18 Monaten willkürlich politische Aktivisten und Demonstranten fest, pro Tag werden nach Angaben lokaler Nichtregierungsorganisationen durchschnittlich drei bis vier Menschen verschleppt. “Die Mehrheit der Flüchtlinge in Ägypten befindet sich in einer ausweglosen Lage. Es gibt kein eigenes Asylsystem, keinerlei staatliche Versorgungsprogramme für Menschen auf der Flucht”, so Judith. Flüchtlinge in Ägypten werden auch Opfer von Menschenrechtsverletzungen. “Allein im vergangenen Jahr haben ägyptische Sicherheitskräfte mindestens 20 Sudanesen und ein achtjähriges syrisches Mädchen an der Grenze erschossen”, sagt Judith.

In ihrem Versuch, die Festung Europa weiter auszubauen, setzt die EU-Kommission auf eine Verschärfung des Dublin-Systems. Amnesty und PRO ASYL kritisieren, dass die Reformvorschläge zur Folge hätten, dass jeder Flüchtling Gefahr liefe, ohne Prüfung der Fluchtgründe in einen Nicht-EU-Staat abgeschoben zu werden, über den er eingereist ist. Damit soll europaweit eingeführt werden, was in Griechenland bereits als Teil des EU-Türkei-Deals praktiziert wird (sogenannte Zulässigkeitsverfahren). “Den menschenverachtenden EU-Türkei-Deal zum Prinzip einer allgemeinen europäischen Flüchtlingspolitik zu machen, ist ein weiterer desaströser Tabubruch”, kommentiert Burkhardt.

In Anbetracht der Menschenrechtssituation in weiteren Herkunftsländern vieler Flüchtlinge, wie zum Beispiel Syrien oder Eritrea, sehen Amnesty und PRO ASYL die jüngsten Änderungen in der Anerkennungspraxis in Deutschland kritisch. Anstatt des vollen Flüchtlingsschutzes bekommen mittlerweile etwa 70 Prozent der syrischen und 30 Prozent der eritreischen Flüchtlinge nur den sogenannten subsidiären Schutz. Ebenso sinken die Anerkennungsquoten für Menschen aus dem Irak und Afghanistan. Seit dem im März in Kraft getretenen Asylpaket II haben Menschen mit subsidiärem Schutz für die nächsten zwei Jahre keinen Anspruch auf Familienzusammenführung. “Es war der erklärte Wille der Bundesregierung, einen Nachzug von Familienangehörigen zu verhindern. Es ist also wohl kaum Zufall, dass die Anerkennungsquoten in Deutschland sinken, obwohl die Menschenrechtssituation in Syrien oder Eritrea unverändert kritisch ist”, sagt Burkhardt.

 

 

Ulmer Friedenspreis geht an das BFU

Behandlungszentrum für Folteropfer in Ulm wird für langjähriges Engagement ausgezeichnet

Über 2000 Klientinnen und Klienten hat das Behandlungszentrum für Folteropfer in Ulm (BFU) seit seiner Gründung im Jahr 1995 bereits behandelt und betreut. Vielen Menschen, die unsagbares Leid erfahren mussten, die eine dramatische Flucht hinter sich haben und die sich in der Fremde nur schwer verständigen können, konnte so eine neue Perspektive gegeben werden. Diese Arbeit wurde heuer durch die Vergabe des Ulmer Friedenspreises honoriert.

Der Vorsitzende des Vereins für Friedensarbeit, Reinhard Köhler, betonte die Bedeutung der psychosozialen Behandlungszentren für die Überlebenden von Folter und nicht zuletzt für den Frieden. Auch Oberbürgermeister Gunter Czisch machte in seiner Glückwunschrede deutlich, dass man sich der kriegerischen Hintergründe bewusst sein müsse, vor denen die Menschen flüchten.

AI Ulmer Friedenspreis 27 06 2016 17

Doch auch nachdem Menschen aus ihrer Heimat vor Gewalt fliehen, sind sie nicht sicher. Das erlittene Trauma holt viele von ihnen ein und das normale Gesundheitssystem fängt sie nicht auf. „Ein Deutscher kann mit seinem Psychiater auf einer relativ ähnlichen Ebene kommunizieren. Sie haben dieselbe Muttersprache, einen gleichen kulturellen Hintergrund. Für Folteropfer stellt sich die Situation ganz anders dar“, erklärt Urs Fiechtner, Sprecher von Amnesty International in Ulm. Die Organisation kennt und schätzt die Expertise der Behandlungszentren, die zum Beispiel für die psychotherapeutische Behandlung im Fachgebiet Trauma, Dolmetscher stellen, welche von den Gesundheitsträgern nicht bezahlt werden. Daneben zeichnen sie sich insbesondere durch interkulturelle Kompetenz aus und unterstützen die Klientinnen und Klienten auch in sozialen Belangen.

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Um das Schicksal von Geflüchteten besonders eindrücklich zu machen, hat Amnesty International die „Asyl-Monologe“ der „Bühne für Menschenrechte“ nach Ulm geholt. In der Form von dramatischem Theater, wortgetreues Nachsprechen, wurden die Erfahrungen dreier Menschen präsentiert: Ali aus Togo, von Freunden liebevoll „Präsident“ genannt, Felleke aus Äthiopien, der erst willensstark Abschiebeversuche verhindern muss, um dann einen Menschenrechtspreis überreicht zu bekommen, und Safiye, die nach Jahren der Haft in der Türkei und einer absurden Asylablehnung sich für das Lebensbejahenste überhaupt entscheidet, indem sie einem Sohn und einer Tochter das Leben schenkt.

Zum Schluss wurde den Vertretern des BFU ein Scheck über 1000€ überreicht. Geld, das das Behandlungszentrum dringend braucht, um auch ohne Unterstützung der Krankenkassen fortbestehen zu können, während weltweit weiter Menschen gefoltert werden.

AI Ulmer Friedenspreis 27 06 2016 23

 

 

Vorbilder der Stadt

OB Gunter Czisch verleiht fünfmal das Ulmer Band – Geld für Vereine

Ulmer Band

Premiere für den neuen Ulmer OB Gunter Czisch: Erstmals hat er im Rathaus an fünf Ulmer Persönlichkeiten das Ulmer Band verliehen. Und zehn Vereine freuten sich über 47 000 Euro aus der Bürgerstiftung.

„Ich muss jetzt noch ein bisschen üben.“ 16 Jahre sei er Finanzbürgermeister gewesen, also eher zuständig für die Einkünfte der Stadt. „Und jetzt muss ich das Geld verteilen.“ Er sprach’s, tat’s – und das Geldausgeben ging ihm dann doch ziemlich leicht von der Hand. 47 000 Euro haben zehn Verein von der Ulmer Bürgerstiftung erhalten, die vor 20 Jahren gegründet wurde.

Was haben sich die Zeiten inzwischen nicht verändert. Stiftungen anheim is es, dass das dort angelegte Geld Zinsen bringen soll, die wiederum entsprechend der Ziele einer Stiftung ausgegeben werden. Was die Ulmer Bürgerstiftung betrifft, sind das die Vereine, die sich ums Gemeinwesen der Stadt verdient mache. 3,7 Millionen Euro hoch is das Stiftungskapital, gerade einmal 62 000 Euro hat es als Zinsen eingebracht. Wahrlich wenig, und das treibt Czisch eigenem Bekunden nach die Tränen in die Augen. Das Ganze funktioniere inzwischen ohne freundliche Spender nicht mehr, sagte er. Einer von diesen freundlichen Spendern war sein Vorgänger Ivo Gönner. Bei seiner Verabschiedung sind 34 000 Euro zusammengekommen. Und das Geld hat Gönner gleich der Bürgerstiftung weitergereicht.

Im Rahmen der kleinen, vom Collegium musicum umrahmten Feierstunde hat Czisch auch fünfmal das Ulmer Band an verdiente Ulmer Persönlichkeiten verliehen. Alle hätten sich um die Stadt verdient gemacht, sie seien also echte Vorbilder, sagte Czisch.

Renate Babic hat das Band für ihren Einsatz im sozialen Bereich erhalten und ihre Arbeit in der Seelsorgeeinheit der Ulm-Basilica. Franz Häußler aus Ermingen hat sich im politischen, sozialen und musischen Bereich engagiert, sei es als Ortschaftsrat in Ermingen, dort auch aktiv innerhalb der Dorfgemeinschaft, aber auch als Schöffe am Landgericht Ulm. Er erhielt von Czisch das Ulmer Band wie auch Manfred Makowitzki, der sich um den Aufbau des Behandlungszentrums für Folteropfer verdient gemacht hat, dessen organisatorischer Leiter er ist. Lothar Steurer ist Leiter der Psychologischen Beratungsstelle des Deutschen Kinderschutzbundes im Ortsverband Ulm/Neu-Ulm. Er ist jetzt stolzer Ulmer-Band-Träger wie Johannes Stolz, ehemaliger Geschäftsführer der Entsorgungsbetriebe Ulm, der sich als Vorsitzender des Generationentreffs mit Ulm/Neu-Ulm engagiert.

Quelle: Südwest Presse

 

 

Verteidigung der Menschenwürde. Die Arbeit der Behandlungszentren für Folteropfer.

 

 

Verleihung des „Ulmer Friedenspreis“ an das Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm
27. Februar 2016

Der Ulmer Verein für Friedensarbeit wird dieses Jahr an das BFU den „Ulmer Friedenspreis“ verleihen. Dies hat der Verein am 26. Februar 2016 mitgeteilt. Der Preis ist mit 1.000 Euro dotiert.

 

 

Stellungnahme der BAfF zum Gesetzentwurf vom 1.2.2016 („Asylpaket II“)

Gesetz zur Einführung beschleunigter Asylverfahren

Die Bundesweite Arbeitsgemeinschaft Psychosozialer Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF e.V.), Dachverband der 32 psychosozialen Behandlungszentren, Initiativen und Einrichtungen für die psychotherapeutische und psychosoziale Versorgung und Rehabilitation von Opfern von Folter und anderer schwerer Menschenrechtsverletzungen, nimmt mit dieser Stellungnahme Bezug auf den „Entwurf eines Gesetzes zur Einführung beschleunigter Asylverfahren“ der Bundesregierung vom 01.02.2016.

Die BAfF e.V. merkt dazu an, dass die Aufforderung zu einer Verbändebeteiligung mit einer Kommentierungszeit von nicht einmal 8 Stunden nicht einer ernsthaft gemeinten gesellschaftlichen Partizipation an der Gesetzgebung entsprechen kann. Zudem wird bereits der Mittwoch, 3. Februar 2016, als Termin für die Einbringung ins Bundeskabinett genannt. Hier wird den Verantwortlichen keine Zeit – und damit kein Spielraum – für die Berücksichtigung der eingegangenen Stellungnahmen von Fachverbänden gegeben. Diese überhastete Vorgehensweise von Seiten des Gesetzgebers lehnen wir ab und fordern, künftig eine realistische Partizipation für Fachverbände zu realisieren.

Dennoch möchten wir im Folgenden auf einige Aspekte eingehen, für die unsere Expertise als psychologischer Fachverband zentral erscheint.

Zur Beschleunigung der Verfahren im Asylgesetz (AsylgLG)

Der Gesetzesentwurf beschreibt die Einführung von beschleunigten Asylverfahren (§30a AsylG-Entwurf) für Asylsuchende mit vermeintlich geringer Bleibeperspektive. Insbesondere die Belange von Asylsuchenden, die aufgrund von Gewalterlebnissen in ihrem Herkunftsland psychisch schwer belastet sind, werden in Form der beschleunigten Verfahren unseres Erachtens nach nicht in ausreichendem Maße berücksichtigt.

Zeitdruck erschwert Asylantragstellung für Traumatisierte

Die jahrzehntelange Behandlungspraxis der bundesweit 32 Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge zeigt deutlich, dass auch Menschen, die aus sogenannten „sicheren Herkunftsländern“ fliehen, psychisch oft schwerwiegend durch im Heimatland erlittene Erlebnisse belastet und häufig traumatisiert sind. Ein großer Teil dieser Geflohenen wurde im Herkunftsland Opfer schwerer Gewalt durch sogenannte „man made desaster“, d.h. durch von Menschenhand verursachte traumatische Ereignisse. Die psychotraumatologische Forschung zeigt eindeutig, dass diese Form oft lang andauernder Traumatisierungen für die Betroffenen extrem hohes Schädigungspotential haben und in tiefgreifenden psychischen Störungen resultieren kann.

Von besonderer Bedeutung ist hier, dass traumatische Erfahrungen bei Betroffenen Informationsverarbeitungs- und Gedächtnisprozesse so beeinflussen können, dass eine Erinnerung an das Erlebte nur noch unvollständig oder auf widersprüchliche Weise möglich ist. Traumatische Erfahrungen werden häufig nicht ganzheitlich verarbeitet und abgespeichert, sondern fragmentiert, in getrennten Erinnerungsstücken, z.B. in der Körperwahrnehmung oder in Form von Sinneserfahrungen. Sprachlich und in ihrer zeitlichen Chronologie sind sie zunächst oft nicht oder nur schwer mitteilbar. Dies hat häufig zur Folge, dass Asylsuchende erlittene Menschenrechtsverletzungen nicht so zusammenhängend und chronologisch korrekt vorbringen können, wie das im Asylverfahren von ihnen erwartet wird. Darüber hinaus können Angst, Scham und Vermeidung als Hauptsymptome zum Beispiel der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) dazu führen, dass vermieden wird, über genau die Aspekte des eigenen Schicksals zu sprechen, die für das Asylverfahren relevant sind. Die Betroffenen können dann nur karge Aussagen machen, die möglicherweise das Wichtigste aussparen oder als verworren, unzusammenhängend, widersprüchlich oder zeitlich verzerrt erscheinen.

Menschen, die schwere Gewalterfahrungen erlebt haben, brauchen Zeit und Schutz, um ihre Geschichte und die von ihnen erlittenen Menschenrechtsverletzungen als Asylgründe vorbringen zu können. Dafür reicht die Zeit in einem beschleunigten Verfahren nicht aus.

Folgeantragstellung wird zusätzlich erschwert

Da bestimmte traumatische Erinnerungen für viele Betroffene erst in einer angstfreien Atmosphäre zugänglich sind und oftmals erst durch die Unterstützung innerhalb des geschützten, vertrauensvollen Rahmens der Psychotherapie berichtet werden können, sind beschleunigte Asylverfahren auch für die Gruppe der Folgeantragssteller von dramatischer Tragweite. Relevanten Asylgründen wurde in diesen Fällen bislang oft erst im Nachhinein, innerhalb des Folgeverfahrens, Rechnung getragen – ein Recht, in dem diese Menschen in Zukunft beschnitten werden sollen. Fehleinschätzungen und Fehlurteile der Behörden können dann nicht mehr durch aktuelle Informationen korrigiert werden.

Erleichterte Abschiebung von traumatisierten und schwer kranken Flüchtlingen

Aus unserer Sicht treffen die geplanten Verschärfungen im Aufenthaltsgesetz eine der schwächsten Flüchtlingsgruppen mit besonderer Härte: traumatisierte und erkrankte Geflüchtete. Gesundheitliche Erkrankungen und psychische Störungen werden im vorliegenden Gesetzesentwurf als Abschiebehindernisse ausgeschlossen – eine Abschiebung soll mit dem Gesetz auch für lebensbedrohlich erkrankte Personen regelmäßig möglich sein. Dies ist u.E. nach mit den Menschenrechten und dem Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit nicht vereinbar. Eine Abschiebung wird in dem Gesetz bereits als legal angesehen, wenn im Herkunftsland eine medizinische Versorgung möglich ist. Es wird davon ausgegangen, dass beinahe alle Krankheiten auch in den Herkunftsländern behandelt werden können. Es gilt generell als „zumutbar“, so die Begründung des Gesetzentwurfs, dass erkrankte Personen sich in Teile des Herkunftslands begeben, in denen ausreichende medizinische Versorgung vorhanden sei – ungeachtet dessen, ob dies tatsächlich realistisch erreichbar und im Einzelfall zumutbar ist.

Grundsätzlich soll künftig die Vermutung gesetzlich verankert werden, dass bei Geflüchteten prinzipiell keine medizinischen Abschiebungshindernisse vorliegen (§60 Abs. 2c AufenthaltsG-Entwurf). Ein Gegenbeweis auf Grundlage fachlicher Expertise ist unter den vorgesehenen Rahmenbedingungen kaum noch möglich.

Abschiebung birgt für Traumatisierte Gefahr für Leib und Leben

Psychisch reaktive Traumafolgen können sich – gerade im Kontext einer erneuten Konfrontation mit Örtlichkeiten oder Personen, die mit früheren traumatischen Ereignissen in Zusammenhang stehen (wie das bei einer Abschiebung zwangsläufig der Fall ist) – durchaus schwerwiegend und lebensbedrohlich verschlechtern. Diese „Vulnerabilität“ besteht bei Menschen, die unter Traumafolgestörungen leiden, lebenslang – auch in symptomarmen Zeiten und selbst dann, wenn augenscheinlich keine objektive Gefährdung vorliegt. Das heißt, dass allein ein Aufenthalt im Land, in dem die Gewalterfahrungen erlitten wurden, labilisierend wirken kann. Die Belastbarkeit und die Steuerungsfähigkeit der Betroffenen kann durch ein Umfeld, das Intrusionen stimuliert und Schutz- und Vermeidungsverhalten nimmt, so stark herabgesetzt werden, dass die Gefahr einer akuten Reaktualisierung und auch eines Impulsdurchbruchs bei Eigen- und/oder Fremdgefährdung besteht. Daraus können neben erheblichen Verschlechterungen der Symptomatik immer auch suizidale (Impuls)Handlungen resultieren. In diesen Fällen stellt eine Abschiebung also unabhängig von der vorhandenen medizinischen Infrastruktur im Herkunftsland eine nachhaltig wirkende Körperverletzung im Sinne einer Verletzung der „leib-seelischen Gesundheit“ dar, die auch durch eine spätere Behandlung nicht mehr ungeschehen gemacht werden kann.

Es ist daher immer erforderlich, im Einzelfall qualifiziert zu beurteilen, inwieweit das Ausmaß der Belastung durch eine Abschiebung die verminderte Belastbarkeit der Person durch die Krankheit deutlich übersteigt. Dazu gehört auch, im Detail einschätzen zu können, ob sich die Symptomatik im Falle einer Rückführung durch die als ungeschützt und nicht kontrollierbar wahrgenommene Situation im Herkunftsland sowie verstärkte Wiedererinnerungen so gravierend verschlechtern kann, dass eine Dekompensation mit akuter Gefahr für Leib und Leben besteht.

Dies ist unter den Bedingungen, die der aktuelle Gesetzesentwurf zeitlich und formal vorsieht, kaum zu realisieren.

Psychotherapeutische Expertise muss anerkannt werden

So verweist auch die Begründung des Entwurfs explizit darauf, dass z.B. Posttraumatische Belastungsstörungen als eine der „schwer diagnostizier- und überprüfbaren Erkrankungen“ (S. 21) häufig als Abschiebungshindernis geltend gemacht und damit Rückführungsversuche verzögert bzw. verhindert würden. Das stelle die Behörden „in quantitativer und qualitativer Hinsicht vor große Herausforderungen“. Die Schlussfolgerung sollte hier sein, dass die Diagnostik solcher Erkrankungen hoher Sorgfalt sowie fachspezifischer Qualifikationen bedarf und in die Hände erfahrener Fachleute gehört. Herausforderungen können in diesem Kontext nicht auf die Schultern traumatisierter Geflüchteter abgewälzt werden, in dem sich bereits präventiv jeglichem psychologischen und psychotherapeutischen Sachverstand erwehrt wird: Weil bereits gesetzlich vermutet wird, dass einer Abschiebung „gesundheitliche Gründe nicht entgegenstehen“ (§60 Abs. 2c AufenthaltsG-Entwurf), können Asylasuchende Erkrankungen zukünftig allenfalls durch eine sogenannte „qualifizierte ärztliche Bescheinigung“ glaubhaft machen. Psychologische Gutachten und Stellungnahmen werden nicht mehr anerkannt. Dies widerspricht der geltenden Rechtsprechung: Psychologische PsychotherapeutInnen sind auf Grundlage ihrer fachlichen Qualifikation befähigt, psychische Erkrankungen zu diagnostizieren und entsprechende Gutachten zu verfassen[1]. Seit dem Psychotherapeutengesetz umfasst die Krankenbehandlung im Sozialgesetzbuch ‚ärztliche Behandlung einschl. Psychotherapie als ärztliche und psychotherapeutische Behandlung‘ (§ 27 Abs. 1 S. 2 Nr. 1 SGB V) – Psychologische PsychotherapeutInnen können sich in die Arztregister der Kassenärztlichen Vereinigungen eintragen lassen und sind FachärztInnen grundsätzlich gleichgestellt.

Begutachtungsstandards werden ignoriert

Darüber hinaus sollen laut Gesetzesentwurf „qualifizierte Kriterien geschaffen werden, denen eine ärztliche Bescheinigung genügen muss“. Hier bleibt unklar, welchen Kriterien die Beurteilung der Krankheit genau genügen soll. Es wird ignoriert, dass mit dem Istanbul Protocol[2] und den „Standards zur Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen“ (SBPM-Standards)[3] seit Jahrzehnten durch die Ärzte- und Psychotherapeutenkammern unterstützte Qualitätsstandards zur Begutachtung von Traumafolgen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren existieren.

Zu unserer Kritik an der Nichtbeachtung von Begutachtungsstandards bei psychoreaktiven Traumafolgen verweisen wir auf die Stellungnahme der BAfF zum Referentenentwurf des Bundesinnenministeriums zum „Asylbeschleunigungsgesetz“ vom 25. November 2015.

Einschränkung des Familiennachzugs

Der Gesetzesentwurf sieht eine Aussetzung des Familiennachzugs für Geflüchtete mit subsidiärem Schutz vor. Ganz klar widerspricht diese Einschränkung dem verfassungsmäßigen Auftrag zum Schutz der Familie. Aus psychotraumatologischer Sicht halten wir als Fachverband die Verschärfung der Familienzusammenführung für untragbar. Die Frage, ob und wie schnell sich jemand von einer Traumatisierung durch Flucht oder Verfolgung erholt, ist in großem Maße von einem funktionierenden Umfeld abhängig. Gefühle von Sicherheit, Akzeptanz und Geborgenheit gelten als Grundvoraussetzung für die Wiederherstellung der psychischen Stabilität nach traumatischen Erlebnissen. Die Familie und Angehörige spielen dabei als Schutzfaktoren eine entscheidende Rolle und die Traumaforschung hat gezeigt, dass das Fehlen dieser Schutzfaktoren Genesungsprozesse erheblich erschwert.

Zur Neubemessung der Bedarfe für soziale Teilhabe im Asylbewerberleitungsgesetz

Gleichermaßen besorgen uns die Kürzungen, die der Gesetzentwurf in den Leistungen vorsieht, die Asylsuchenden in den ersten 15 Monaten nach ihrer Einreise in die Bundesrepublik soziale Teilhabe ermöglichen sollten. Möglichkeiten zur sinnvollen Partizipation am gesellschaftlichen Leben, zu Aktivitäten der Freizeitgestaltung auch im Sinne einer stabilisierenden Tagesstruktur sowie insbesondere auch der Besuch von Sprach- und Weiterbildungskursen tragen bei KlientInnen von Traumafolgestörungen neben bedarfsgerechter psychosozialer Versorgung entscheidend zur Stabilisierung der Betroffenen bei.

Die Bundesregierung betont, dass sie mit diesen Einschränkungen der Leistungen für Asylsuchende durchaus im Einklang mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom 18. Juli 2012 handelt, nach dem die Menschenwürde migrationspolitisch nicht zu relativieren ist. Im selben Satz erwähnt sie jedoch, dass die Einschränkungen innerhalb eines Gestaltungsspielraumes vollzogen würden, der an das „Differenzierungskriterium der Kurzfristigkeit des Aufenthalts anknüpft“, was de facto einer migrationspolitischen Relativierung der Menschenwürde gleichkommt.

Fazit

Aus unserer Sicht erschwert das Gesetz im Einzelfall, dass Geflüchtete – auch wenn sie schwer erkrankt oder traumatisiert sind – ihr Recht auf ein faires Asylverfahren in Anspruch nehmen können. Als ganz besonders vulnerable Gruppe werden sie durch das Eilverfahren und die Bestimmungen zur Aushöhlung qualifizierter Beurteilungen von Abschiebehindernissen zusätzlich systematisch benachteiligt. Für zahlreiche Betroffene kann dies einer Gefährdung von Leib und Leben gleichkommen.

Gemäß der EU-Aufnahmerichtlinie[4] haben besonders schutzbedürftige Asylsuchende einen Anspruch darauf, als solche identifiziert und medizinisch sowie psychosozial versorgt zu werden. Aus fachlicher Sicht ist eine solche bedarfsgerechte Identifizierung und Erstversorgung weder im Zeitraum von nur einer Woche noch von psychologisch und medizinisch nicht umfassend qualifiziertem Personal geschehen.

Elise Bittenbinder (für den Vorstand der BAfF e.V.)


  1. Z.B. das OVG Nordrhein-Westfalen (Beschluss vom 19.12.2008, Az.: 8 A 3053/08.A) führt aus, dass neben FachärztInnen auch Psychologische PsychotherapeutInnen auf Grund ihrer fachlichen Qualifikation befähigt sind, psychische Erkrankungen zu diagnostizieren. So auch das VG München Urteil v. 14.02.2014 (Az.: M 21 K 11.30993).  ↩

  2. Frewer, A., Furtmayr, H., Krása, K., & Wenzel, T. (Eds.). (2012). Istanbul-Protokoll (Vol. 2). V&R unipress GmbH.  ↩

  3. Gierlichs, H.W., Haenel, F., Henningsen, F., Schaeffer, E., Spranger, H., Wenk-Ansohn, M., Wirtgen, W. (2002). Standards zur Begutachtung psychisch traumatisierter Menschen. Verfügbar unter proasyl.de  ↩

  4. RICHTLINIE 2013/33/EU DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (Neufassung)  ↩

 

 

Offener Brief von Flüchtlingen in Deutschland
an die Bundeskanzlerin, Frau Dr. Angela Merkel
09.01.2016

Ereignisse in der Sylvesternacht in Köln und anderen Städten

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Dr. Merkel,

wir sind Flüchtlinge in Deutschland, geflohen vor Krieg und Terror, vor Bomben, politischer Verfolgung und sexuellen Übergriffen (z.B. des IS). Viele von uns haben gefährliche Fluchtwege hinter sich. Wir sind froh, endlich in Deutschland Schutz gefunden zu haben und sind dafür dem deutschen Volk und seiner Regierung sehr, sehr dankbar.

Vor diesem Hintergrund sind wir entsetzt über das, was sich in der Sylvesternacht in Köln und anderen Städten zugetragen hat. Wir verabscheuen die sexuellen Übergriffe und Diebstahldelikte mutmaßlich durch Migranten und Flüchtlinge und verurteilen sie auf das schärfste. Auch für uns ist die Würde des Menschen unantastbar, ob Mann oder Frau. Auch für uns gilt ein strenges Diebstahlverbot. Auch für uns ist es selbstverständlich, die Gesetze des Aufnahmelandes zu achten.

Viele von uns sind gläubige Muslime und Christen und teilen die Werte unserer Glaubensbrüder und -schwestern in diesem Land. Wir treten dafür ein, die Würde und Ehre von Frauen zu schützen, wie es Koran und Bibel gebieten. Für uns gilt das strenge Diebstahlverbot in Koran und Bibel. Die Muslime unter uns verweisen darüber hinaus auf das strenge Alkoholverbot. Die zehn Gebote der Bibel (2. Mose 20,2–17) haben ihre Entsprechung im Koran Sure 17, 22–39.

Wir verpflichten uns im Rahmen unserer Möglichkeiten mitzuhelfen, dass sich Verbrechen wie die in Köln nicht wiederholen und die Gastfreundschaft der Deutschen missbraucht wird.

Mit freundlicher Hochachtung

Anas Alhamsho, Duisburg (aus Syrien)
Asif, Duisburg, (aus Pakistan)
Mohamed Alyaman Abbas Hamo, Mülheim/R, (aus Syrien)
Zaher Shaar, Mülheim/R, (aus Syrien)

 

 

Rundbrief Weihnachten 2015

Liebe Freunde und Förderer des Behandlungszentrums für Folteropfer Ulm, liebe Mitglieder und Freunde des Fördervereins des BFU,

die Flüchtlingskrise ist das beherrschende Thema in diesem Jahr. Die Flüchtlinge erleben nach wie vor eine breite Unterstützung in der deutschen Bevölkerung. Das ist ein positives Signal und macht uns Mut, in unserer Arbeit unbeirrt fortzufahren. Andererseits war die Zahl der rechtsradikalen Übergriffe auf Flüchtlingswohnheime in diesem Jahr so hoch wie nie zuvor. Die Politik ringt um adäquate Lösungen – einerseits getrieben von einer steigenden Verunsicherung in der Bevölkerung über den anhaltenden Flüchtlingsstrom, andererseits gebunden durch das Völkerrecht und das im Grundgesetz Artikel 16a verankerte Grundrecht auf politisches Asyl, welches keine Obergrenzen für die Flüchtlingsaufnahme kennt. Die Bemühungen der Politik, etwa durch die beiden innerhalb weniger Wochen auf den Weg gebrachten sog. „Asylbeschleunigungsgesetze“, drohen die in Jahren aufgebauten rechtlichen Schutzbestimmungen und Versorgungsstrukturen für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge auszuhebeln. Auch wird etwa die „EU Aufnahmerichtlinie für besonders Schutzbedürftige Flüchtlinge“ (2013/33/EU) nur sehr zeitverzögert in nationales Recht umgesetzt.

Angesichts der weltpolitischen Lage und ihrer vielen Krisenherde werden wir auch in Zukunft mit einer hohen Zahl von Flüchtlingen rechnen müssen und hier vor Ort mit unseren begrenzten Mitteln das tun, was wir zur Linderung der psychischen Not beitragen können:

Im Folgenden geben wir einen kurzen Rückblick auf das Jahr 2015:

Das BFU hat am 2. Oktober 2015 sein 20-jähriges Bestehen im Stadthaus Ulm begangen. In dieser bewegenden Veranstaltung, vom Ulmer Chor „Levantate“ sehr stimmungsvoll begleitet, wurde u.a. an die über 2000 Klienten aus über 40 Nationen erinnert, die in dieser langen Zeit im BFU ärztlich, psychotherapeutisch und psychosozial behandelt und betreut wurden.

Zu diesem Ereignis ist ein Festband erschienen: „Verteidigung de Menschenwürde — Die Arbeit des Behandlungszentrums für Folteropfer Ulm (BFU)“, herausgegeben von Fiechtner/Drößler et al. 2015, erschienen in der Edition Kettenbruch. Diesen Band empfehlen wir Ihnen zur Lektüre, er eignet sich als Weihnachtsgeschenk und ist über den Buchhandel zu beziehen. Ein Drittel des Verkaufserlöses geht als Spende an das BFU und unterstützt so direkt unsere Arbeit, ein weiteres Drittel an Amnesty International und das letzte Drittel an die Ulmer Stiftung Menschenrechtsbildung.

An dieser Stelle danken wir noch einmal allen ehemaligen und aktuell im BFU tätigen Mitarbeitern und Dolmetschern für ihren großartigen Einsatz während all dieser Jahre!

Unser besonderer Dank geht an den scheidenden Oberbürgermeister Ivo Gönner, der nach 24 Jahren nicht wieder zur Wahl angetreten ist. Herr Gönner war uns immer und insbesondere in schwierigen Zeiten ein wichtiger Helfer und Ratgeber in der Not. Er war viele Jahre Schirmherr unseres Fördervereins. Sein Nachfolger im Amt, Herr Gunter Czisch, ist ebenfalls Mitglied unseres Fördervereins, wir freuen uns auf die gute Zusammenarbeit mit ihm.

Das BFU konnte — dank erhöhter Landesförderung und die erstmalig in diesem Jahr bestehende Förderung durch die Diözese Rottenburg-Stuttgart – seine personellen Ressourcen ausweiten:

  • Frau Inka Kiefert (Dipl. Geol.), Projektassistentin. Sie folgt Herrn Julian Uhland nach, der eine interessante Tätigkeit im Wissenschaftsbereich angetreten hat. Herrn Uhland danken wir für seine jahrelange hervorragende Arbeit.

  • Frau Melanie Saam, MSc. (Master of Science in Klinischer Psychologie). Sie ist derzeit in Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin und im BFU als Honorarkraft tätig.

  • Frau Virginia Kapteina-Walther. M.A., Sozialpädagogin. Sie ist im BFU als Teilzeitkraft tätig.

  • Frau Susanne Hensel B.A., Studentische Hilfskraft im Bereich der Erstellung und Auswertung der Klienten-Statistik des BFU.

  • Frau Besjana Thaqi B.A., ehrenamtliche Studentische Hilfskraft im Bereich der elektronischen Klientenverwaltung.

  • Wir begrüßen dieses Jahr 12 neue Dolmetscher für die Sprachen: Arabisch, Albanisch, Kurmanji, Tigrinya, Rom, Serbisch, Dari, Paschtu, Urdu, Hindi und Tamil. Die meisten von ihnen haben dieses Jahr eine von uns bzw. von der Stadt Ulm finanzierte Fortbildung zum Dolmetscher im Trauma-Sektor abgeschlossen. Zudem können wir seit März 2015 regelmäßige externe Supervision für die Dolmetscher anbieten.

Wir freuen uns über diese wichtige Verstärkung unseres Teams!

Weiterhin gibt es vom Team zu berichten:

  • Frau Dr. Ulrike Ruppin, angestellte Psychologin im BFU seit 2013, gratulieren wir zum erfolgreichen Abschluss ihrer Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin!

  • Herr Manfred Makowitzki M.A. wurde im September 2015 geehrt für 20 Jahre Betriebszugehörigkeit zum RehaVerein/BFU. Im Oktober 2015 wurde ihm durch die Staatsministerin Aydan Özoguz die Integrationsmedaille der Bundesregierung für sein „großes Engagement für Menschen mit Einwanderungsgeschichte“ verliehen. Begleitet wurde er von Frau Masume Ziai, die seit 19 Jahren als Dolmetscherin im BFU tätig ist, von Frau Monika Charisius von Amnesty International Ulm und Unterstützerin des BFU von der ersten Stunde an, von Herrn Heiner Schrottenbaum, dem Geschäftsführer des RehaVerein für soziale Psychiatrie Donau—Alb e.V.‚ dem Trägerverein des BFU sowie von Frau Kurth.

Dank der Team-Verstärkung konnte die Zahl der Klienten in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr um ca. 20% auf ca. 130 erhöht werden. Die meisten Klienten kommen aus Afghanistan, Nigeria, Kosovo, Gambia, Syrien, Iran und Irak. Dank der psychotherapeutischen und psychosozialen Unterstützung durch die BFU-Mitarbeiter verbessert sich das Zustandsbild der Klienten i.d.R. deutlich. Näheres hierzu finden Sie in unserem Jahresbericht.

Besonders stolz sind wir auf das neue Kooperationsprojekt mit der Psychologischen Familien- und Lebensberatung (PFM) der Caritas Ulm unter der Leitung von Herrn Dipl. Psych. Andreas Mattenschlager. Dank der Unterstützung durch den „Zweckerfüllungsfonds Flüchtlingshilfe“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart kann seit März 2015 ein in dieser Form neues dolmetschergestütztes psychotherapeutisches und psychosoziales Angebot für traumatisierte Flüchtlingskinder in Familien und Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge (UMF) in den Räumen der Psychologischen Familien- und Lebensberatung (PFM) der Caritas Ulm angeboten werden. Die Caritas Ulm hat für dieses zunächst auf drei Jahre angelegte Projekt zwei Kinder— und Jugendlichen- Psychotherapeutinnen in Teilzeit angestellt. Das BFU steuert die geschulten „Trauma-Dolmetscher“ bei. Aufgrund der hohen Nachfrage wird derzeit an verschiedenen Stellen versucht, weitere finanzielle Mittel für zusätzliches therapeutisches Fachpersonal zu erlangen. Innerhalb der ersten sechs Monate wurden in der PFM ca. 25 Kinder und Jugendliche als Klienten aufgenommen, weitere 10 sind auf der Warteliste – mit steigender Tendenz.

Unser besonderer Dank gilt den Kollegen von der Landesärztekammer Baden-Württemberg: Den Präsidenten der LÄK B-W, Herrn Dr. med. Ulrich Clever, Frau Dr. med. Ingrid Rothe Kirchberger (Menschenrechtsbeauftragte der LÄK B-W), Herrn Dr. Reinhold Hauser (Geschäftsführer der LÄK-BW) sowie Frau Dipl. Psych. Birgitt Lackus Reitter (Menschenrechtsbeauftragte der Landespsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg) für die langjährige Unterstützung unserer gesundheitspolitischen Anliegen. Beredtes Zeugnis dieser bewährten Zusammenarbeit ist der von beiden Kammern finanzierte und herausgegebene 2. Versorgungsbericht: „Traumatisierte MigrantInnen – Ambulante medizinische, psychosoziale und psychotherapeutische Versorgung von traumatisierten MigrantInnen in Baden-Württemberg“.

Wir danken an dieser Stelle auch den Mitgliedern und dem Vorstand des Fördervereins des BFU, namentlich Frau Lisa Schanz (Vorsitzende), Herrn Mario Stahr (Stv. Vorsitzender) und Herrn Matthias Hambücher (Stv. Vorsitzender). Herr Hambücher hat mit unermüdlicher Energie maßgeblich zum guten Gelingen der Kunstausstellung „Mitten unter Euch“ zugunsten des BFU beigetragen. Der in diesen Tagen erscheinende Ausstellungskatalog kann über den Förderverein des BFU, Innere Wallstr. 6, 89077 Ulm bezogen werden.

Wir danken noch einmal allen Spendern und Förderern, die uns zum Jubiläumsjahr auf die eine oder andere Weise unterstützt haben!

Für Ihre Unterstützung im ausgehenden Jahr sowie für die gute kollegiale Zusammenarbeit danken wir Ihnen ganz herzlich und wünschen Ihnen im Namen des BFU-Teams ein frohes Fest sowie ein gutes Neues Jahr 2016!

 

 

„Ort der Hoffnung und Heilung“
16.10.2015 – Rottenburg

Diözese gratuliert Flüchtlingshelfer Makowitzki zu Ehrung durch den Bund

Rottenburg/Berlin. 16. Oktober 2015. Bundesregierung und Diözese Rottenburg-Stuttgart haben gemeinsam Grund, Manfred Makowitzki zu gratulieren: Der Flüchtlingshelfer aus Ulm hat jetzt aus den Händen von Staatsministerin Özoguz zusammen mit weiteren sieben Personen die Integrationsmedaille der Bundesregierung erhalten. Makowitzki organisiert seit 1995 das von der württembergischen Diözese unterstützte Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm (BFU). Diese Einrichtung hat 450.000 Euro aus dem diözesanen Zweckerfüllungsfonds Flüchtlingshilfen erhalten.

Das BFU hilft traumatisierten Opfern von Folter, Kriegsverbrechen und Gewalt, Zugang zum normalen Alltag zu finden. Es schließt damit eine Versorgungslücke in der medizinischen und psychosozialen Betreuung traumatisierter Flüchtlinge und Migranten. Reguläre staatliche Unterstützung ist für Zentren wie das BFU bisher nicht vorgesehen, wie die Leiterin der Hauptabteilung Caritas der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Irme Stetter-Karp, betont. Sie seien deswegen auf Spenden und Projektmittel angewiesen. Stetter-Karp:„Wir werden auch in den kommenden Monaten alles in unseren Kräften Stehende tun, um traumatisierten Flüchtlingen, die durch die Hölle gegangen sind, einen Ort der Hoffnung und Heilung zu geben.”

 

 

Verleihung der Integrationsmedaille an Herrn Manfred Makowitzki (Organisatorischer Leiter BFU)
14.10.2015 – Berlin

Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Staatsministerin Aydan Özoğuz zeichnet heute (Mittwoch, 14. Oktober) acht Bürger und Bürgerinnen mit der Integrationsmedaille aus. Geehrt werden Männer und Frauen, die sich zivilgesellschaftlich im Bereich Gesundheit und Pflege für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte einsetzen. Hierzu erklärt Staatsministerin Aydan Özoğuz:

„Ich freue mich, dass wir heute mit der Integrationsmedaille acht Bürger und Bürgerinnen ehren, die sich seit Jahren für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte und Flüchtlinge einsetzen. Lange bevor die Flüchtlingskrise diese Dynamik erhielt, haben sie mit ihrem beharrlichen Engagement im Bereich Gesundheit und Pflege Strukturen aufgebaut, von denen wir heute profitieren. Einige von ihnen arbeiten an vorderster Front bei der Erstbetreuung von traumatisierten Flüchtlingen, andere in der Pflege von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben. Für eine vorausschauende Integrationspolitik sind Gesundheit und körperliches Wohlbefinden zentrale Themen, um die wir uns auch langfristig bei Migranten kümmern müssen. Deshalb habe ich Gesundheit und Pflege in der Einwanderungsgesellschaft auch zu meinem Schwerpunktjahr 2015 gemacht. Die Preisträger tragen mit ihrem Engagement dazu bei, dass alle Menschen in unserer Gesellschaft einen gleichberechtigten Zugang zum Gesundheitssystem bekommen.“

Mit der Verleihung der Integrationsmedaille ehrt Staatsministerin Aydan Özoğuz Ehrenamtliche sowie Hauptamtliche, die unter anderem freiwillige Helfer betreuen. Özoğuz hatte die Fraktionen des Deutschen Bundestags gebeten, ihnen Menschen vorzuschlagen, die sich durch ein besonderes Engagement auszeichnen.

Die acht Preisträger:

  • Frau Sevgi Bozdağ (Berlin) ist Bauingenieurin und leitet ehrenamtlich den Verein „InterAktiv e.V.“. Hier kümmert sie sich um Menschen mit Behinderung und chronischen Krankheiten, meist aus Familien mit Zuwanderungsgeschichte.
  • Herr Dr. Osman Mahmalat (Hagen) ist Radiologe und behandelt in seiner Praxis ehrenamtlich Flüchtlinge aus Syrien. Er ist auch für kommunale Stellen und Behörden ein wichtiger Ansprechpartner, wenn es um die Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen geht.
  • Frau Marina Baldin (Duisburg) betreut als Ehrenamtskoordinatorin hauptamtlich eine Freiwilligen-Gruppe im Multikulturellen Seniorenzentrum „Haus am Sandberg“. Die Pflege im Seniorenzentrum ist kultursensibel: bei der Pflege werden besonders kulturelle Eigenheiten berücksichtigt.
  • Herr Manfred Makowitzki (Ulm) ist organisatorischer Leiter des „Behandlungszentrums für Folteropfer“. In seinem Zentrum werden traumatisierte Flüchtlinge betreut und therapiert.
  • Frau Inga Marie Sponheuer (Essen) ist Kinderkrankenschwester und arbeitet ehrenamtlich für die „Medizinische Flüchtlingshilfe“ in Bochum und initiiert darüber hinaus Theaterprojekte zum Thema Flucht.
  • Herr Avni Ayyıldız (Berlin) ist sozialpädagogischer Mitarbeiter bei „miGesgGmbH“ und arbeitet mit geistig behinderten, psychisch erkrankten und suchtmittelabhängigen Menschen. Viele von ihnen haben einen Migrationshintergrund.
  • Herr Arif Ünal (Köln) leitet das „Gesundheitszentrum für Migrantinnen und Migranten“, das Menschen mit Zuwanderungsgeschichte bei der gesundheitlichen und psychosozialen Versorgung unterstützt.
  • Herr Markus Göpfert (Mayen) ist Sozialpädagoge und arbeitet hauptamtlich im psychosozialen Zentrum „IN TERRA“. Hier werden u.a. Flüchtlinge zum Asylverfahren beraten und traumatisierte Flüchtlinge und Folteropfer therapiert.

Quelle: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

 

 

Fotos zur Veranstaltung zum 20. Jahrestag der Gründung des BFU am nationalen Flüchtlingstag 2015
02.10.2015 – Ulm

Manfred Makowitzki

Publikum

Chor

Ivo Gönner

Heiner Schrottenbaum

 

 

Behandlungszentrum für Folteropfer braucht Geld
29.09.2015 – Ulm

Vor 20 Jahren wurde in Ulm das Behandlungszentrum für Folteropfer gegründet. Wegen Streichung von EU-Fördermitteln und der Änderung des Asylbewerberleistungsgesetzes ist seine Existenz aber bedroht.

Das Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm (BFU) feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen. Als Initiative von Amnesty International Ulm wurde die sozialpsychiatrische Einrichtung am 25. Januar 1995 gegründet. Der Träger des BFU ist nach wie vor der Reha-Verein für soziale Psychiatrie Donau-Alb. Derzeit werden dort etwa 70 traumatisierte Flüchtlinge aus Nigeria, dem Mittleren Osten, Afghanistan, dem Balkan, der Türkei und Tschetschenien in einer dolmetschergestützten Psychotherapie behandelt – genauso viele stehen auf der Warteliste für eine Therapie.

Warum können nicht alle Flüchtlinge behandelt werden, die eine Psychotherapie brauchen? Eine Frage der Finanzierung: „Wir brauchen mehr Landes-, Bundes- oder europäische Mittel, um eine psychiatrische Versorgung zu gewährleisten“, sagt Manfred Makowitzki, organisatorischer Leiter. Aktuell sei ein Aufbau des therapeutischen Angebots trotz der vielfach gestiegenen Nachfrage nicht möglich.

Lediglich die Basis des Behandlungszentrums könne mit den derzeitigen Förderungsmitteln gehalten werden. Nur durch eine spontane finanzielle Aushilfe durch karitative Einrichtungen könne das BFU überhaupt weitere drei Jahre bestehen, denn: Vom Jahresetat von 300.000 Euro fiel ein etwa Drittel weg, nachdem europäische Fördermittel im vergangenen Jahr gestrichen worden waren.

Weitere finanzielle Schwierigkeiten ergeben sich durch die Änderung des Asylbewerberleistungsgesetzes. Seit März 2015 gilt: Asylbewerber sind nach 15 Monaten krankenversicherungspflichtig und erhalten eine Gesundheitskarte. Bisher waren Asylsuchende erst nach einem Zeitraum von 48 Monaten krankenversicherungspflichtig, davor bezogen sie die Mittel für ihre medizinische und psychiatrische Versorgung aus dem Asylbewerberleistungsgesetz. „Die Gesundheitskarte, so gut sie ist, schadet der Psychotherapie“, sagt Makowitzki. Das Problem: Die Kosten einer Psychotherapie werden erstattet, solange der Patient unter das Asylbewerberleistungsgesetz fällt. Sobald er bei einer gesetzlichen Krankenkasse versichert ist, sind die Kosten für eine Therapie nicht mehr oder nur teilweise gedeckt. Das bedeutet für das Behandlungszentrum für Folteropfer, dass eine Psychotherapie ko-finanziert werden muss durch die Kirchen, Stiftungen oder ähnliches.

Dies sei schon derzeit kaum zu bewältigen, sagt BFU-Geschäftsführer Heiner Schrottenbaum. Noch schwieriger werde es, wenn die geplante sofortige Krankenversicherungspflicht für Asylbewerber in Kraft tritt. „Wenn dieses Problem nicht gelöst wird, sind einige Behandlungszentren in Baden-Württemberg von der Schließung bedroht.“ Es sei unumgänglich, über einen Einstieg in die gesetzliche Krankenversicherung nachzudenken, sagt Makowitzki, zudem brauche man Unterstützung der Politik.

Bezüglich der Zukunft des BFU gibt sich die Leitung zuversichtlich. „Ich predige meinen Klienten, auch angesichts großer Schwierigkeiten die Hoffnung nicht aufzugeben”, sagte die therapeutische Leiterin Regina Kurth. „Dasselbe sollte auch für uns vom BFU gelten.“

Autorin: Sophie Janjanin
Quelle: Südwest Presse

 

 

Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen
24.09.2015 – Neu-Ulm

Wie hilft man traumatisierten Flüchtlingen? In einer Fortbildungsreihe für ehrenamtliche Betreuer referierte Psychotherapeutin Regina Kurth.

Wie können Ehrenamtliche einem traumatisierten Flüchtling helfen? Regina Kurth, therapeutische Leiterin des Ulmer Behandlungszentrums für Folteropfer (BFU), referierte am vergangenen Dienstag im Landratsamt Neu-Ulm zum Thema “Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen – Chancen und Risiken”.

Der Vortrag war die zweite von sieben Veranstaltungen – eine Fortbildungsreihe für ehrenamtliche Betreuer von Flüchtlingen, organisiert von Mirjam Schlosser, Integrationsbeauftragte des Landratsamts Neu-Ulm, und Sigrun Grüninger von der Diakonie Neu-Ulm. Zu Themen, die in der Arbeit mit Flüchtlingen wichtig sind, wurden Experten verschiedener Fachgebiete eingeladen.

Autorin: Sophie Janjanin
Quelle: Südwest Presse

 

 

Südwest Presse
17.09.2015 Integrationsmedaille für Manfred Makowitzki

Auszeichnung makowitzki cropped

Der Organisatorische Leiter des Behandlungszentrums für Folteropfer Ulm (BFU), Manfred Makowitzki, wird auf Vorschlag der Ulmer Bundestagsabgeordneten Hilde Mattheis mit der Integrationsmedaille der Bundesregierung ausgezeichnet. „Diese Ehrung überrascht mich komplett! Damit habe ich während meines aktiven Berufslebens nicht gerechnet“, reagierte Makowitzki auf die gute Nachricht. Der 56-Jährige wird für seine Verdienste für die psychische Gesundheit von Gewalt- und Folteropfern geehrt.

Für Mitte Oktober wird Makowitzki mit seiner Familie nach Berlin in das Bundeskanzleramt eingeladen. Dort wir er bei einem Empfang zusammen mit sieben weiteren zu Ehrenden von Aydan Özoğuz, der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, ausgezeichnet. Im Mittelpunkt der Ehrung stehen in diesem Jahr Projekte rund um das Thema „Gesundheit und Pflege in der Einwanderungsgesellschaft“.

Dazu sagt Hilde Mattheis: „Ich habe Manfred Makowitzki vorgeschlagen, weil das Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm ein wichtiger Baustein bei der Versorgung von schutzbedürftigen Menschen in Deutschland ist.“ Er setze sich unermüdlich dafür ein, dass diese Arbeit weiterhin finanziell abgesichert ist.

Das BFU ist eine ambulante Einrichtung, die Therapien für traumatisierte Menschen und Fortbildung für Fachpersonal anbietet. Träger ist der Rehaverein für soziale Psychiatrie Donau-Alb. Am 2. Oktober findet im Ulmer Stadthaus eine Feier zu „20 Jahre BFU“ statt.

 

 

Amnesty: Zu wenig Therapieplätze für traumatisierte Flüchtlinge in Deutschland
23.06.2015 – Berlin

Finanzierung der Behandlungszentren für Folteropfer in Gefahr.

Anlässlich des internationalen Tags zur Unterstützung von Folteropfern (26.6.) fordert Amnesty International, die Behandlungszentren für Folteropfer in Deutschland besser auszustatten. “Die Zahl der Flüchtlinge steigt und viele davon sind durch Krieg und Folter traumatisiert”, sagt Selmin Çalışkan, die Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland. “Die traumatisierten Flüchtlinge brauchen dringend Behandlungsmöglichkeiten und Deutschland muss diese sicherstellen. Doch die Realität sieht leider anders aus: Viele Folteropfer erhalten diese dringend notwendige Versorgung nicht. Die auf die Behandlung von Folteropfern spezialisierten Zentren sind unterfinanziert und zum Teil in ihrer Existenz bedroht.”

Zurzeit wird ein Großteil der Versorgung von traumatisierten Flüchtlingen von bundesweit circa 30 psychosozialen Behandlungszentren für Flüchtlinge und Folteropfer erbracht. “Die Behandlungszentren haben viel Erfahrung in Traumabehandlung und die nötige medizinische, psychologische und interkulturelle Kompetenz”, sagt Çalışkan. Die Zentren selbst schätzen aber, dass sie lediglich 15 Prozent des aktuellen Bedarfs an Versorgung für Folteropfer abdecken können. Die niedergelassenen Psychotherapeuten und Ärzte können diese Lücke nicht schließen, da ihnen meist die entsprechende Qualifikation zur Behandlung von Foltertraumata fehlt. Darüber hinaus bestehen Sprachbarrieren und die Krankenkassen übernehmen oft die notwendigen Dolmetschkosten nicht. “In unserem hoch leistungsfähigen Gesundheitssystem besteht eine eklatante Versorgungslücke – ausgerechnet für die Menschen, die dringend auf qualifizierte Behandlung angewiesen sind, um sich hier wieder ein menschenwürdiges Leben aufzubauen. Deutschland hat ihnen gegenüber nicht nur eine moralische Verantwortung, sondern ist durch die EU-Aufnahmerichtlinie auch rechtlich verpflichtet, Folterüberlebende psychologisch und medizinisch zu versorgen.”

“Dieses Jahr hat sich die ohnehin schwierige finanzielle Situation der Behandlungszentren noch dramatisch verschlechtert”, sagt Çalışkan. “Ausgerechnet in einem Jahr mit steigenden Flüchtlingszahlen müssen die Behandlungszentren sogar um ihre Existenz fürchten: Die verzögerte Bewilligung von EU-Mitteln seit Jahresbeginn hat den meisten Zentren ein großes Loch in ihr Budget gerissen. Viele mussten schon Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen. Die gesetzlichen Krankenversicherungen wiederum, in denen Asylsuchende nach 15 Monaten Aufenthalt versichert sind, erkennen die qualifizierte Arbeit vieler Zentren nicht als Kassenleistung an, so dass auch über diesen Weg zahllose Behandlungen nicht finanziert werden können.”

Amnesty International fordert eine schnelle Abhilfe. “Wir fordern die Bundesregierung, die Länder und die Kommunen auf, schnell und verbindlich die langfristige Finanzierung der psychosozialen Behandlungszentren sicherzustellen. Dies ist der einzige Weg, um schnell und effizient für qualifizierte Hilfsangebote für Folterüberlebende in Deutschland zu sorgen.”

 

 

Südwest Presse
01.06.2015 Hilfe für die Kinder der Flüchtlinge

„Ein Angebot für traumatisierte Flüchtlingskinder war überfällig“, sagt Projektleiter Manfred Makowitzki vom Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm (BFU). „Wir“, das sind der Reha-Verein für soziale Psychiatrie Donau-Alb mit seiner Einrichtung „Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm“, die Caritas Ulm mit ihrer „Psychologischen Familien- und Lebensberatung“ sowie „Refugio Villingen-Schwenningen, Kontaktstelle für traumatisierte Flüchtlinge“.

Mit dem Partner aus Villingen-Schwenningen hat das BFU schon länger Kontakt. Und da das Ulmer Behandlungszentrum bereits seit 20 Jahren erwachsenen traumatisierten Flüchtlingen psychotherapeutische Hilfen und psychosoziale Beratung anbietet, stehen inzwischen 20 Dolmetscher für 20 verschiedene Sprachen zur Verfügung. Diese und seine Erfahrung stelle das BFU der Caritas für das neue Projekt zur Verfügung, sagt Makowitzki.

Der Bedarf, auch traumatisierte Flüchtlingskinder zu behandeln, bestehe schon lange. Aber dafür fehlte Fachpersonal, weil nicht genügend Geld zur Verfügung stand. Dieses Problem ist nun gelöst: Denn das Projekt wird auf Vermittlung des Dekanats Ehingen-Ulm vom „Zweckerfüllungsfonds Flüchtlingshilfen“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart für drei Jahre mit insgesamt 450.000 Euro unterstützt.

Dekan Ulrich Kloos sagt zu dem neuen Projekt: „Nach dem Schrecklichen, was die Menschen durchgemacht haben, ist es von zentraler Bedeutung, dass die traumatischen Erlebnisse mit Fachleuten aufgearbeitet werden.“ Deshalb sei er froh und dankbar, dass sich drei so kompetente und in der Betreuung von traumatisierten Menschen erfahrene Organisationen zusammengefunden haben und „dass sich die Diözese finanziell so stark einbringt“.

Die Anlaufstelle für traumatisierte Flüchtlingskinder und Jugendliche in den katholischen Dekanatsbezirken Ehingen-Ulm, Biberach und Heidenheim ist bei der Psychologischen Familien- und Lebensberatung der Caritas in der Spielmannsgasse 6 in Ulm. Die Caritas konnte wegen der Finanzspritze zwei zusätzliche Therapeutinnen einstellen.

Aber wie finden gerade die Flüchtlingskinder Zugang zur neuen Anlaufstelle? „Über niedergelassene Kinderärzte, Kinderpsychiater, Psychotherapeuten und Sozialarbeiter in den Flüchtlingsunterkünften“, sagt der Projektleiter. Sie alle seien die Akteure in einem professionellen Umfeld. Wie gut die Zusammenarbeit klappt, zeigt die Warteliste, auf der bereits einige Flüchtlingskinder stehen. Die Liste der Erwachsenen sei ohnehin lang.

Deshalb sei es gut, dass der zweite Teil des Projektes den Ausbau der psychotherapeutischen und psychosozialen Versorgung von traumatisierten erwachsenen Flüchtlingen im südöstlichen Diözesangebiet umfasst, sofern deren psychotherapeutische Behandlung und Beratung anderweitig nicht finanziert sind. Die Betroffenen können sich an das BFU wenden.

Quelle: Südwest Presse

 

 

Psychotherapeutische Behandlung von traumatisierten Flüchtlingen

Die Zahl von Asyl suchenden Flüchtlingen aus afrikanischen und arabischen Ländern steigt extrem an. Allein die Umstände ihrer Flucht sind oft traumatisierend, viele von ihnen sind Opfer schwerer Gewalt und Folter in ihrer Heimat, die sie verlassen mussten, um nicht weiterer Gewalt ausgesetzt zu sein. Erfahrungen in den Aufnahmelagern als auch nach Anerkennung des Anspruchs auf Asyl verdeutlichen, dass diese Menschen sozialer und psychotherapeutischer Hilfe bedürfen. Deshalb haben wir auf Initiative der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) zusammen mit dieser zu einem runden Tisch mit in der Traumaarbeit mit Flüchtlingen erfahrenen Psychotherapeuten in die LPK-Geschäftsstelle eingeladen. Es bestand rasch Einigkeit, dass die Betroffenen zunächst Unterstützung zur Alltagsbewältigung und psychischen Stabilisierung benötigen und erst später eine Richtlinientherapie mit Trauma bezogenen Behandlungsmethoden hilfreich ist. So sind die fünf bestehenden Behandlungszentren für Flüchtlinge und Folteropfer eine gute erste Anlaufstelle für die Asylsuchenden, wobei festgestellt wurde, dass solche Zentren in Nord- und Südbaden fehlen und dort eingerichtet werden sollten.

Die Kammer hat angeboten, nach Kolleginnen und Kollegen für die Weiterbehandlung zu suchen und Fortbildungen zu Behandlungsproblemen sowie Informationen über die sozialen Hilfsangebote und rechtlichen Hintergründe nach Gewährung des Asyls durchzuführen. Die KVBW wird Hausärzte und Kinderärzte über Qualitätszirkel ansprechen und fortbilden.

Einigkeit bestand auch, dass den vielen ehrenamtlichen Helfern in den Auffanglagern durch KV und Kammer Fortbildungen zum Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen angeboten werden sollten. Sowohl für die psychotherapeutische Behandlung als auch zur Hilfe für die Alltagsbewältigung sind wegen der sprachlichen Verständigungsprobleme Dolmetscher unerlässlich und bessere Regelungen für die Kostenübernahme erforderlich.

Die Sicherheit des Aufenthalts ist Voraussetzung für eine wirksame psychotherapeutische Arbeit mit Patienten, die tief sitzenden Ängsten durch Gewalterfahrung und Trauma ausgesetzt sind. Es sollte deshalb eine möglichst rasche Entscheidung über den Aufenthaltsstatus getroffen werden, der dann über einen längeren Zeitraum stabil bleiben muss, damit die betroffenen oder Familienangehörige nicht kontinuierlich der angst ausgesetzt sind, in ihre Heimat abgeschoben und somit oft erneut drohender Gewalt ausgeliefert zu werden.

Quelle: Psychotherapeuten journal Ausgabe 1/2015

 

 

Pforzheim, 27. April 2015 – Vortrag von Manfred Makowitzki auf Einladung des Bürgervereins

Anmerkungen zur aktuellen Flüchtlingsproblematik und ihre Aufnahme in Baden-Württemberg

Fluechtlinge in pforzheim zeitungsartikel

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich wurde vom Bürgerverein Sonnenhof (Frau Fitterer) gebeten, heute Abend einige Anmerkungen zur aktuellen Entwicklung im Flüchtlingsbereich und zur Situation der Aufnahme von Flüchtlingen in B-W zu machen. Das will ich gerne tun, muss aber gestehen, dass ich – als wir vor etlichen Wochen sprachen – nicht damit gerechnet habe, dass dieses Thema eine solche Brisanz – wie aktuell – bekommen würde. Ich verzichte hier deshalb auch auf Bilder, Sie werden in den vergangenen Tagen genug gesehen haben.

Die medial vermittelten Bilder von der aktuellen Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer mit mindestens 1720 Toten allein in diesem Jahr machen uns fassungslos und auch ratlos, was zu tun ist. Die bedrohten Flüchtlinge aufzunehmen gebietet unsere Moral und auch das humanitäre Völkerrecht, und zugleich fürchtet man die Folgen einer ungesteuerten Aufnahme i.S. der Schaffung weiterer Anreize für noch mehr Flüchtlinge, die dann den Weg nach Europa zu wagen.

Es ist klar, dass dringender Handlungsbedarf besteht, dass man die Seenotrettung (mare nostrum), wie sie von Italien bis Oktober letzten Jahres durchgeführt wurde, wieder reaktivieren muss, um ein weiteres Massensterben an den EU Außengrenzen zu verhindern! Nach Angaben des European Council on Refugees and Exile hat die Operation Mare Nostrum im Zeitraum ihrer Aktivität (1 Jahr) ca. 140 000 Menschen gerettet!

Doch die aktuellen EU- Beschlüsse sehen den Ausbau des Grenzschutzes (Operation Triton) vor. Gerettet werden sollen Flüchtlinge nur in EU – Küstennähe – also außerhalb des Gebietes, in dem die meisten Flüchtlingsboote kentern.

Ich bin der Überzeugung: Man wird durch die Operation Triton keine Flüchtlinge abschrecken, sondern nur weiteres Massensterben in Kauf nehmen. Und ich bin mir sicher, die meisten Politiker wissen das auch.

Was ist zu tun, um weitere humanitäre Katastrophen zu verhindern und andererseits die Zuwanderung entsprechend den Aufnahmekapazitäten der Zielländer zu gestalten?

Hier sind keine einfachen Antworten zu erwarten. Man muss die Probleme grundlegend angehen und sich nicht von dumpfen Stimmungen und Ängsten einerseits und von moralischen Reflexen andererseits leiten lassen. Weder als verantwortlicher Politiker noch als Gesellschaft. Es hilft auch nicht, die Zugangszahlen der Flüchtlinge zu relativieren, wie dies von Flüchtlingshilfsorganisationen gerne gemacht wird. Das macht die Probleme nicht kleiner.

Die Fluchtursachen sind komplex und praktisch in jedem Land, aus dem Bürger sich entschließen zu fliehen, sind die Flucht-Auslösefaktoren spezifisch Andere. Das macht es so schwer, zu einer einfachen Bewertung zu kommen und auch zu befriedigenden Antworten zu deren Lösung.

Ich kann dies natürlich auch nicht im Rahmen eines kurzen Vortrags heute Abend „lösen“.

Zuallererst muss man sich als Politiker der Aufnahmegesellschaft, als Vertreter staatlicher und zivilgesellschaftlicher Institutionen in der Aufnahmegesellschaft und als Bürger dieser Aufnahmegesellschaft bewusst machen und sich eingestehen, dass das Flüchtlingsproblem uns wahrscheinlich auf absehbare Zeit weiter intensiv beschäftigen wird und dass wir gemeinsam an Lösungen des Problems arbeiten müssen.

Wenn wir dies akzeptiert haben, dann müssen dieser Einsicht Taten folgen, auf der Basis gemeinsam getroffener Beschlüsse. Auf Stadtteilebene, auf kommunaler Ebene, auf Landesebene und im Bund – d.h. hier im Zielland, und ebenso – und sicher schwieriger zu bewerkstelligen- mit den politischen Akteuren in den Herkunftsländern, wenn es überhaupt möglich ist.

Es bedarf hierzu entsprechend ausgebildetes und motiviertes Personal, große Verwaltungserfahrung, ausreichend Geldmittel, Phantasie und Kreativität und die Bereitschaft und Fähigkeit, mit den lokalen Akteuren in der Herkunftsländern zu gemeinsamen Lösungen zu kommen, die auf Dauer angelegt sind.

Folgende Fragen stehen an:

  1. Zahl der Flüchtlinge? (Weltweit, bezogen auf Deutschland?)
  2. Aus welchen Ländern kommen die Flüchtlinge?
  3. Wer flieht und warum fliehen die Menschen und mit welchen Erfolgsaussichten? (Schutzquote)
  4. Ist das Asylrecht geeignet, die Fluchtursachenprobleme zu lösen?
  5. Was unternimmt die Land B-W, um der stark gestiegenen Flüchtlingszahl gerecht zu werden?

Zu 1.

Die Zahl der Flüchtlinge weltweit ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen. Waren es vor 5 Jahren noch ca. 40 Millionen, so zählte der UNHCR Mitte des letzten Jahres bereits 51,2 Millionen „Flüchtlinge“. In einigen Statistiken kursiert die Zahl 56,9 Mio.

Bezogen auf die 51,2 Millionen Flüchtlinge sind davon 33,3 Mio sog. Binnenflüchtlinge, 16,7 Mio sind leben als Flüchtlinge in den Anrainerländern und nur etwa 1,2 Mio Asylsuchende gibt es, meist in den westlichen Industrienationen, also ca. 2%.

In der EU haben im vergangenen Jahr (2014) 625.000 Flüchtlinge Asyl beantragt (Eurostat 20.3.2015), in Deutschland waren des 173.000 Erstantragsteller. (BAMF)

Zu 2.

Die 10 Hauptherkunftsländer waren in Deutschland. (2014)

Rang Land Anteil
1. Syrien 39.332 (+231,9%)
2. Serbien 17.172 (+49,9%)
3. Eritrea 13.198 (+265%)
4. Afghanistan 9.115 (+17,8%)
5. Albanien 7.865 (+530,7%)
6. Kosovo 6.908 (+103,5%)
7. Bosnien und Herzegowina 5.705 (+71,7%)
8. Mazedonien 5.614 (–9,6%)
9. Somalia 5.528 (+46%)
10. Irak 5.345 (+57,9%)

Quelle: BAMF 2014 S. 17

Die Debatten über die Rechtmäßigkeit des Asylbegehrens sind fast so alt wie dieses Grundrecht, welches die Gründerväter des GG 1949 in den Grundrechtskatalog (Artikel 16 GG) aufgenommen haben. Das Grundrecht auf politisches Asyl ist eine wesentliche Konsequenz aus dem Nationalsozialismus, des erzwungenen Exils und der Erfahrung, dass vielen Exilanten politisches Asyl verwehrt wurde und sie deshalb zu Tode kamen. Dies sollte nicht wieder geschehen, Deutschland sollte Exilanten und politischen Flüchtlingen aus anderen Ländern ein sicherer Hort sein. Flüchtlingshilfsorganisationen und auch viele andere (Christen, Menschenrechtler, Sozialdemokraten, Grüne, Linke) sehen deshalb in der Einschränkung des Art 16 im Jahr 1993 einen Sündenfall. Die Debatte kocht immer dann hoch, wenn die Flüchtlingszahlen ansteigen, wie es seit einiger Zeit der Fall ist.

Ich möchte auf diese Debatte hier nicht eingehen, sondern den Blick auf zwei Hauptherkunftsländer richten, die sozusagen die Pole der Argumentationskette bilden: Syrien (Platz 1) und Serbien (Platz 2), und werde dann zu meinen vorläufigen Schlussfolgerungen kommen.

Zu Syrien:

Nahezu alle Akteure in Politik und Gesellschaft, aber auch nahezu alle Bürger sind sich darin einig, dass den Syrern geholfen werden muss. In diesem äußerst blutig geführten Bürgerkrieg ist v.a die Zivilbevölkerung betroffen. Sie werden Opfer von Fassbomben, Bomben, Raketen, Artilleriebeschuss und Giftgas und darüber hinaus vielfach ausgehungert. Das Leid der Zivilbevölkerung, auch unter den Kindern ist unsagbar. Über 200 000 Tote sind zu beklagen, mehr als Doppelt so viel wie im Bosnienkrieg vor 20 Jahren (!). Seit Beginn des Bürgerkriegs sind über 4 Millionen Syrer in das benachbarte Ausland (Türkei, Libanon, Jordanien, Irak) geflohen, eine Viertel Million hat die Flucht nach Europa geschafft. Weitere 11 Millionen Syrer planen ihre Flucht!

Seit Ausbruch der Kampfhandlungen 2011 sind laut UNHCR 79.000 Syrer nach Deutschland geflohen, davon allein 2014: 39.332. Der Anstieg ggb. 2013 beträgt lt. BAMF 231% ! Flüchtlinge aus Syrien stehen in der Asylstatistik des BAMF auf Platz 1 unter den Hauptherkunftsländern. Die Anerkennungsquote bei Syrischen Flüchtlingen beträgt fast 90%, (davon 5,6 % nach Art 16 a GG, 71,2 % nach der Genfer Konvention, und 12,2 % erhalten subsidiären Schutz). Ablehnungen als offensichtlich unbegründet gibt es nur in 0,1 % der Fälle, in 10,6% der Fälle gibt es formelle Ablehnungsgründe, aber diese Ablehnungen führen nicht zu einer Abschiebung nach Syrien.

Ganz anders bei den Flüchtlingen aus Serbien: In keinem einzigen Fall gab es eine Anerkennung nach Art 16a GG oder der GK, nur 0,1 % erhielten subsidiären Schutz und 0,1 % erhielten eine Feststellung eines Abschiebungsverbotes nach §60 Abs. 5 oder 7 AufenthG: Dagegen waren 62,6% als offensichtlich unbegründet (o.u.) abgelehnt, und 37,1 % aus formellen Gründen abgelehnt.

Die Mehrheit der politischen Akteure und gesellschaftlichen Gruppierungen in Deutschland nd B-W sind sich offenbar darin einig, dass Asylanträge von Bürgern der Republik Serbien abzulehnen sind. Widerstand dagegen gab es aus Flüchtlingshelferkreisen, den Wohlfahrtsverbänden und Kirchen und bei den Grünen und Linken. Diese Kontroverse führte schließlich zum sog. „Asylkompromiss“ des Bundesrats vom 19.09.2014 , nach dem dieser ein Gesetz der Bundesregierung zur Einstufung von Serbien, Mazedonien und Bosnien- Herzegowina als „sichere Herkunftsstaaten“ einstuft (§ 29a AsylVfG) und im Gegenzug zu einigen Erleichterungen im Aufenthaltsrecht (erleichterter Zugang zum Arbeitsmarkt) führte. Die Zugangszahlen aus den genannten Serbien und den anderen Nicht-EU-Balkanländern haben sich aber nach diesem Asylkompromiss“ nicht signifikant verringert.

Es ist evident, das die Roma, gegen die sich dieser „Kompromiss“ in erste Linie gerichtet hat, lieber in einem temporäres Exil in D. anstreben als die fortgesetzte extreme Armut in ihren Heimatländern und der häufig anzutreffenden Diskriminierung und Ausgrenzung weiterhin zu erdulden. Und es ist auch allen politischen Entscheidungsträgern in Deutschland klar, dass hier ein Politikversagen in den Herkunftsländern und auf europäischer Ebene vorliegt: 25 Jahre nach dem Fall des real existierenden Sozialismus, in dem die Roma eine bürgerliche Existenz aufgebaut hatten und bürgerlichen Berufen nachgingen, sind die große Mehrheit der Roma aus dem wirtschaftlichen Leben und aus der Gesellschaft ihrer Heimatländer ausgeschlossen. Es ist, als hätte man die Apartheit in Mitteleuropa eingeführt und wenn die betroffenen Roma aus ihr mittels Asylantrag zu entfliehen suchen – dem einzigen Mittel das ihnen zur Verfügung steht- werden sie qua Asylkompromiss wieder dorthin verfrachtet.

Warum führe ich diese beiden Länder auf? Wir haben unter den 10 zugangsstärksten Herkunftsländern in der Asylstatistik (2014) 5 klassische Bürgerkriegsländer (Syrien, Eritrea, Afghanistan, Somalia und Irak) mit zusammen ca. 72.000 Erstantragstellern.

Wir haben unter den 10 Hauptherkunftsländern in der Asylstatistik aber auch 5 Länder, auf die das Diktum Wirtschaftsflüchtlinge gerne angewandt wird. Es sind dies die Flüchtlinge aus den Nicht-EU-Balkanländern (Serbien, Albanien, B-H, Kosovo, Mazedonien) mit zus. 43.000 Flüchtlingen/Erstantragstellern.

Das Verdikt „Wirtschaftsflüchtling“ trifft nicht den Kern des Problems: Es handelt sich bei allen Nicht-EU-Balkanstaaten um solche Staaten, die den Transformationsprozess nach dem Zusammenbruch des Sozialismus ökonomisch und sozial und politisch nicht geschafft haben, und die in der Folge blutige Bürgerkriege erleben mussten, von denen sie sich bis heute nicht erholt haben.

Ich bin nicht der Meinung, dass das Asylrecht zur Rettung der Opfer dieses fehlgeschlagenen Transformationsprozesses herhalten kann! Aber ich erwarte, dass die EU und mit ihr die Politiker der EU-Nationen die notwendigen Folgerungen ziehen und durch eine zügige Aufnahme der Verhandlungen für einen Beitritt dieser Länder in die EU den Nährboden für Nationalismus und neue Bürgerkriege und auch von trostloser Armut entziehen.

Ich erwarte auch, dass man die politischen Folgen der Nichtaufnahme – hier die fälschliche Inanspruchnahme des Asylrechts – nicht zum Anlass nimmt, die Hoffnungslosigkeit dieser Menschen noch zu steigern mit vielleicht nicht intendierten Verzweiflungshandlungen der Minoritäten in diesem Ländern und der Unterschicht

Leider ist der Asylkompromiß vom Herbst vergangenen Jahres kein Beispiel dafür, wie man es eigentlich machen sollte. Die im Asylkompromiß gefundene Definition von sog. „Sicheren Drittstaaten“ führte im Gegenzug /als Kompromiss zur – Absenkung des Arbeitsverbots für Flüchtlinge von bisher 9 Monate auf 3 Monate. Dies führte aber dazu, dass viele arbeitslose Kosovaren versuchten, auf dem Wege des Asyls sich Zugang auf den deutschen Arbeitsmarkt zu verschaffen – da sie als Nicht-EU-Bürger keinen anderen Zugang zu diesem haben. Dies führte zu einem erheblichen Anschwellen der Asylanträge aus dem Kosovo in diesem Jahr. Erst nach massiven Interventionen der Bundesregierung und der Ankündigung und prompten Umsetzung eines Beschlusses, die Asylanträge von Kosovaren summarisch innerhalb von 10–14 Tagen grundsätzlich ablehnend zu bescheiden hat in den Folgemonaten zu einem deutlichen Rückgang der Asylanträge aus dem Kosovo geführt.

Also: Das Asylrecht ist sicherlich hilfreich bei der Abwehr einer akuten, das Leben und die Unversehrtheit der Person unmittelbar bedrohenden Gefährdungslage, sei es im Kontext von Kriegen oder Bürgkriegen oder im Rahmen der Außerkraftsetzung von elementaren politischen Grundrechten einer gesellschaftlichen Gruppe durch die herrschende politische Klasse eines Landes. Es taugt nicht als Korrektiv für Minoritäten, die alle in gleicher Weise sozial, politisch und ökonomisch ausgegrenzt sind.

Dass das Grundrecht auf Gewährung basaler sozialer und sozioökonomischer Grundrechte noch nicht im Fokus der Gründerväter unseres GG stand, kann nicht bedeuten, dass wir heute noch die Augen vor der Erkenntnis verschließen müssen, dass es heute immer mehr Menschen gibt, denen diese sozialen und sozioökonomischen Grundrechte nachhaltig verwehrt werden.

Die Lösung heißt möglicherweise nicht in erster Linie: wir gewähren politisches Asyl! Die Lösung müsste vielmehr bedeuten, den europäischen Integrationsprozess stärker zu befördern – auf vielen Ebenen und unter Einschluss der weiterhin darbenden Bevölkerungsmehrheit in Serbien, Albanien, Mazedonien, Kosovo und B-H, denen es auch nicht viel beser ergeht als den Roma. Dass aus diesen Ländern nur die Roma kommen und nicht die ebenfalls darbenden Normalbürger ist geradezu verwunderlich.

Wir müssen diesen Ländern stärker unter die Arme greifen – Im Bereich des Aufbaus der politischen Strukturen, der Infrastruktur, der Wirtschaft und des Bildungswesens. Wenn wir es nicht bald tun, treiben wir die Menschen noch mehr in die Verzweiflung.

So komme ich jetzt auch auf die aktuelle Flüchtlingstragödie in Afrika zu sprechen: Sie hat einen ähnlichen Nährboden, wie die Länder des Nicht-EU-Balkan:

  • Korrupte und größtenteils verbrecherische politische „Eliten“
  • Politikversagen und Behördenversagen
  • Versagen des Gesundheitswesens
  • Ausverkauf der Bodenschätze und regionalen Produkte zu Dumpingpreisen
  • Niedergang der einheimischen traditionellen Wirtschaft (Landwirtschaft, Fischereiwesen, Textilindustrie) im Zuge der Globalisierung
  • Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen durch intensivierte Landwirtschaft und Überweidung
  • Landraub (land rapping) durch die herrschende Klasse
  • Überbevölkerung, Überhandnahme von Slums in den Städten
  • Zunahme der Bürgerkriege und der ethnischen und religiösen Übergriffe und Massaker auf die Zivilbevölkerung

Die Frage liegt nahe: Was macht das mit den Menschen, die das erleben?

  • Viele Menschen geben die Hoffnung auf, dass es zu einer Besserung der Lebensverhältnisse im nationalen Kontext noch jemals kommen wird
  • Familien legen ihr Vermögen zusammen und schicken die stärksten ihrer Söhne ins Exil, damit sie sich durchschlagen und eine Existenz im Exil aufbauen und ihren Familien durch Geldtransfer ein Überleben sichern
  • Familienväter verlassen ihre Familien in der Hoffnung auf ein späteres Glück als Arbeiter in der Fremde und hoffen ebenfalls ihre Familien durch Geldtransfer ein Überleben zu sichern .

Diese Verpflichtung und die Verzweiflung und die Hoffnung ihrer Familien, das ist der Kern dieses irrwitzigen Wagnisses, in Nussschalen das Mittelmeer zu überqueren, ohne Schutzwesten, ausreichend Wasser und Nahrung, sich in die Abhängigkeit von Verbrechern zu begeben, die ihnen ihr Geld und ihren Proviant zuvor genommen haben.

Anmerkungen zur Situation der Flüchtlinge in Baden-Württemberg

Ich glaube , dass viele Bürger in B-W die oben geschilderten Zusammenhänge irgendwie ahnen oder auch wissen, und ihre eigene – vergleichsweise privilegierte Lebenssituation im Kontrast dazu als etwas Besonderes wertschätzen und sich daraus auch die anhaltende Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung z.T. erklären lässt. Zwar gibt es auch hier einzelne, die uns per Mail und in zynischer Weise etwa Australien als Vorbild im Umgang mit dem Flüchtlingsproblem empfehlen. Doch diese Stimmen sind die Ausnahme. Diese Einschätzung der Situation in B-W belegt die neueste „Mitte“- Studie, die seit 2002 alle 2 Jahre von der Universität Leipzig durchgeführt wird. Darin wird die ausländerfeindliche Einstellung in Deutschland bezogen auf 13 Bundesländern (ohne HB, HH und Saarland) erhoben.

Ausländerfeindliche Einstellungen haben in:

Ort Anteil
Sachsen-Anhalt 42,2%
Bayern 33,2%
Bundesdurchschnitt 24,3%
NRW 20,2%
Baden-Württemberg 16,9%

Mit Ausnahme Bayerns wird in allen Bundesländern und besonders positiv: in NRW und B-W die sog. „Kontakthypothese“ in positiver Weise bestätigt. Diese besagt, dass ausländerfeindliche Einstellungen in dem Maße abnehmen, wie der Anteil der Ausländer gestiegen ist. Der Ausländeranteil in B-W liegt bei ca. 10%, die Ausländerfeindlichkeit dort bei 16,9%. In Sachsen-Anhalt ist der Ausländeranteil bei 2%, die Ausländerfeindlichkeit bei 42,2%.

Quelle: SZ Magazin v. 06.04.2015

Diese Einschätzung kann man vermutlich auch auf die Einstellung gegenüber Flüchtlingen übertragen. So gibt es in B-W seit vielen Jahren eine besonders ausgeprägte flächendeckende Ehrenamtskultur im Flüchtlingswesen, die es in dieser Form sonst in D. nicht gibt.

Unterstützt wird diese Kultur mittlerweile auch von der grün-roten Landesregierung, resp. durch das Integrationsministerium, bspw.

  1. durch pauschale jährliche Zuwendungen bspw. an den Flüchtlingsrat B-W (die aber selbstverständlich im Rahmen von ausführlichen Rechenschaftsberichten belegt werden müssen)
  2. durch pauschale Zuwendungen an die Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer im B_W
  3. auf gesetzgeberischem Wege etwa durch ein komplett überarbeitetes Flüchtlingsaufnahmegesetz seit 1.2014, welches im Gegensatz zum Vorgängergesetz nicht primär auf Abschreckung der Flüchtlinge zielt, sondern auf eine humane und die Würde des Flüchtlings achtende Aufnahme.

Das und manch andere Maßnahmen für Flüchtlinge haben die politische Kultur und den Umgang mit Flüchtlingen in B-W in positiver Weise geprägt. Auch die früheren Regierungsparteien (CDU und FDP) insbesondere deren Integrationspolitiker haben erkannt, dass das Thema Flüchtlingsaufnahme nicht zu parteipolitischen Kämpfen taugt, weil es – wie oben zu zeigen versucht wurde – zu komplex, auch zu ernst ist, und der politische Flurschaden zu groß wäre. Auch die Wirtschaft tendiert angesichts fehlender Fachkräfte und Lehrlingsmangel dazu, verstärkt auf Flüchtlinge zu setzen, wenn sie den Qualifikations-anforderungen genügen.

Wir haben in B-W nahezu Vollbeschäftigung, eine dauerhaft prosperierende Wirtschaft, eine aufgeklärte politische Elite, alte liberale und christliche Traditionen sowie engagierte Kirchenvertreter und Wohlfahrtsverbände und Fachverbände. Dies und die relativ guten wirtschaftlichen Lebensverhältnisse eines Großteils der Bevölkerung in B-W und das Gefühl – fast auf einer Insel der Seeligen zu sitzen – und andererseits das medial vermittelte Elend vieler Menschen in Krisengebieten – führt dazu, dass sich viele ehrenamtlich für Flüchtlinge engagieren wollen und dies tatsächlich auch tun.

In den Kommunen gibt es vermehrt „Runde Tische für Flüchtlinge“ – so u.a. in Ulm. Hier treffen sich Vertreter der Wohlfahrtsverbände, der Stadt Ulm, der Flüchtlingshilfsorganisationen und der Stadtteilinitiativen für Flüchtlinge regelmäßig alle 8 Wochen, um die Belange der Flüchtlinge, um die Themen

  • Unterbringung
  • Deutschkurse
  • Schule /Ausbildung
  • Arbeit
  • Integration der Flüchtlinge in das Gemeinwesen
  • Organisation der Ehrenamtlichen in den Stadtteilen

zu organisieren und die weiteren Planungen zusammen mit der Abteilung der Sozialbürgermeisterin und den Sozialplanern in der Stadt abzustimmen. Auf Landesebene haben wir den Flüchtlingsrat B-W und die LAG der 5 PSZ in B-W (RVS, RS, PBV und BFU und in KA).

Und wir haben seit Jahren einen Gesprächskreis bei der MR-Beauftragten der LÄK und LPK in B-W, um auch auf dieser Ebene zu Lösungen insb. im Gesundheitswesen zu kommen.

Im letzten Jahr hatten die 5 PSZ zusammen etwa 1700 Klienten betreut und behandelt. Die Versorgung in der Fläche könnte sicherlich noch intensiviert werden, es gibt v.a. eine Versorgungsmangel in Baden. Dies wird v.a. deutlich angesichts weiter ansteigender Flüchtlingszahlen. Nach 26 000 Flüchtlingen in 2014 rechnet das Land mit ca. 33 000 in diesem Jahr. Handlungsbedarf besteht also weiterhin!

In Bezug auf die psychosoziale und PT Versorgung von traumatisierten Flüchtlingen sind wir in B-W auf einem ganz guten Weg – auch im Ländervergleich – dank der vielfältigen Vernetzungen und der politischen und finanziellen Unterstützung der Landesregierung und der beiden Kirchen in diesem Land, aber auch weil es uns gelungen ist, in allen Gebietskörperschaften die Hilfen zu ermöglichen, die im Rahmen der AsylbLG möglich sind. Wir hoffen , dies bleibt auch in Zukunft so.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Selb, 20. März 2015 – Im Einsatz für die Menschenrechte

Urs M. Fiechter, Experte bei Amnesty International, referiert in Selb. Der Buchautor macht sich unter anderem für mehr Integration stark.

„Integration kann sehr einfach sein, braucht aber Zeit.“ Diesen Satz hat Urs M. Fiechter an den Anfang seines Vortrags „Kulturelle Identität – Grenzen der Toleranz“ im Tagungsraum der Volkshochschule Selb gestellt. Die Autorenlesung für Erwachsene unterstützte die Stiftung „Bayern liest“. Schon am Vormittag war Fiechter dank des Friedrich-Bödecker-Kreises bei Jugendlichen des Walter-Gropius-Gymnasiums zu Gast gewesen. Seine Vorträge hielt er im Rahmen der „Internationalen Wochen gegen Rassismus“, an denen sich auch in der Stadt Selb einige Institutionen beteiligen.

Gerade zu den Grenzen der Toleranz könne er keine hundertprozentigen Antworten, aber Anregungen aus eigener Erfahrung geben, sagte der Referent, der in Lateinamerika aufgewachsen ist. „Geschichte wiederholt sich, aber als Tragödie und Farce“, so Fiechter, der anschließend die Probleme der Integration in Deutschland seit 1848 aufzeigte. Schon damals habe es in der Pauls-Kirche Debatten über Flüchtlinge gegeben. Im Kaiserreich war die Landflucht der Bauern in die Städte Thema. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste Westdeutschland schließlich 12,5 Millionen Vertriebene integrieren, die maßgeblich am Wirtschafts wunderbeteiligt waren. Berührungsängste gab es anschließend gegenüber Gastarbeitern. Debatten über Flüchtlinge und Migranten kämen also alle paar Jahrzehnte wieder auf.

Manchmal entstünden diese Diskussionen wegen verfehlter Innenpolitik: So seien laut Umfragen nur 46 Prozent aller Deutschen fähig, ein Menschenrecht zu nennen. Dieses Phänomen treffe auch auf andere Industrienationen zu, weil die Menschen dort denken, sie hätten alles erreicht.

Durch die Migrantenströme kämen aber auch wieder Schlagworte wie Zwangsheirat und Ghettoisierung auf. „Begriffe, die bei uns gar nicht so unbekannt sind“, sagte Fiechter. Gerade beim Thema Frauenrechte sollten die Deutschen die Nase nicht allzu hoch tragen.

So sei zuletzt eine Stimmung entstanden, die man weitgehend überwunden glaubte. Durch Brandanschläge in Rostock und Lichtenhagen in den 1990er-Jahren hätten sich weite Teile der Bevölkerung re-infizieren lassen. Heute existiere das Phänomen, dass die Rechte in vielen Ländern Europas in die Mitte ströme Krawattenträger würden jetzt Themen der Migration nicht mehr in Hass, sondern in Sorge verkleiden. Der Zweck, solche Sorgen vorzutragen, sei es, den gemeinsamen Feind bei den Migranten und Flüchtlingen zu suchen. Aber: „Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des anderen anfängt.“

Dies gelte auch für die Religionsfreiheit und die Angst der Deutschen vor dem Islam. „Dort, wo man sich vor dem Islam fürchten muss, hat man es nicht mit einer Glaubensrichtung zu tun, sondern mit Faschismus“, so der Referent. Religionsfreiheit bedeute auch die Gleichbehandlung anderer Religionen. Man könne sich nicht auf die Religionsfreiheit berufen, wenn man die Rechte anderer verletzt. So habe auch die Meinungsfreiheit Grenzen. Laut Menschenrechtserklärung dürfe der persönliche Ruf und die Ehre eines Menschen durch die Meinungsfreiheit nicht angegriffen werden. Begriffe wie Werte und Kultur seien aber gerade in Deutschland schwer zu definieren. Schon die Einführung der Schulpflicht sei einem Kulturkampf gleichgekommen.

„Mit dem Thema Bildung kommen wir aber zu einer anderen Debatte, die uns noch Generationen verfolgen wird“, sagte Fiechter. So gebe es derzeit kein Migrations- sondern ein Bildungsproblem. „Laut Statistischem Bundesamt brauchten wir jährlich 350000 Einwanderer, um den Lebensstandard zu halten.“ Dies müssten aber vor allem Facharbeiter sein. Kurzerhand werden deshalb gute, also gebildete, und schlechte, also ungebildete, Einwanderer unterschieden. Vor dem Grundgesetz sind jedoch alle Menschen gleich. Und das Grundgesetz sei der wirklich einzig einheitliche Wert in Deutschland, sagte der Referent.

„Das Recht funktioniert für alle, oder für keinen – und das Menschenrecht erst recht“, so Fiechter. Ziel sei es, eine Welt frei von Furcht und Not zu schaffen: „Und ich bin noch keinem begegnet, der dem nicht zugestimmt hätte.“ Seit Anfang 2000 gebe es aber eine Rückentwicklung der Menschenrechte. Fiechter verglich diese Rechte mit den Fäden der Liliputaner in Jonathan Swifts Buch „Gullivers Reisen“: Sie halten den Riesen, oft Staat genannt, am Boden.

Autor: Christian Schilling

 

Herzogenrauch, 13. März 2015 – Vortrag „Biedermänner und Folterknechte“

Urs Fiechtner berichtet über Zunahme der Menschenrechtsverletzungen

Urs fiechtner oliver kundler herzogenrauch

Kaum anzunehmen, dass in Herzogenaurach gefoltert wird. Wahrscheinlich fanden deshalb nur einige Interessierte den Weg in die Musikschule, wohin die hiesige vhs mithilfe eines ungemein lebhaften und fachkundigen Referenten zu locken versuchte.

Urs Fiechtner, anerkannter Publizist und Schriftsteller, der seit Anfang der 1970er Jahre ehrenamtlich für Amnesty International arbeitet, berichtete anschaulich und detailliert zum Thema Menschenrechtsverletzung durch Foltermethoden.

Dabei könne heute niemand mehr die Augen vor dieser Problematik verschließen, urteilte der 1955 in Bonn geborene Aktivist gleich zu Beginn, da die Zahl der Flüchtlinge und Vertriebenen, von denen rund 30 Prozent gefoltert wurden bzw. traumatisiert sind, beängstigend zugenommen habe. Gemäß eines klugen Ausspruchs des großen Bert Brecht seien solche Migranten zwar Menschen, die ihre Geschichten über die Grenzen tragen würden, aber – so der Referent ergänzend – sie könnten diese meist nicht artikulieren, da ihnen ihre schlimme Erfahrung die Sprache verschlagen habe. Außerdem träfen sie in der Aufnahme-Region häufig auf medizinisch ungeschultes Personal.

Nicht zuletzt weil Urs Fiechtner im südamerikanischen Chile aufwuchs, wo einst General Pinochet eine Menschen verachtende Diktatur errichtet hatte, gründete er bereits mit 21 Jahren die interkulturelle Autorengruppe 79, um in seinen Lyrik- und Prosawerken immer wieder Werte wie Freiheit, Recht und Würde des Individuums in den Mittelpunkt zu rücken.

Darüber hinaus engagierte er sich von Anfang an im 1995 geschaffenen Ulmer Behandlungszentrum für Folteropfer, das er auf Vortragstouren sowohl in Bildungseinrichtungen als auch in politischen Gremien repräsentiert. Er möchte auf die Situation solcher psycho-sozialen Beratungsstellen hinweisen, die zwar aufgrund der wachsenden Flüchtlingsströme hierzulande immer wichtiger werden, trotzdem von staatlicher Seite aus kaum finanzielle Unterstützung erhalten.

Im Gegensatz dazu intensivierten Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty ihre Arbeit auf diesem Sektor und waren hauptverantwortlich dafür, dass 1984 von 155 Ländern eine Konvention unterschrieben wurde, die das Foltern ächtet. Weiterhin konnte die Einrichtung des Internationalen Strafgerichtshofes im niederländischen Den Haag als großer Erfolg verbucht werden. Andererseits – und das betonte der Referent im Gespräch mehrmals – hat der Angriff auf die menschliche Würde gerade nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 enorm zugenommen. Die Praxis der „beispielhaften Demokratie USA“, nämlich, nunmehr die Folter als „erweitertes Verhör“ anzuwenden, wirkte sich verheerend auf die Moral anderer Staaten aus. Die Bilanz ist ernüchternd: Im Laufe der letzten fünf Jahre wurde in 141 der 193 UNO- Mitgliedsländer gefoltert.

Laut Urs Fiechtner muss man sich von der Vorstellung lösen, dass die doch recht variablen Schmerzmethoden betrieben würden, um Informationen herauszupressen. Das sei oft nur ein vorgeschobenes Argument, denn in erster Linie wolle man Menschen bestrafen bzw. demütigen oder andere Personengruppen vor einem bestimmten Verhalten abschrecken. Und die Täter – erinnert sei in diesem Zusammenhang an die Schergen der NS-Konzentrationslager — spielten im „anderen Leben“ oft die braven, biederen Familienväter. Gemäß seriöser Untersuchungen sind acht von zehn so genannten Normalbürgern imstande zu quälen, wenn ein vermeintlich guter Grund sie dazu zwinge, ob der nun Glaube, Nation oder Partei heiße.

Oliver Kundler, der Leiter der vhs, bedankte sich abschließend beim „Handlungsreisenden für Menschenrechte“ und kündigte für den 19. April 2015 einen weiteren gesellschaftspolitischen Vortrag an, der sich am selben Ort mit kultureller Identität und Integration auseinandersetzen wird. Natürlich hofft er auf größeres Interesse, weil ja längst auch Herzogenaurach Asylsuchende beherbergt. logo

 

Vortrag „Folter schafft neue Tätergruppen“

Der Autor Urs Fiechtner verurteilt im Kulturzentrum Ludwigsburg jeglichen Angriff auf die Menschenwürde

Der erste sommerliche Abend in diesem Frühjahr passte wohl nicht zu einem wenig erheiternden Thema. Urs Fiechtner – Autor, Menschenrechtler und Mitbegründer des Ulmer Behandlungszentrums für Folteropfer – sprach im Kulturzentrum über Angriffe auf die Menschenwürde. Der Krieg gegen den Terror hat Folter seiner Einschätzung nach wieder salonfähig gemacht.

In kleiner Runde berichtete Fiechtner auf Einladung der Ludwigsburger Gruppe von Amnesty International über ein schwieriges Thema, dem sich Menschen nicht gerne stellen. Es scheint weit weg zu sein und ist doch ganz nah. Flüchtlinge haben meist Traumatisches erlebt, der Angriff auf die Menschenwürde ist laut Fiechtner aber auch ein deutsches Thema. So setzt er sich für die Aufarbeitung der Folter im DDR-System ein. Was unterscheidet Folter von anderen traumatischen Erlebnissen? Sie zielt laut Fiechtner auf die maximale Demütigung ab, die Methoden sind subtil, es gibt nicht nur exzessive Gewalt.

Fiechtner, der in Chile geboren und aufgewachsen ist, erzählte die Geschichte eines Folteropfers aus Südamerika. Die junge Frau, ihr Mann und ihre beiden Kinder wurden verhaftet und gequält, nach graumsamsten Misshandlungen an einem ihrer Kinder „verriet“ sie weitere Mitglieder der angeblichen Verschwörung. Sie nannte einfach Namen aus ihrem Umfeld, damit es endlich aufhört. Die Verschwörung hat es nie gegeben, die schwer traumatisierte Frau fand erst in ihrem Abschiedsbrief Worte für das, was geschehen ist. Sie konnte nicht mehr mit der Schuld leben, Unbeteiligte an die Folterknechte verraten zu haben und nahm sich das Leben.

„Schneeballprinzip“ nannte Fiechtner die Methode, die überhaupt keinen Informationsgewinn bringt, aber die Menschen einschüchtert. Folter gehört in rund jedem zweiten Land der Welt zum Alltag und das obwohl 146 Staaten die Antifolterkonvention der Vereinten Nationen unterschrieben haben.

Der Krieg gegen den Terror legitimiert nach Einschätzung Fiechtners diese Methoden nicht, denn es gebe nicht einen Fall, wo unter Folter wichtige Informationen weitergegeben worden seien.

Im Gegenteil: Man schaffe nur neue Tätergruppen. Die tickende Bombe hielt Fiechtner für eine Erfindung, es existiere kein realistischer Fall. Das Szenario: Eeine Zeitbombe tickt irgendwo vor sich hin, der Terrorist wird verhaftet, verrät aber den Ort der Bombe nicht. Diese muss aber rechtzeitig entschärft werden, damit nicht weitere Menschen zu Schaden kommen. Fiechtner sah Folter auch in diesem Gedankenexperiment nicht gerechtfertigt. Ebenso wenig wie im Fall Markus Gäfgen, der 2003 den Bankierssohn Jakob von Metzler entführte und ermordete. Nach seiner Festnahme verschwieg er den Verbleib seines Opfers, der damalige Polizeivizepräsident ordnete schließlich Gewaltandrohung an. „Wir sind verführbar“, sagte Fiechtner. Auch Deutschland sein nicht gefeit davor. Der Menschenrechtler sah dabei keinen Unterschied zwischen dem eiskalten Berufskiller, der für Geld mordet, und den Folterknechten, die Grausames für einen angeblich höheren Zweck wie Gott, Vaterland oder Partei tun.

Autorin: Angelika Baumeister

 

Rundbrief Weihnachten 2014

Liebe Freunde und Förderer des Behandlungszentrums für Folteropfer Ulm,
liebe Mitglieder und Freunde des Fördervereins des BFU,

die Not der syrischen Kriegsflüchtlinge, der Krieg der IS gegen die Yeziden und Kurden im Nordirak, die Ebola-Epidemie in Westafrika, all das (und manch anderer Konfliktherd auf der Welt) berührt uns. Diese Fluchtbewegungen spüren wir auch am Klientenaufkommen im BFU. Sie kommen verstärkt aus dem Mittleren Osten, aus Syrien, aus Zentral- und Westafrika, aus Afghanistan und Tschetschenien. Noch nie hatten wir so viele Anfragen wie in diesem Jahr!

Viele Bürger in Deutschland haben sich von den medial vermittelten Bildern nicht lähmen lassen, sondern sind initiativ geworden: Sie schließen sich bestehenden Flüchtlingsinitiativen an oder gründen neue. Kaum eine Gemeinde, in der nicht neue Helfergruppen aus dem Boden schießen, wenn ein Landkreis entschieden hat, Flüchtlinge in einer „neuen“ Gemeinde unterzubringen. Es gibt Dörfer, die kaum mehr Einwohner aufweisen als sie Flüchtlinge aufnehmen!

Wir freuen sehr über dieses großartige bürgerschaftliche und humanitäre Engagement an vielen Orten, das auch bei uns ankommt, sei es, dass vermehrt ehrenamtliche Flüchtlingshelfer Klienten im BFU anmelden, sei es dass wir von diesen als Fachreferenten eingeladen werden.

Bedeutsam und für uns neu ist, dass sich aktuell in Baden-Württemberg alle relevanten Akteure in Politik, Kirchen und Verbänden ihrer humanitären Verpflichtung für Flüchtlinge über die Parteigrenzen hinweg stellen. Dies hat dazu geführt, dass die 5 psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (PSZ) in Baden-Württemberg (von denen das BFU eines ist) von diesen Akteuren mittlerweile als wichtiger Baustein in der psychosozialen und psychotherapeutischen Versorgung von traumati- sierten Flüchtlingen wahrgenommen werden. Die baden-württembergische Landesregierung hat deshalb auf unseren gemeinsamen Antrag hin die jährlichen Fördermittel an die PSZ erhöht und somit dem gestiegenen Bedarf angepasst. Wir werden deshalb im neuen Jahr weiteres Fachpersonal einstellen können.

Dieser Tage kam die frohe Botschaft: die Diözese Rottenburg-Stuttgart wird unser neues Kooperationsprojekt mit den Kollegen von Refugio Villingen-Schwenningen und der Caritas Ulm ab 2015 für 3 Jahre fördern. In enger Kooperation mit der Caritas Ulm kann deshalb u. a. ein spezielles dolmetschergestütztes psychosoziales und psychotherapeutisches Angebot für traumatisierte Flüchtlingskinder für die 3 Dekanate Ehingen-Ulm, Biberach und Heidenheim vorhalten werden, was bisher nicht möglich war. Wir werden über dieses neue Angebot im neuen Jahr berichten.

Die Not schafft weiterhin sinnvolle Kooperationsverbünde, so in Ulm (Runder Tisch für Flüchtlinge, Runder Tisch UMF), um Ulm herum (mit den lokalen Flüchtlingsinitiativen, Kliniken und Ärzten, Caritas und Diakonie) und auf Landesebene (bspw. mit dem Integrationsministerium, der Landesärztekammer Baden-Württemberg, der Landespsycho- therapeutenkammer Baden-Württemberg, dem Flüchtlingsrat Baden-Württemberg und der Landesarbeitsgemeinschaft der PSZ in Baden-Württemberg etc.). Wir sehen uns selbst immer mehr als ein Akteur in Zusammenarbeit mit anderen wichtigen Akteuren im Gesundheitssektor und in der freien Wohlfahrtspflege, von kirchlichen und zivilgesellschaftlichen Flüchtlingsinitiativen, in dem jeder Akteur versucht, seine Kompetenz und seinen Beitrag bei den komplexen, vielfältigen wie notwendigen Aufgaben einzubringen.

Wir hoffen, dass sich diese Entwicklung im Neuen Jahr so fortsetzt. Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten!

Für Ihre Unterstützung und gute kollegiale Zusammenarbeit in diesem Jahr danken wir Ihnen ganz herzlich und wünschen Ihnen – auch im Namen des BFU-Teams – eine frohe Weihnacht und ein gutes Neues Jahr 2015!

 

Besuch der katholischen und evangelischen Studentengemeinde Ulm

Besuch der katholischen und evangelischen studentengemeinde ulm

Gestern haben wir einen beeindruckend/bedrückenden Besuch gemacht im Behandlungszentrum für Folteropfer. Der Mann in dem karierten Hemd ganz hinten auf dem Foto ist der Leiter dieser Einrichtung, Manfred Makowitzki, der von Anfang an dabei ist (fast 20 Jahre) Er hat die Einrichtung in Zeiten enger finanzieller Spielräume durch gebracht und eine inzwischen relativ solide Finanzierung aufstellen können. Die Fälle, von denen er berichtet hat und auch die, die in dem Flyer zu lesen waren drehen einem das Herz um…

Erfahrene Therapeuten behandeln die Folteropfer die u.a. oft eine Posttraumatische Belastungsstörung haben. Derzeit werden ca. 125 PatientInnen behandelt, ca. 60 sind auf einer Warteliste.

Wie gut, dass es solche Einrichtungen gibt! Unsere Kirchen sind über Caritas und Diakonie auch dabei, in dem Förderkreis sitzen u.a. Dekan Hambücher und Pfr. Frey von der Diakonischen Bezirksstelle.

Es werden nur ca. 1,4 Prozent aller Flüchtlingen als Asylanten anerkannt, faktisch aber erhalten fast 50 Prozent eine Duldung.

Erfahrene/erlittene Folter ist, wie wir hören mussten kein Grund für den Status „Asylant/in“, lediglich die daraus resultierenden Erkrankungen führen zu einem Status der Duldung.

Dennoch gilt die Asylgesetzgebung bei uns noch als verhältnismäßig gut, im Vergleich zu anderen Staaten.

Pfr. Michael Zips hat am Ende des Gespräches 1000.- Euro für das Behandlungszentrum überreicht, die als Überschuss aus unserer Kaffeekasse auf dem Campus zusammen gekommen sind. Wir trinken und arbeiten dort also immer für einen guten Zweck!

Bericht von Herrn Pfarrer Ogrzewalla

 

Ausstellung „Die Würde des Menschen ist (un)antastbar“ in Wertheim

In der Aula des Beruflichen Schulzentrums Wertheim in Bestenheid ist derzeit die Wanderausstellung “Die Würde des Menschen ist unantastbar” zu sehen, eine Gemeinschaftsproduktion renommierten Behandlungszentrums für Folteropfer in Ulm (BFU) und von Amnesty International. Eröffnet wurde die Ausstellung über Ursachen, Formen und Folgen der Folter am Dienstagabend mit einer eindrucksvollen Konzertlesung, bei der der Schriftsteller Urs Fiechtner und der chilenische Musiker Sergio Vesely eindrücklich und berührend passende Worte fanden zu einem Thema, das schwer in Sätze zu fassen ist. Über 120 Menschen unterschiedlichen Alters waren bei der Veranstaltung zugegen.

Wertheim publikum

Manfred Breuer, Leiter des Beruflichen Schulzentrums Wertheim (BSZ), sagte bei der Begrüßung über die Bildungsstätte, “über den Unterricht hinaus verstehen wir unsere Schule als ein Forum für kulturelles, gesellschaftliches und politisches Leben”. Der Abend zeige, dass dieses Leitbild so gut wie möglich gelebt werde.

Vesely und Fiechtner hatten die Konzertlesung einst als intensives Zusammenspiel von Literatur und Musik entwickelt. Die beiden Künstler boten am Dienstag eine harmonische Mischung aus gesprochenem und gesungenem Wort.

Fiechtner hatte die vorgetragenen Geschichten selbst recherchiert, manches hat Vesely auch am eigenen Leib erlebt. Der Schriftsteller unterstrich, “Folteropfer leben unter uns”, seien doch 25 – 30 Prozent der Flüchtlinge in Europa Folteropfer, die helfenden Behandlungszentren für Folteropfer in 24 Städten Deutschlands von unserer Unterstützung abhängig. Folter sei auch ein durchaus deutsches Thema durch die Opfer der SED.

Die Geschichten und Lieder beleuchteten das oft Unsägliche aus unterschiedlichen Blickwinkeln, meist deutlich, oft auch behutsam, dem Thema stets in hoher Weise angemessen. Beide Künstler trugen mit klaren Stimmen vor, unbeschönigt intensiv, das Publikum blieb gut eine Stunde lang durchgehend mucksmäuschenstill.

Vesely fasste seine Gedanken in Zeilen wie diese: “wir singen, weil Schreien allein nicht genügt, wir singen, weil wir an die Menschen glauben und weil es gilt, die Niederlagen zu besiegen”.

Wertheim fiechtner vesely

Fiechtner erzählte von einer Frau, die berichtet habe, sie sei ins Gefängnis dafür gegangen, damit Kinder in Freiheit und Frieden aufwachsen können. Er beschreibt eine Szene, in der Soldaten junge Menschen erschießen, um danach selbst erschlagen zu werden, manchmal bleibe nichts zu sagen übrig. Der Schriftsteller las die beklemmende Geschichte, wie eine Gefolterte nach und nach selbst zur Folternden wird, schildert, wie die Geburt eines Kindes den Insassen eines Konzentrationslagers neuen Mut gibt, sagt in seinem “Taufgedicht für einen noch ganz kleinen Bürger”, “versuche, die Ignoranten zu erkennen, sie sind verantwortlich, überlasse ihnen die Straße nicht, und nicht das Wort”.

Die beiden Künstler schlossen mit einem humorig satirischen Text über Deutschland und die Deutschen, in dem es auch künstlich herbei geredete Mauern gebe, die aus einem Nachbarn einen Fremden machten “und so etwas könnte der Mensch ja ändern, wozu ist er denn sonst hier”. hpw

 

Autor spricht über die Arbeit des Behandlungszentrums für Folteropfer

Urs M. Fiechtner schildert im Bildungshaus die Erlebnisse von Folteropfern

Pressebericht untermarchtal urs fiechtner

Urs M. Fiechtner hat am Donnerstagabend im Bildungshaus des Untermarchtaler Klosters über Folter, Folteropfer und die Arbeit des Ulmer Behandlungszentrums für Folteropfer. Das Zentrum wurde 1995 von Amnesty International und Ulmer Bürgern gegründet, Urs M. Fiechtner ist Schriftsteller, Menschenrechtler, hiesiger Bezirkssprecher von Amnesty International und Mitgründer des Behandlungszentrums.

Bücher mit Titeln wie „Folter: Angriffe auf die Menschenwürde“ stammen aus seiner Feder. „Nur acht Prozent der Deutschen kennen die Menschenrechts-Konvention der Vereinten Nationen“, klagte Fiechtner am Donnerstag. Dabei seien knapp 30 Prozent der in Deutschland lebenden Flüchtlinge Opfer von Folter oder seien durch Kriege, Flucht und Gewalt schwer traumatisiert. „Hinzu kommen Menschen, die als politische Gefangene in den Gefängnissen der DDR misshandelt worden sind“, so Fiechtner.

Rund 51 Millionen Menschen seien momentan weltweit auf der Flucht. „Flucht ist die Antwort auf unangenehme Fragen, die von der Welt zu verantworten sind“, so der Menschenrechtler. In 141 Ländern der Erde werde auf die unterschiedlichste Art gefoltert. Ziel sei immer die Menschen zu demütigen und ihren Willen zu brechen. „Diese Menschen sind meist an Körper und Seele erkrankt“, sagte Fiechtner, „nicht Mitleid, sondern nur einfühlsames Verständnis kann ein bisschen helfen“.

Fiechnter berichtete von einem kenianischen Studenten, der nach 19-tägigem Schlafentzug im Gefängnis, seit Jahren nur noch drei Stunden am Stück schlafen kann und einer jungen Südamerikanerin, die nach mehrfachen Vergewaltigungen mit ansehen musste, wie der Kopf ihrer zweijährigen Tochter gegen eine Betonwand geschlagen wurde. „Sie hatte fortan Angst vor allen Menschen und beging schließlich Selbstmord“.

„Flüchtlinge werden bei uns als Belastung, nicht als Bereicherung empfunden“, sagte der Menschenrechtler. Flüchtlinge aus dem Osten hatten nach 1945 die junge Bundesrepublik aber sehr bereichert, betonte Fiechtner. „Die allermeisten der heutigen Flüchtlinge wollen wieder in ihre Heimat zurück. Wenn es uns gelingen würde, ihnen Wissen, Können und unsere Grundwerte mitzugeben, könnten wir damit der Welt einen großen Dienst erweisen“, so Urs M. Fiechtner.

Quelle: Untermarchtal: Autor spricht über die Arbeit des Behandlungszentrums für Folteropfer
(Schwäbische Zeitung)

 

Ratiopharm spendet Preisgeld an Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm

Die Läuferinnen und Läufer der Firma Ratiopharm haben einmal mehr den Ulmer Einstein- Marathon gewonnen. Das Preisgeld von 1.000 Euro kommt einer gemeinnützigen Einrichtung zugute.

Manfred Makowitzki und Reinhard Levyn

Die 552 Läuferinnen und Läufer der Firma Ratiopharm, die gemeinsam beim diesjährigen Einstein- Marathon am 20. September 2014 insgesamt 9.049 km gelaufen sind und damit den 1. Platz machten, haben sich entschieden, mit dem Preisgeld eine gemeinnützige Einrichtung zu unterstützen. Am 23. Oktober 2014 überreichte Reinhard Levyn, Leiter des Sport- und Gesundheitsmanagements bei Ratiopharm, im Rahmen einer feierlichen Siegerehrung in den Geschäftsräumen von Ratiopharm im Ulmer Donautal den Scheck über 1.000 Euro an den Organisatorischen Leiter des Behandlungszentrums für Folteropfer Ulm (BFU), Manfred Makowitzki. Unterstützt werden damit die therapeutische Behandlung und psychosoziale Beratung von traumatisierten Menschen, allen voran Flüchtlinge und MigrantInnen in Ulm und im Raum zwischen Augsburg und Reutlingen sowie zwischen Würzburg und Friedrichshafen.

Durch die ständige Zunahme an Bürgerkriegen und Krisenherden weltweit kommen immer mehr Menschen nach Deutschland und in andere europäische Länder, um dort Schutz vor Verfolgung, Krieg und Folter zu suchen. Doch die Einrichtungen, die diesen Menschen Hilfsangebote zur Verfügung stellen und ihnen bei der Aufarbeitung des Erlebten Unterstützung anbieten können, wie das zum RehaVerein für soziale Psychiatrie Donau-Alb e.V. gehörige Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm, haben zumeist bereits volle Wartelisten. Wenn auch 1.000 Euro diese Situation nicht grundlegend ändern können, so können damit doch notwendige Dienstleistungen bezahlt werden, wie zum Beispiel 40 Dolmetscherstunden, die für die Kommunikation zwischen TherapeutIn und KlientIn meist unumgänglich sind, da die wenigsten KlientInnen über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen, um eine Therapie oder Beratung in dieser Sprache zu absolvieren.

Das Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm ist deshalb freudig überrascht über die unverhoffte finanzielle Unterstützung und bedankt sich noch einmal sehr herzlich bei allen Beteiligten für das großartige Engagement!

 

Königsbronn

Koenigsbronn Ausstellung

Das Thema „Folter“ ist leider aktuell und weltweit ein immerwährendes Thema. Eine informative Ausstellung der VHS Königsbronn, die von Amnesty International und dem Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm erstellt wurde, war in der letzten Woche im Rathaus Königsbronn zu sehen. Vor zahlreichen Gästen ging Bürgermeister Michael Stütz bei der Vernissage auf das wichtige Thema der Menschenrechte ein. Zwar sind wir eine hochzivilisierte Menschheit, in der Gewalt und Folter der Vergangenheit angehören sollten, leider zeigt uns aber der Alltag, dass in zahlreichen Staaten Menschenrechte nichts gelten. „Kein Tier fügt seinen Artgenossen aus niederen Gründen Gewalt zu.“ Deshalb sei es wichtig, dass wir Zivilcourage zeigen und uns generell für die Einhaltung der Menschenrechte stark machen.

Der Schriftsteller, Menschenrechtsexperte und Mitbegründer des Ulmer Behandlungszentrums Urs M. Fiechtner ging in seinem anschließenden Vortrag ausführlich auf die historische Entwicklung der Menschenrechte und die aktuelle Situation ein. Eigentlich seien es lauter Selbstverständlichkeiten, die dort deklariert wurden, und man müsse fragen, warum es so schwer fällt, Menschenrechte durchzusetzen. Anhand von eindrucksvollen Beispielen erläuterte der Referent, dass die Folter auf die maximale Demütigung und Entwürdigung eines Menschen ziele und daher einen direkten “Angriff auf die Menschenwürde” darstelle – und zwar auf die von uns allen.

Einfühlsam, prägnant und äußerst informativ schilderte er die Arbeit des Ulmer Behandlungszentrums für Folteropfer, das ein vorbildliches Beispiel für die pragmatische, praxisorientierte Arbeit eines regionalen Menschenrechtsprojektes vor Ort ist, das von den Bürgerinnen und Bürgern der Region getragen wird und das mit der geleisteten Arbeit auch bewiesen hat, dass es diese Unterstützung verdient.

 

Ausstellungseröffnung mit Manfred Makowitzki (Herbrechtingen)

Auf Initiative der Heidenheimer Gruppe von Amnesty International zeigt das Herbrechtinger Kulturzentrum im Kloster bis zum 29. September die Ausstellung “Die Würde des Menschen ist (un)antastbar”. Die vom Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm (BFU) und Amnesty International gestaltete Wanderausstellung, die schon in über 100 Städten im ganzen deutschsprachigen Raum gezeigt wurde, behandelt zurückhaltend und unter Verzicht auf plakative Darstellungen die Problematik der Folter weltweit.

Manfred Makowitzki - Ausstellungseröffnung in Herbrechtingen

Zur Eröffnung bot Manfred Makowitzki, der organisatorische Leiter des BFU seit dessen Gründung 1995, tiefe Einblicke in die alltägliche Arbeit dieses regionalen Behandlungszentrums, das Folter- und Gewalttraumatisierte Menschen aus weiten Teilen Süddeutschlands betreut. In einem hoch informativen Vortrag schilderte er die Anfänge des BFU, das aus einer Initiative von Amnesty-Mitgliedern und “ganz normaler Bürgerinnen und Bürger” entstanden war, sich entgegen zahlloser Widerstände durch die Unterstützung der Bevölkerung und der Zivilgesellschaft zu einem bedeutenden regionalen Menschenrechtsprojekt entwickelt hat und heute in Süddeutschland eine unverzichtbare Einrichtung für Opfer von Gewalttaten geworden ist.

Bis Ende September können Schulklassen betreute Führungen durch die Ausstellung, Diskussionen und Vorträge mit Fachleuten von Amnesty International sowie Lesungen mit Autorinnen und Autoren buchen. Bitte wenden Sie sich an die Amnesty-Gruppe Heidenheim oder an das Regionalbüro von Amnesty International in Ulm.

 

In Brasilien ist Angst vor Folter weltweit am größten

Publizist Urs M. Fiechtner stellt an der Universität Ulm aktuelle Amnesty-Umfrage vor

Im Land der Fußballweltmeisterschaft, Brasilien, ist die Angst vor Folter am weltweit größten. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die der Ulmer Schriftsteller und Publizist Urs M. Fiechtner am Mittwoch an der Universität Ulm vorstellte. Er sprach zum Thema „Folter – Angriff auf die Menschenwürde“ in einer Vortragsreihe, die die Ulmer Amnesty-Gruppe in Kooperation mit der Universität und dem Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm organisiert.

Urs m fiechtner DSC 1780

Insgesamt 21.221 Menschen aus 21 Ländern wurden zwischen Dezember 2013 und April 2014 im persönlichen Gespräch oder am Telefon befragt. Die Mehrheit der Menschen in diesen Ländern ist nicht sicher, ob sie im Falle einer Festnahme unversehrt bleiben würden.

„Folter ist eines der ältesten Menschenrechtsverletzungen“, sagte Fiechtner. Durch den Einsatz von Menschenrechtsorganisationen gebe es zwar Erfolge beim Eindämmen der Folter. Kaum eine Menschenrechtsverletzung sei so mit Verboten belegt. 155 Staaten hätten die Antifolterkonvention der Vereinten Nationen von 1984 anerkannt. Doch in 141 Ländern sei in den vergangenen Jahren gefoltert worden, auch in Brasilien. „Da stimmt offensichtlich etwas nicht“, sagte er. Einen Grund sieht der Autor, der seit 40 Jahren über Menschenrechtsthemen publiziert, in der Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001. „Folter ist so normal, dass sie heute im Militär überall Folterschulen finden“, sagte er den Zuhören.

Das Verschwindenlassen von Menschen und die Folter sei ausgerechnet durch die USA wieder eingeführt worden, obwohl in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten das erste Mal in einem offiziellen Dokument allgemeine Menschenrechte formuliert werden. Der US-Senat hat erst kürzlich für eine teilweise Veröffentlichung von Geheimberichten über Foltermethoden des Geheimdienstes CIA gestimmt.

Im Länderdurchschnitt stimmten bei der Amnesty-Umfrage 44 Prozent der Befragten der Aussage zu, bei einer Festnahme Misshandlungen zu fürchten. Brasilien verzeichnet mit 80 Prozent dabei die höchsten Werte, gefolgt von Mexiko mit 64 Prozent und der Türkei, Pakistan sowie Kenia mit jeweils 58 Prozent.

Urs m fiechtner DSC 1771

Doch Folter ist nicht nur ein weltweites Problem, sondern auch in der Region zum Greifen nahe. „Konservative Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens ein Viertel der Flüchtlinge in Deutschland Folteropfer sind“, sagte Urs M. Fiechtner. Viele Betroffene seien traumatisiert, auch in Ulm. Deshalb sei auf Initiative von Amnesty in Ulm 1995 das Behandlungszentrum für Folteropfer (BFU) eingerichtet worden. Bis heute sei man auf Spenden von Privatleuten angewiesen.

Die aktuelle weltweite Amnesty-Umfrage zu Folter ist im Internet abrufbar unter

amnesty.de/files/StopTorture_Die_weltweite_Umfrage_Mai2014.pdf

Die nächsten Vorträge an der Uni Ulm:

Dr. Regina Kurth, therapeutische Leiterin des Behandlungszentrums für Folteropfer Ulm (BFU): „Trauma und seine Folgen – Die Behandlung von traumarisierten Flüchtlingen im Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm“, Mittwoch, 25. Juni 2014, 19 Uhr, Universität Ulm, Hörsaal N24, H11

Manfred Makowitzki, Soziologe und organisatorischer Leiter des BFU: „Bezüge zwischen Gegenwart und NS-Historie im Bereich der Arbeit von psychosozialen Zentren für Folteropfer“, Mittwoch, 2. Juli 2014, 19 Uhr, Hörsaal N24, H11

Sasi Simangwi, Kenia-Experte: „The culture of human rights“, Mittwoch, 9. Juli 2014, Universität Ulm, Hörsaal N24, H11

Claudia Busche, Expertin von Amnesty International: „My body my rights – Sexuelle und reproduktive Rechte sind Menschenrechte“, Universität Ulm, Hörsaal N24, H11

Spendenkonto
Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm
Sparkasse Ulm
IBAN: DE55 6305 0000 0000 0638 72
BIC: SOLADES1ULM
Weitere Informationen: amnesty-ulm.de

Foto: Publizist Urs M. Fiechtner, Bildnachweis: Katrin *

Kontakt für die Redaktionen:
Luca Jehle
Amnesty International
Regionalbüro Ulm
Ensingerstr. 21
89073 Ulm

Telefon: 0731 / 63 63 2
E-Mail: kontakt@amnesty-ulm.de

 

„Gerechtigkeit heilt“ – Das BFU zu Gast bei der Medizinischen Flüchtlingshilfe Bochum

15 Jahre nach Pinochet – Zur Aufarbeitung von Menschenrechtsverbrechen in Lateinamerika

Anlässlich des Internationalen Tages der Menschenrechte lud die Medizinische Flüchtlingshilfe Bochum e.V. den Literaturpreisträger Urs M. Fiechtner ein, über die Aufarbeitung von Menschenrechtsverbrechen in Lateinamerika zu sprechen. Der in Bonn geborene und in Chile unter Militärs und späteren Putschisten aufgewachsene Schriftsteller, Herausgeber und Dozent in der Jugend- und Erwachsenenbildung publiziert seit den 1970er Jahren vornehmlich zu Menschenrechtsthemen. Daneben arbeitet er für verschiedene Menschenrechtsorganisationen und berät Angehörigenorganisationen in Lateinamerika und Afrika sowie Behandlungszentren für Folteropfer wie etwa das von ihm mit begründete Ulmer Behandlungszentrum für Folteropfer (BFU).

TdM Urs Fiechtner Bianca Schmolze

Im Fokus seines Vortrags am 12. Dezember 2013 im Bochumer Kulturzentrum „Bahnhof Langendreer“ standen der Kampf der Überlebenden und die Bedeutung von Strafprozessen gegen die Verantwortlichen von Menschenrechtsverbrechen sowie die Frage, welchen Unterschied es macht, wenn die Prozesse im Land des Geschehens stattfinden im Vergleich zu Menschenrechtsverbrechen, die viele tausende Kilometer entfernt auf einem anderen Kontinent verhandelt werden.

Zunächst beleuchtete Fiechtner die Ursprünge der lateinamerikanischen Diktaturen, die ihre gedanklichen Väter in den vielfach aus Deutschland emigrierten und in Lateinamerika, allen voran in Argentinien und Chile, untergetauchten ehemals hochrangingen Offizieren des deutschen Nationalsozialismus fanden. Neben der menschenverachtenden Ideologie, die jene unbescholten im Exil weiter betreiben konnten, fanden viele dort einen neuen Platz beim Militär – hatten sie doch das Wissen für den Aufbau einer Schreckensherrschaft sowie die Waffen der Diktatur, allen voran der Folter und des sogenannten Verschwindenlassens von Oppositionellen.

Am Beispiel der Mütter und Großmütter des „Plaza de Mayo“ macht Fiechtner diese Form des Staatsterrorismus und der Abschreckung und Erstickung von Widerstand durch sogenanntes Verschwindenlassen von Personen deutlich. Die Mütter und Großmütter des „Plaza de Mayo“, wie der Platz vor dem Regierungsgebäude in der argentinischen Hauptstadt genannt wird, suchen noch heute äußerst öffentlichkeitswirksam nach den „Verschwundenen“ und fordern die Aufklärung der Verbrechen gegen ihre Kinder und die Verschleppung ihrer meist in der Haft geborenen Enkelkinder. Unter diesen Frauen befinden sich viele Hausfrauen, die erst durch den politischen Kampf ihrer Kinder gegen ein Terrorregime und dessen tödliche Konsequenzen an der Legitimität der Regierung unter General Videla zweifeln ließ. Dieser hatte seinen blutigen Kampf gegen Kommunisten, Guerillaorganisationen und andere „Staatsfeinde“ offen angekündigt. So wurden zwischen 1976 und 1983 mindestens 30.000 Menschen in den geheimen Folterzentren der argentinischen Militärdiktatur gefoltert und anschließend ermordet, wobei ihre Füße in Betonblöcke gegossen und die Opfer aus Helikoptern über dem Río de la Plata abgeworfen wurden, um die Leichenberge von kritisch-progressiven Intellektuellen und Studenten, aber auch Arbeitern, Homosexuellen und anderen unliebsamen Staatsbürgern los zu werden. Die Mütter der Ermordeten machten sich auf die Suche nach ihren Kindern und begegneten dabei auf den Fluren der Polizeibehörden anderen Müttern, welche dasselbe Schicksal teilten und beschlossen, sich zusammen zu schließen und gemeinsam dafür zu kämpfen, dass diese Morde aufgeklärt und die Wahrheit über die Opfer des sogenannten „Schmutzigen Krieges“ in Argentinien und in der ganzen Welt bekannt würde.

Die Perversion des Verschwindenlassens erläutert Fiechtner anhand des Falles einer Schülerin, die vor den Augen ihrer MitschülerInnen vom Schulhof weg entführt wurde. Als die Mutter des Kindes die Entführung bei den Behörden melden will, wird die Existenz des Mädchens angezweifelt. Es müssen Dokumente vorgelegt und Nachweise erbracht werden, dass jenes Mädchen überhaupt geboren wurde bis zur Leugnung der Möglichkeit, das Mädchen könne tatsächlich von Beamten vom Schulhof abgeführt worden sein, denn sonst würde sie sich irgendwo in Gewahrsam befinden, was nicht der Fall wäre. Durch das Ausradieren von Existenzen, so als habe es den gesuchten Menschen niemals gegeben, wird nicht nur die Strafverfolgung erschwert. Das Verschwindenlassen eines Teiles der Bevölkerung dient insbesondere dem Zweck der Einschüchterung und der Lähmung von Widerstand in der restlichen Bevölkerung, indem dieser die Allmacht und Willkür des Terrorregimes vor Augen geführt wird.

Doch die Mütter und Großmütter des Plaza de Mayo schwiegen nicht. Sie haben Flyer verteilt und Spenden gesammelt, um Anwälte mit den zahlreichen Fällen an Verschwundenen betrauen zu können. Auf ihrer Suche nach den Kindern und Enkeln begegneten ihnen viele Hindernisse, eine nicht enden wollende Anzahl von korrupten und faschistoiden Polizei- und Justizbeamten, von denen sie in ihrer Trauer um die Angehörigen verhöhnt wurden. Doch immer wieder gelang es tatsächlich, Kinder von Verschwundenen aufzuspüren, welche direkt nach der Geburt in der Haft ihren Müttern weggenommen und unter den kinderlosen Militärs verschenkt wurden. Durch großangelegte Suchkampagnen und mit Hilfe von Hinweisen aus der Bevölkerung konnte ein Teil der gekidnappten Enkelkinder wieder gefunden werden.

Was den Kampf gegen die Straflosigkeit angeht, so ließ der Erfolg zwei Jahrzehnte auf sich warten. Nach einer Reihe ergebnisloser Versuche, gegen hochrangige Militärs aufgrund der Folter und des Mordes an zahlreichen, in der Mehrheit jungen Menschen juristisch vorzugehen, wurde schließlich mit der Annullierung der Straflosigkeitsgesetze im Jahre 2003 der Weg für frei für strafrechtliche Schritte gegen die Täter: von diesem Zeitpunkt an wurden bis Ende 2007 über 200 Strafverfahren wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen eröffnet. Insgesamt wurden 922 ehemalige Militärs, Polizisten und zivile Kollaborateure der Diktatur angeklagt, 343 Beschuldigte befanden sich in Haft, 29% davon standen unter Hausarrest. Ende 2006 wurden der ehemalige Oberkommandierende des Heeres und sechs Hauptleute des Geheimdienstbataillons zu Haftstrafen zwischen 20 und 25 Jahren verurteilt.

Die Verurteilung der hochrangigen Befehlshaber der Militärdiktatur vor argentinischen Gerichten wurde von Millionen von Argentiniern genauestens verfolgt, zumal sich nun auch Presse und Fernsehen des Themas verstärkt widmeten. Die Verschwundenen blieben weiterhin verschwunden, doch nun konnte offen über das, was geschehen war, gesprochen werden. Durch die Anerkennung des Unrechts, welches ihren Kindern und Enkelkindern widerfahren war, fühlten sich die Mütter und Großmütter der „Plaza de Mayo“ angespornt, weiter zu suchen nach den Enkeln, auf dass alle Kinder ein Recht auf die Wahrheit über ihre Familie erhalten.

Zum Vergleich stellte Fiechtner die chilenische Art der Aufarbeitung von Menschenrechtsverbrechen nach dem Ende der Diktatur unter Augusto Pinochet vor. Bei den sogenannten „Escraches“ handelt es sich um zielgerichtete Aktionen von Seiten der Zivilbevölkerung gegen einzelne Täter der ehemaligen Diktatur. Dabei werden die Wände der Häuser von Tätern mit Sprüchen wie „Hier wohnt ein Mörder!“ versehen und damit auf wirkungsvolle Weise den Tätern klar gemacht, dass sie vielleicht straffrei für ihre Taten ausgingen, sie aber immer wieder daran erinnert werden, was sie getan haben und dass alle um sie herum es wissen. Außerdem war das Vorgehen eines engagierten spanischen Untersuchungsrichters gegen den pensionierten ehemaligen Diktator Pinochet wegweisend für die internationale Strafverfolgung. Während Pinochet sich 1998 privat in London aufhielt, stellte Baltasar Garzón einen Auslieferungsantrag an Großbritannien, um Pinochet wegen der Folter, des Verschwindenlassens und der Ermordung spanischer Staatsangehöriger während der Zeit der Diktatur vor Gericht zu bringen. Pinochet wurde daraufhin verhaftet und unter Hausarrest gestellt, konnte sich schlussendlich jedoch aufgrund seiner regelmäßig zu Beginn des Prozesses schlechter werdenden Gesundheit diesem immer wieder entziehen. Dennoch war durch dieses bislang einmalige Vorgehen eines einzelnen Richters gegen ein ehemaliges Staatsoberhaupt, das sich bis dahin der Amnestie seiner Verbrechen beinahe sicher sein konnte, das Ansehen des Ex-Diktators nachhaltig beschädigt. Seither können auch andere Diktatoren und Tyrannen, die sich schwerwiegender Menschenrechtsverbrechen schuldig gemacht haben, nicht länger auf ihre Unantastbarkeit setzen, womit ein großer Schritt in Richtung Gerechtigkeit und der Beendigung der Straflosigkeit erreicht wurde.

Quelle: Medizinische Flüchtlingshilfe Bochum e.V.

 

Internationaler Tag der Menschenrechte 2013
Eine ganz besondere Weihnachtsgeschichte

Eine ganz besondere Weihnachtsgeschichte präsentierten der deutsche Schriftsteller und Mitbegründer des Ulmer Behandlungszentrums für Folteropfer Urs M. Fiechtner sowie der chilenische Musiker und ehemalige politische Gefangene Sergio Vesely zum Internationalen Tag der Menschenrechte. Die beiden Künstler, die bereits seit den 70er Jahren zusammenarbeiten und mit ihren Konzertlesungen eine oft nachgeahmte Form der Verbindung von Literatur geschaffen haben, erzählten die faszinierende Geschichte der Geburt eines Kindes in einem chilenischen Konzentrationslager während der Diktatur Pinochets, die von den Häftlingen des Lagers buchstäblich als „Geschenk neuen Lebens“ empfunden und gefeiert worden war.

Ausstellungseroeffnung Weststadthaus

Sergio Vesely war 1975 als Gefangener Zeuge des Geschehens, berichtete nach der Freilassung seinem Kollegen Urs M. Fiechtner davon, und der machte daraus eine eine literarische Erzählung („Das Geschenk“ im Erzählband „Geschichten aus dem Niemandsland“, Schmetterling-Verlag Stuttgart), die nun beide im Rahmen einer Konzertlesung in packender, anrührender Form vorstellten und anschließend das Publikum mitnahmen auf eine sehr ungewöhnliche Spurensuche.

Über 15 jahre nach der ersten Veröffentlichung von Fiechtners Erzählung hatte ein Filmteam sich auf den Weg nach Chile gemacht, um gemeinsam mit Vesely nach dem Kind zu suchen, dass damals im KZ geboren worden war. Sie fanden es. Und sie erfuhren, dass seine Mutter es aus Dankbarkeit für die Zuwendung der Gefangenen auf den Namen getauft hatte, den die Gefangenen dem Konzentrationslager gegeben hatten: Melinka.

Die tief beeindruckende Mischung aus Konzertlesung und Filmvorführung, eine gemeinsame Veranstaltung des Fördervereins für das Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm und von Amnesty International Ulm, war gleichzeitig die Eröffnung der Ausstellung “Die Würde des Menschen ist (un)antastbar“, die noch bis Ende Januar besucht werden kann. Für Schulklassen werden Führungen mit Vorträgen und Diskussionen angeboten (Anfragen an Amnesty Ulm per E-Mail: menschenrechtsbildung@amnesty-ulm.de).

 

Der neue Donaukalender ist da – und sein Verkauf unterstützt das BFU!

Donaukalender cover

Die Donau.Flussgeschichten. Gerhard Hess Verlag 2013, 24,90€

Es ist ein anderer, ein poetischer Donaukalender, in dem nicht nur bekannte Daten und Fotografien wiederholt werden, sondern in dem ein Künstler neue und alte Flussgeschichten erzählt. Hartmut Riederer, der die Donau, ihre Aura und Geschichte kennt wie kein zweiter, feiert und variiert in zwölf Bildern und Texten leitmotivisch das Thema der Donau. Er taucht in urweltliche Tiefen hinab und erzählt nebenher kuriose Geschichten wie die von Mari Barbola, einer Ulmer „Zwergin“, die ihr Vater nach Wien verkaufte, – von dort wird sie an den spanischen Hof weiter gereicht und landet schließlich auf dem berühmten Bild Las Meninas von Velazquez. – Und so weiter, Geschichten mit Heidegger, Einstein, dem Schneider von Ulm. Der neue Donaukalender lässt uns rätseln, staunen und denken wie in einem Traum. Er ist ein ganz besonderes Geschenk. – Auch für das BFU, denn von jedem verkauften Exemplar kommen €5. – der Hilfe für Folteropfer und Gewalttraumatisierte zugute.

Donaukalender donauabwaerts

Donaukalender heidegger

Bestellungen bitte an:

Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm (BFU)
Innere Wallstraße 6, 89077 Ulm
Tel: 0731 – 921 54 42
Fax: 0731 – 159 79 000
Email: m.makowitzki(at)rehaverein.de

 

Ausstellung: „Die Würde des Menschen ist (un)antastbar“

Ausstellung 1

Auf großes Interesse stieß am „UN-Gedenktag für Folteropfer“ die Eröffnung der Ausstellung „Folter: Die Würde des Menschen ist (un)antastbar“, die von Amnesty International und dem Förderverein für das BFU gemeinsam gestaltet worden ist. Sie ist die aktuelle, auf den neuesten Stand gebrachte Version einer Wanderausstellung, deren Vorläufer bereits vor 20 Jahren auf die Reise geschickt wurden, um über das Thema zu informieren und zur Unterstützung für die Gründung des BFU aufzurufen. Seitdem ist sie in über 100 Städten gezeigt und mit mehr als 800 Veranstaltungen begleitet worden. Die Ausstellung kann in Ulm noch bis Ende Juli von Schulklassen besucht werden, denen Amnesty International zudem sachkundige Referentinnen zur Verfügung stellt. Schulen können sich bei Amnesty via E-Mail anmelden: menschenrechtsbildung@amnesty-ulm.de

Ausstellung 2

Die Ausstellung wurde eröffnet von Dekan Matthias Hambücher, dem Vorsitzenden des Fördervereins für das Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm sowie von Manfred Makowitzki, dem organisatorischen Leiter des BFU. Der Schriftsteller Urs M. Fiechtner, Initiator der Ausstellung und regionaler Sprecher von Amnesty, gab Einblicke in die Entstehungsgeschichte und die Hintergründe der Ausstellung.

Ausstellung 3

Gemeinsam mit dem chilenischen Musiker und bildenden Künstler Sergio Vesely, der unter der Militärdiktatur Pinochets politischer Gefangener in Konzentrationslagern und Folterzentren war und Teile der Ausstellung geschaffen hatte, erzählte Fiechtner anschließend im Rahmen einer tief beeindruckenden Konzertlesung von den individuellen Schicksalen von Opfern und Tätern und somit von den Menschen, die hinter den trockenen Statistiken der Behandlung von Folteropfern stehen. Gleichzeitig stellten Vesely und Fiechtner das Begleitbuch zur Ausstellung vor, dass sowohl mit einem kompakten Sachteil wie mit authentischen Geschichten von Tätern und Opfern über das Thema und seine Hintergründe informiert: „Folter – Angriff auf die Menschenwürde“, Edition Menschenrechte im Verlag Horlemann, ca 144 Seiten. € 12,80 . Für 8. bis 12. Schulklassen gibt es begleitend zum Buch eine Unterrichtseinheit in: „Das Lehrerbuch – Menschenrechte im Unterricht“, Edition Menschenrechte im Horlemann – Verlag, ca 144 S. , € 12.80.

Die Ausstellung kann – auf Wunsch auch mit Begleitveranstaltungen für Jugendliche oder Erwachsene – gebucht werden per E-Mail an: menschenrechtsbildung@amnesty-ulm.de

 

Vortrag zum 26.06.2013 in der Wengen-Gemeinde in Ulm
Vortrag von Manfred Makowitzki

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde,

Der „Internationale Tag zur Unterstützung der Folteropfer“ zählt zu jenen internationalen Gedenktagen, die unseres solidarischen Gedenkens vielleicht am meisten bedürfen. Denn niemand denkt gerne an Folter und an die Qualen, die damit assoziiert werden. Oft wird allein schon die Vorstellung daran verdrängt, und die Tatsache, dass nicht wenige Folteropfer mitten unter uns leben, wird damit gleich mitverdrängt. Oft werde ich von Menschen, die mich nicht kennen, gefragt: „Folteropfer? Gibt es so etwas heute noch?“ Und ich erlebe immer wieder fassungslose Mienen, wenn sie erfahren, dass Folter aktuell in 112 Ländern und somit in über 50% aller Staaten noch immer gängige Praxis ist.

Das „Vermeiden“ im Kontext von Folter ist nicht nur ein gesellschaftliches Phänomen, sondern geradezu symptomatisch für die Psyche eines gefolterten Menschen. Doch im Unterschied zu uns, die wir nicht selbst davon betroffen sind, können sich Folteropfer der qualvollen Erinnerung an die Folter nicht entziehen, so sehr sie sie auch zu vermeiden suchen: Gegen die nächtlichen Alpträume können sie sich nicht wehren. Deshalb vermeiden sie zu schlafen. Sie gehen zu spät ins Bett, weil sie Angst haben vor den Alpträumen, sie haben Angst vor der Angst. Auch tagsüber können sie sich gegen die sog. „Flashbacks“ nicht wehren. Flashbacks sind unwillkürliche Erinnerungsattacken an die erlittene Folter und die Betroffenen fühlen in diesem Moment, als wären sie wieder in der Folterhölle, gegen die sie sich nicht wehren können. Daher vermeiden sie Orte, Situationen oder Begegnungen, die sie an die Folter erinnern können. Sie vermeiden, durch spezifische Schlüsselreize getriggert zu werden. Dies kann der Anblick eines Polizisten sein, der Anblick eines Hundes, ein besonderer Geruch oder eine Elektrische Steckdose. Unsere Patienten gehen deshalb kaum außer Haus, um sich diesen Triggerreizen nicht auszusetzen. Zu all dem kommt: Viele haben ihr Grundvertrauen in das Gute im Menschen verloren und vermeiden daher jeglichen sozialen Kontakt. Sie vereinsamen und sie bleiben mit ihren qualvollen Erinnerungen meist allein.

Von wie viel Menschen sprechen wir?

Niemand wird Ihnen hierzu eine belastbare Zahl nennen können, weil diese nicht epidemiologisch erhoben werden. Allein in unserer kleinen Einrichtung BFU haben wir in den vergangenen 18 Jahren fast 2000 Patienten aus ca. 50 Ländern psychotherapeutisch und psychosozial versorgt. Nicht alle waren im Sinne der UN –Antifolterkonvention Opfer von staatlicher Seite geduldeter oder gar herbeigeführten Folter. Vielleicht waren dies nur 40%, also ca. 800 Folteropfer im Sinne dieser engen Definition. Die anderen waren Bürgerkriegsopfer – doch die seelischen Wunden bei den Betroffenen sind ähnlich. Wir sprechen daher auch von behandlungsbedürftig erkrankten traumatisierten Menschen, d.h. Menschen, die das klinische Vollbild einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) haben.

In den letzten 10 Jahren haben insgesamt ca. 400.000 Menschen in Deutschland um politisches Asyl angesucht. Nach Schätzung von Amnesty InternationaI sind ca. 25–30% der Flüchtlinge in den OECD-Staaten als traumatisiert einzustufen. Mit aller Vorsicht können wir also annehmen, dass etwa 100.000 – 130.000 Flüchtlinge in den letzten 10 Jahren zum Zeitpunkt ihrer Ankunft in Deutschland als behandlungsbedürftig einzustufen sind.

Bei vielen verbessert sich das Zustandsbild zunächst, da sie sich anfangs in Sicherheit wähnen. Doch schon nach dem meist ablehnenden Bescheid durch das Bundesamt für Migration, bricht in ihnen die Angst vor Abschiebung in das Verfolgerland wieder auf. Es ist mehr als tragisch zu sehen, dass es ausgerechnet Folteropfer sind, die bei der Anhörung im Asylerstverfahren „durchfallen“. Grund hierfür ist, dass sie aus Scham und Schmerz keine Details über die Verfolgung berichten – doch genau solche Details wünschen Verwaltungsbeamten. Es soll ein widerspruchsfreier, detailreicher und konsistenter Sachvortrag gemacht werden. Auch verletzungsbedingte (Teil)Amnesien sind nicht selten bei Folteropfern. Ebenso die Angst, dass die Details ihres Berichts auf Umwegen an den Geheimdienst des Verfolgerstaates gelangen könnten. Oder man will noch im Heimatland verbliebene Angehörige oder Weggenossen schützen und schweigt – wo sie hätten reden sollen. Die Ablehnung des Asylbegehrens erfolgt dann meist mit dem Argument, dass die behauptete Verfolgung nicht glaubhaft und schlüssig dargestellt worden sei und von daher unbegründet oder gar offensichtlich unbegründet sei. Diese Ablehnung trifft die Folteropfer dann furchtbar, denn in die Rechtsstaatlichkeit des Asylverfahrens in Deutschland haben sie großes Erwartungen gesetzt – und jetzt glaubt man ihnen nicht!

Die meisten Anmeldungen im BFU erfolgen erst in diesem Verfahrensstadium.

Die Anmeldungen erfolgen meist aus einem zweifachen Grund:

  • Viele sind mittlerweile so krank, dass sie ambulante Psychotherapie benötigen
  • Sie brauchen unsere Hilfe im Asylfolgeverfahren – meist in Form von psychologischen Stellungnahmen –, denn es geht letztlich noch einmal um ihre Glaubwürdigkeit als Verfolgte. Die verlorene Glaubwürdigkeit wieder herzustellen, gelingt selten. Meist wird ihnen vom Bundesamt für Migration oder vom Verwaltungsgericht nur ein krankheitsbedingtes Abschiebungshindernis aufgrund der von uns attestierten Erkrankung zu- gesprochen – für Folteropfer meist eine demütigender Akt. Ich möchte hier inne halten, denn Sie merken: Nach Folter bzw. Misshandlung und irgendwie überstandener Flucht folgt eine Odyssee durch die deutsche Bürokratie mit oft negativem Ausgang.

Um genau dies zu verhindern, sehen wir es als unsere Aufgabe an, die Folteropfer und Bürgerkriegsopfer im Konzert mit vielen anderen in der Flüchtlingsbetreuung Tätigen zu unterstützen: Den Asylanwälten, Sozialarbeitern in den Unterkünften, den niedergelassenen Ärzten und Psychiatern und Klinikärzten, den ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern und Menschenrechtsaktivisten von Amnesty International, den Mitarbeitern der Wohlfahrtsverbände und Kirchen – aber auch den einzelnen Vertretern von Ausländerbehörden und Richtern an den Verwaltungsgerichten, den Einzelentscheidern beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sowie Vertretern der politischen Parteien im Landtag in Stuttgart und den Kommunen und Landkreise in unserem Einzugsgebiet.

An dieser Stelle kann ich nur noch kurz auf unser Hilfeangebot für Folteropfer und Bürgerkriegsopfer eingehen.

Das BFU bietet folgende Hilfen für Folteropfer:

  • Ambulante Psychodiagnostik und Psychotherapie , wobei 80% der Einzeltherapien unter Dolmetschervermittlung in 15 Sprachen angeboten werden, etwa 10% der Therapien erfolgen auf Englisch, 10% auf Deutsch
  • Kunsttherapie (ebenfalls unter Dolmetschervermittlung) – sowohl Einzel -wie Gruppenangebote
  • Psychosoziale Beratung der Patienten und Beratung des Hilfenetzwerks der Patienten
  • Erstellen von psychologischen Gutachten im aufenthaltsrechtlichen Verfahren
  • Akuttraumabehandlung (Flüchtlinge und Deutsche)
  • Fortbildung von Fachpersonal
  • Öffentlichkeitsarbeit an Schulen, Volkshochschulen etc. zum Thema Folter, Behandlung von Folteropfern, Menschenrechte

In diesem Zusammenhang freuen wir uns, dass der Ulmer Bezirk von Amnesty International Ulm und der Förderverein des BFU keine Zeit und Kosten gescheut hat, diese wichtige Ausstellung gründlich zu überarbeiten und auf den neuesten Stand zu bringen. Wir wünschen Ihnen einen interessanten Abend und dass Sie uns gewogen bleiben über diesen besonderen Tag hinaus. Vielen Dank!

 

Flüchtlingsrechte in Seenot (13.06. bis 15.06. 2013 in Ulm)

Flüchtlingszelt

Menschen verlassen ihr Land, weil dort keine Lebensperspektive existiert, etwa weil Dürre herrscht, keine Einkommensmöglichkeiten bestehen und Armut weit verbreitet ist. Doch der Weg nach Europa ist gefährlich: Einige ertrinken im Meer, andere sterben in überfüllten Transportern, viele werden an der Grenze zurückgewiesen. Wer trotzdem als Migrant oder Migrantin europäischen Boden erreicht, hat nichts zu lachen. Gewalttätige Übergriffe an den Grenzen, monatelange Abschiebungshaft, rechtswidrige Verfahren, fehlende medizinische Versorgung und fehlende Bildungsmöglichkeiten für die Kinder machen das Leben hier kaum erträglich. Europas Migrationspolitik wird von Tag zu Tag restriktiver. Oberstes Ziel der europäischen Migrationspolitik ist es, Migration zu verhindern, dh. die europäischen Grenzen möglichst unpassierbar zu machen. Die Kontrolle der Aussengrenze von Europa ist somit wichtiger als Menschenleben. Europa muss in erster Linie alles in seiner Macht Stehende tun, um das Leben der MigrantInnen zu schützen. Zudem müssen die europäischen Länder die Verantwortung für die Folgen ihrer Migrationspolitik übernehmen und dafür Rechenschaft ablegen. Allein 2011 sind 1500 Männer, Frauen und Kinder beim Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, gestorben.

Nichtsdestotrotz verschärfen die europäischen Staaten die Kontrolle der Aussengrenzen des Kontinentes weiter. Massnahmen wie das willkürliche Abfangen von Booten, die automatische Rückschaffung sowie Kursumleitungen der Boote sind heute zur Normalität geworden. Zudem wurden Abkommen mit afrikanischen Staaten unterschrieben, um die Migrationskontrolle ausserhalb Europas durchzuführen. Diese Massnahmen haben katastrophale Folgen für die Migranten und Migrantinnen: Besonders diejenigen, welche nach Libyen zurück geschickt werden, laufen Gefahr, Folter oder anderen inhumanen und entwürdigenden Handlungen ausgesetzt zu werden. Wir verlangen von Europaabgeordneten, dass sie Druck auf die europäischen Staaten, die EU-Kommission und die europäischen Organisationen ausüben, damit diese: -die Kapazitäten für Rettungsaktionen aufstocken sowie die Koordination der Rettungsaktionen auf hoher See verbessern und die vorgesehenen Massnahmen zu deren Umsetzung zu veröffentlichen; – alle Abkommen zur Migrationskontrolle öffentlich zugänglich machen; klare Richtlinien und unabhängige Evaluationsmechanismen einführen, um die Menschenrechte von Migrantinnen und Migranten, von Flüchtlingen und Asylsuchenden schützen; -keine Abkommen über Migrationskontrolle mit Staaten zu unterzeichnen, die die Menschenrechte von Migrantinnen und Migranten, Flüchtlingen und Asylsuchenden nicht garantieren können.

 

Rundbrief Weihnachten 2012

Liebe Spender und Förderer,
liebe Freunde des BFU,

wir blicken erneut auf ein arbeitsreiches aber auch sehr erfolgreiches Jahr 2012 im Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm zurück. Für Ihre Unterstützung und Ihr Engagement danken wir Ihnen ganz herzlich!

Anders als in den vorausgegangen Jahren halten wir unseren Weihnachtsrundbrief dieses Mal gewollt kurz und möchten Sie zum einen auf unseren Jahresbericht 2011 verweisen, der einen sehr guten Einblick in unsere fachliche Arbeit und die weiteren Entwicklungen rund um das BFU bietet. Dort finden Sie auch unsere ausführliche Statistik, die 2011 völlig neu aufgestellt worden ist:

Jahresbericht 2011

Auf Wunsch senden wir Ihnen unseren Jahresbericht gerne auch in schriftlicher Form zu.

Ebenfalls empfehlen möchten wir Ihnen das Interview in der Südwest Presse vom 27.09.2012, in dem wir ausführlich zur Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen und Folter berichtet haben. Das Interview finden Sie im Anschluss an diesen Rundbrief und im Original unter:

Die offene Wunde wird zur Narbe (Südwestpresse)

Falls gewünscht senden wir Ihnen auch diesen Artikel gerne in Schriftform zu.

Angesichts steigender Flüchtlings- und Patientenzahlen – dieser Trend hat sich durch die aktuellen politischen Umwälzungen in Afghanistan, dem Nahen Osten und Afrika noch einmal verstärkt – ist die Sicherstellung der psychotherapeutischen und psychosozialen Versorgung traumatisierter Flüchtlinge und ausländischer Folteropfer wichtiger denn je. Ohne die großzügige Unterstützung durch Spender und Förderer wäre dies in den vergangenen Jahren nicht möglich gewesen und wird es weiterhin bleiben.

Ihnen, liebe Freunde des BFU, möchten wir ganz herzlich für Ihr Vertrauen und Ihre Unterstützung im ausgehenden Jahr danken! Ihre treue Begleitung und Unterstützung – ob „ideell“ oder finanziell – hilft, das Weiterbestehen des BFU zu sichern und motiviert uns bei unserer manchmal nicht ganz einfachen Arbeit.

Wir wünschen Ihnen – auch im Namen des gesamten BFU-Teams – frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr 2013!

 

„Die offene Wunde wird zur Narbe“

Autor: RUDI KÜBLER HANS-ULI MAYER | 27.09.2012

Morgen ist der Tag des Flüchtlings. Wir haben beim Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm nachgefragt: Was ist Folter, was macht Folter aus Menschen? Wie werden traumatisierte Flüchtlinge therapiert?

Was verbindet die Patienten, die in das Behandlungszentrum kommen?

DR. REGINA KURTH: Sie kommen aus Krisen- oder Kriegsregionen und haben schwere Traumatisierungen erlitten, beispielsweise Verfolgung, Haft ohne Gerichtsurteil, körperliche oder sexuelle Gewalt, Tod und Verlust von Familienangehörigen. Viele wurden außerdem auf ihrer langen Flucht nach Deutschland traumatisiert …

… und fühlen sich hier sicher?

KURTH: Nicht ganz, denn hier kommt ein oft jahrelanges Asylverfahren auf sie zu. 84 Prozent aller Anträge werden bundesweit abgelehnt. Das wird wieder als Bedrohung erlebt. Sie sind in Asylbewerberheimen untergebracht, wo es eng und laut ist, es gibt Konflikte, die das Eingreifen der Polizei immer wieder notwendig macht. Solange das Verfahren läuft, bekommen sie in der Regel keine Arbeitserlaubnis, erhalten keinen Sprachkurs, die Kultur ist ihnen fremd …

MANFRED MAKOWITZKI: … das Problem ist: Wir haben hier keine Willkommens-, sondern eine Abschreckungskultur. Das zeigt sich auch daran, dass jedem Asylbewerber gerade mal viereinhalb Quadratmeter Lebensraum zustehen.

Sie sprachen von Traumatisierungen. Gibt es ein spezifisches Krankheitsbild?

KURTH: Die Menschen reagieren nicht gleich, manche stecken fürchterlichste Erlebnisse weg. Die bekannteste Traumafolgestörung ist die Posttraumatische Belastungsstörung mit folgenden Symptomen: so genannte Flashbacks bedeuten ein unwillkürliches belastendes Wiedererleben der traumatischen Situation in Bildern, Gedanken oder auch in Albträumen, das heißt: Sie durchleben Gewalt, Vergewaltigung oder Flucht immer wieder neu. Weiterhin kommt es zu Schlafstörungen, einer dauernden Übererregung und fehlender Entspannungsfähigkeit. Oft entwickeln sich jedoch komplexere Störungsbilder mit zusätzlichen Ängsten, depressiven oder psychosomatischen Symptomen, mitunter auch Persönlichkeitsstörungen.

Gewalterfahrungen wirken sich ja nicht nur auf die jeweilige Person aus. Inwiefern sind die nächsten Angehörigen, die Familien betroffen?

KURTH: Traumatisierte Mütter oder Väter können aufgrund ihrer Belastung bei der Kinderversorgung beeinträchtigt sein. Wenn etwa eine schwer depressive Mutter über einen längeren Zeitraum emotional nicht auf das Kind reagieren kann, kann das zu späteren psychischen Problemen beim Kind führen. Kleinkinder brauchen die emotionale Spiegelung, um sich selbst verstehen zu lernen und handlungsfähig zu werden. Je kleiner das Kind, desto gravierender können die Folgen sein. Traumata können so über die Generationen weitergegeben werden. Traumatisierte Väter reagieren oft anders, sie können gewalttätig werden, insbesondere wenn sie sich als hilflos erleben…

MAKOWITZKI: … und das alles kann sich durch die Unterbringung verschärfen.

KURTH: Eine solche Familie braucht eine intensive Betreuung, im Extremfall wären bei vier Personen vier Experten beschäftigt.

Was haben die Patienten erlebt? Können Sie ein Beispiel nennen?

MAKOWITZKI: Uns liegt die Einverständniserklärung für folgenden Fall vor: N. (14) war mit seiner Familie in den 90er Jahren in die Auseinandersetzungen zwischen der kurdischen Volksgruppe und dem türkischen Staat geraten. Den ältesten Bruder hatte man verhaftet und getötet, ebenso eine Cousine. Sein Vater galt als verschwunden, vielleicht war er tot, vielleicht saß er als “Geistergefangener” in politischer Haft. Seine Mutter war im Gefängnis, aber man verweigerte ihm das Besuchsrecht, weshalb er daran zweifelte, dass sie überhaupt noch am Leben war. In dieser hoffnungslosen Lage entschloss er sich 1995 zur Flucht nach Deutschland, wurde aber von den Grenzbehörden abgewiesen und umgehend zurück nach Istanbul geschickt. Dort verhafteten ihn die türkischen Sicherheitskräfte unter der Beschuldigung, “Terrorist” zu sein. Während seiner Haft wurde er schwer misshandelt, unter anderem mit Schlagstöcken, wobei systematisch auf Kopf und Hoden eingeschlagen wurde. Er erhielt Elektroschocks, die vor allem über empfindliche Körperteile wie die Fingerspitzen verabreicht wurden. Auf seinen Unterschenkeln drückte man während der Verhöre glühende Zigaretten aus. Da gegen ihn in Wahrheit nichts vorlag und auch die Verhöre unter Folter keinerlei Ergebnisse brachten, wurde er wieder freigelassen. Aber die Haft hatte N. verändert. Er litt unter Schwerhörigkeit, klagte über Ängste und Depressionen. Er kam kaum noch zur Ruhe, litt unter immer wiederkehrenden Albträumen und konnte sich kaum noch konzentrieren. N. floh ein zweites Mal nach Deutschland, stellte einen Asylantrag und fand Hilfe beim BFU. Mit Hilfe einer ärztlichen Stellungnahme des BFU wurde dem Asylantrag auch stattgegeben. Er konnte wieder Pläne machen. Im Gespräch über seine Zukunft nannte er seine beiden größten Wünsche: endlich zur Schule gehen zu können, und seine Mutter wieder zu sehen.

Wie behandeln Sie die Patienten?

KURTH: Trauma heißt Kontrollverlust. Wir versuchen zunächst, die Patienten mit Hilfe verschiedener psychotherapeutischer Interventionen zu stabilisieren. Die Patienten lernen, ihre Ängste und Beschwerden zu steuern. Danach folgt der zweite Schritt, die Traumabearbeitung, d. h. letztlich sich noch einmal mit den traumatischen Erfahrungen auseinanderzusetzen, um auf allen Ebenen (körperlich, seelisch oder sozial) die Folgen zunächst zu realisieren und später zu akzeptieren. So kann das Trauma endlich zur Vergangenheit werden, das ins eigene Leben integriert ist. Die offene Wunde ist zur reizlosen Narbe geworden.

Gibt es überhaupt so etwas wie Heilung?

KURTH: Heilung bedeutet, wie gesagt, Integration. Ob das gelingt, bzw. in welchem Ausmaß, hängt von vielen Faktoren ab, vom Alter des Betroffenen, Vorerkrankungen oder -traumatisierungen, Anerkennung, Ausmaß bleibender Verluste, oder ob es sich um ein kurzzeitiges Einzelereignis oder aber um länger andauernde schwerwiegendere Erfahrungen handelt.

MAKOWITZKI: Wir stellen fest, dass sich das körperliche und seelische Befinden der Patienten bessert, je länger die Therapie dauert. Unter Umständen kann diese über mehrere Jahre gehen, dann aber können die Patienten meist arbeiten gehen und ihren sozialen Verpflichtungen nachkommen.

In welcher Sprache behandeln Sie die Patienten?

MAKOWITZKI: 70 Prozent der Therapiestunden sind nur mit Dolmetscher möglich. Wir haben 15 Dolmetscher für 20 Sprachen. Vor allem für die türkische Sprache, für Kurdisch, Albanisch, Arabisch, Dari und Französisch für die Patienten aus Afrika.

KURTH: Mit Dolmetscher zu arbeiten unterliegt einer anderen Dynamik. Das läuft in aller Regel professionell ab. Schwieriger ist, die kulturellen Unterschiede in Sprache zu fassen. Das erfordert mehr Differenzierung. Der Vorteil des “Dreiersettings” ist sehr viel Ruhe im Gespräch. Der Nachteil ist teils das nicht direkte Eingreifenkönnen in die Kommunikation des Patienten.

Woher stammen Ihre Patienten?

MAKOWITZKI: Die größte Gruppe kommt immer noch aus der Türkei, es sind vornehmlich Kurden mit etwa 21 Prozent. Gefolgt vom Irak (12,8 Prozent), dem Kosovo (10,6 Prozent) und Nigeria (8,5 Prozent). Dann folgen Kamerun und Algerien. Diese Zahlen sind immer auch Spiegelbild der aktuellen Konflikte auf der Welt. Derzeit bekommen wir mehr Afghanen und Syrer. Insgesamt haben wir Patienten aus 23 Ländern. Der Anteil der Frauen liegt bei 40 Prozent, das Durchschnittsalter bei 33,5 Jahren.

Was ist Folter? Wo beginnt Folter?

MAKOWITZKI: Laut der UN-Antifolterkonvention aus dem Jahr 1984 ist jede Handlung als Folter zu werten, durch die einer Person vorsätzlich starke körperliche oder geistig-seelische Schmerzen oder Leiden zugefügt werden, um zum Beispiel von ihr oder einem Dritten eine Aussage oder ein Geständnis zu erlangen, um sie für eine tatsächlich oder mutmaßlich von ihr oder einem Dritten begangene Tat zu bestrafen oder um sie oder einen Dritten einzuschüchtern oder zu nötigen. Die Täter sind nach dieser Konvention Angehörige des öffentlichen Dienstes oder anderer in amtlicher Eigenschaft handelnder Personen.

In welchen Ländern wird gefoltert?

MAKOWITZKI: Sie sollten besser fragen, in welchen Ländern nicht gefoltert wird. Denn in zwei Drittel aller Staaten wird Folter angewendet. Folter ist nicht die Ausnahme, sondern fast schon die Regel.

Die Situation war aber schon deutlich besser …

MAKOWITZKI: … stimmt! Aber seit dem 11. September 2001 wird Folter wieder verstärkt eingesetzt. Dafür haben die USA im Kampf gegen den internationalen Terrorismus gesorgt. Sie sind die Vorreiter – und wenn die foltern, dann machen es die anderen auch.

Und in Diktaturen wird sowieso gefoltert?

MAKOWITZKI: Diktatorische Systeme setzen die Folter als Mittel zum Erhalt der Macht ein. In Staaten ohne demokratische Strukturen und ohne Pluralität ist die Gefahr der Folter sehr hoch. Folter ist Machtausübung …

… mit welchem Ziel?

MAKOWITZKI: Folter ist ein Instrument der Repression, ein Mahnmal gegen politisch Missliebige oder religiöse Minderheiten. Oftmals werden Oppositionelle – die Führer, aber auch untergeordnete Mitglieder – herausgegriffen und gefoltert. Auf diese Weise sollen Menschen eingeschüchtert, Persönlichkeiten gebrochen werden – und damit der politische Widerstand. Es gibt auch positive Beispiele. Die Türkei ist ein solches. Sie hat das Folterverbot in die Verfassung aufgenommen. Die aktuelle Situation dort ist nicht mehr vergleichbar mit den 80er oder 90er Jahren.

Welche Arten von Folter haben Sie während Ihrer Arbeit kennen gelernt?

KURTH: Neben brutalen Gewalttaten, die ich im Einzelnen gar nicht nennen will, nimmt seit 2001 verstärkt die so genannte “Weiße Folter” zu. Das ist Folter ohne gerichtsverwertbare Beweise, weil sie beispielsweise keine sichtbaren Wunden oder Narben hinterlässt, das heißt: Die Menschen werden mit Lärm, Schlafentzug, ständigen Lichtquellen auch bei Nacht, Wasserduschen und so weiter gefoltert.

Wie erreichen Sie die Patienten?

MAKOWITZKI: Ein gutes Drittel unserer Patienten kommt über das Gesundheitssystem, also etwa von Ärzten und Kliniken. 20 Prozent schicken Sozialarbeiter in den Asylbewerber-Unterkünften. Weitere 20 Prozent werden von Verwandten und Freunden der Betroffenen an uns verwiesen und jeweils 10 Prozent kommen von den Gerichten und Anwälten oder aus eigenem Antrieb zu uns.

Wie gehen Sie selber mit dem Geschilderten um? Haben Sie Ihren Glauben an die Menschheit verloren?

KURTH: Wer den verloren hat, sollte nicht mit Traumatisierten arbeiten. Eine gute therapeutische Ausbildung ermöglicht ein professionelles Arbeiten auch mit schwer Traumatisierten. Ein guter Therapeut zeichnet sich durch ein Gleichgewicht zwischen Empathie und professioneller Distanz aus. Außerdem haben wir externe Supervision, machen lebenslang Weiterbildungen. Man lernt nie aus. Sicher, die Belastung im Job ist phasenweise hoch, aber auch die Zufriedenheit.

Fühlen Sie sich in Ihrer Arbeit von der Öffentlichkeit ausreichend gewürdigt?

MAKOWITZKI: Ich muss hier eine Lanze für die Stadt Ulm brechen. Oberbürgermeister Ivo Gönner hat unser Zentrum mit auf den Weg gebracht und immer unterstützt. Die Stadt Ulm war Vorreiter bei der Einzelfallfinanzierung für Therapien, der Alb-Donau-Kreis hat damals aber schnell nachgezogen. Erstmals seit unserer Gründung werden wir jetzt auch vom Land Baden-Württemberg unterstützt, die neue Landesregierung hat den Zuschuss einstimmig beschlossen. Wir betrachten das schon als besondere Form der Anerkennung unserer Arbeit. In der Öffentlichkeit merke ich oft, dass die Leute sehr betroffen sind, wenn sie von unserer Einrichtung hören.

Quelle: Südwestpresse (Verlagsort Ulm)

 

Memminger Zeitung
09.06.2012
Ein Folteropfer berichtet bei Zeltlager in Legau

Wie wichtig der ehrenamtliche Einsatz für Menschenrechte ist, versuchte ein Podiumsgespräch zu verdeutlichen, das gestern Mittag den Schlusspunkt unter eine Reihe von Workshops beim Zeltlager des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) in der Umweltstation in Legau setzte.

Quelle: Ein Folteropfer berichtet bei Zeltlager in Legau
(Memminger Zeitung)

 

Uni-Vortragsreihe zur Flüchtlingsthematik

Am 23.05. findet die vorläufig letzte Veranstaltung der Uni-Vortragsreihe “Flüchtlinge und Folteropfer – Möglichkeiten und Grenzen der Medizin im Sozialstaat” statt. Redner ist dieses Mal PD Dipl.-Psych. Lutz Goldbeck von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie Ulm, der über klinische Versorgungsangebote für traumatisierte Kinder und Jugendliche sprechen wird.

Der Vortrag reiht sich damit thematisch in die Vorträge der vergangenen vier Wochen ein, die von der Hochschulgruppe von Amnesty International in Zusammenarbeit mit dem BFU initiiert wurden. Zuvor hatten bereits Urs Fiechtner, Experte von Amnesty International, PD Dr. Regina Kurt, Leiterin der Traumatherapie am BFU sowie Thomas Oberhäuser, Rechtsanwalt und Vorsitzender des “Geschäftsführenden Ausschusses der ARGE Ausländer- und Asylrecht” im Deutschen Anwaltverein, ihr Expertenwissen zur Verfügung gestellt.

Damit wurde die Flüchtlingsthematik sowohl von ethischer, therapeutischer und juristischer Seite beleuchtet, sodass die Vortragsreihe insgesamt ein sehr gutes Bild der Möglichkeiten einer engen Zusammenarbeit zwischen Menschenrechtsverfechtung sowie einer therapeutischen Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen mitunter auf der rechtlichen Grundlage unseres Sozialstaates wiedergibt.

 

Geislinger Zeitung (Thomas Reiff)
02.05.2012 Tenor: Beim Asylrecht liegt vieles noch im Argen

Expertenrunde BFU SPD in Geislingen

Geislingen. Wo liegen die Defizite des Asylrechts? Auf welche Probleme stoßen Flüchtlinge hierzulande immer wieder? Darüber informierte eine Experten-Runde von SPD und Amnesty International in Geislingen.

Von der Politik der Abschreckung zur Politik der Integration: Dies war die umfassende Forderung der Referenten bei der gemeinsamen Veranstaltung der SPD Geislingen, SPD Oberes Filstal und Amnesty International (AI) zum Thema “Humanes Asylrecht” in der Seemühle in Geislingen. Moderator Horst Bittner (AI) konnte dazu Manfred Makowitzki, Leiter des Ulmer Behandlungszentrums für Folteropfer (BFU), Andreas Linder, Flüchtlingsrat Baden- Württemberg und Monika Maichl, AK-Asyl und Flüchtlingsrat Göppingen, begrüßen.

“Zur Zeit steigen die Flüchtlingszahlen weltweit wieder an”, führte Andreas Linder aus. Allerdings komme in Deutschland nur der geringste Teil an. Linder schilderte ausführlich die Missstände bei der Asylbewerberunterbringung. Sie sei gekennzeichnet durch den Aufenthalt von teilweise bis zu zwei Jahren oder noch länger in “Massenunterkünften” bei schlechten sanitären Bedingungen, drei bis vier Menschen in einem Zimmer, Wohnraumbegrenzung auf 4,5 Quadratmeter pro Person.

Sowohl er als auch Monika Maichl, die einen nicht besser ausfallenden Einblick in die Asylbewerberunterbringung im Landkreis gab, begrüßen deshalb die geplante Änderung des Flüchtlingsaufnahmegesetzes. Die “Politik des Gehörtwerdens” zeige hier erste Früchte, sagte Linder. Dass der grün-roten Landesregierung eine humanere Asylpolitik ein wichtiges Anliegen sei, zeige die schon erfolgte Lockerung der bisher geltenden Residenzpflicht, die Bereitschaft, schon vor einer Gesetzesänderung Missstände in der Flüchtlingspolitik zu beseitigen und die Neubesetzung der Härtefallkommission.

Linder unterstrich die Forderungen des Flüchtlingsrats: eine humanere dezentrale Unterbringung in kleinen Unterkünften, eine unabhängige Beratung, besseren Zugang zu Integrationsmaßnahmen und die Umstellung von Sachleistungsversorgung durch Essenspaket und Lagershops bei Kleidung zu Geldleistungen. “Eine Versorgung, bei der die Betroffenen selbstbestimmt über Geld verfügen können, ist für den Staat günstiger und fördert die Integration der Asylbewerber”, betonte auch Monika Maichl. Bezüglich der Asylunterbringung seien sie im Gespräch mit dem Landrat, erläuterte die Expertin. Der Landtagsabgeordnete und Kreisrat Sascha Binder sicherte ihr zu, den Gesprächskontakt zur SPD Kreistagsfraktion herzustellen.

Einen weiteren Aspekt des Themas beleuchtete Manfred Makowitzki vom BFU, das gegründet wurde, weil es keine Versorgungsmöglichkeit für den hohen Anteil an Folteropfern und traumatisierten Menschen unter den Flüchtlingen gab. In Baden-Württemberg treffe dies auf 400 bis 500 Flüchtlinge zu *. 1995 gegründet, verfügt das Zentrum inzwischen über 15 Mitarbeiterinnen und einen Dolmetscherpool für 20 Sprachen. Hauptsächlich durch Spenden und EFS-Mittel, aber auch von Kirchen und Menschenrechtsorganisationen finanziert, stehe man finanziell immer mit dem Rücken zur Wand. Er freue sich, dass es jetzt erstmals vom Integrationsministerium einen Zuschuss gibt.

Eine wichtige Forderung für ihn sei es, dass die psychologische Betreuung der Folteropfer in die sozialpsychiatrische Regelversorgung integriert werde. Unterstützung erhielt Makowitzki von einem Lehrer, der schilderte, wie schwer es war für einen traumatisierten jugendlichen Asylbewerber, eine Therapie zu bekommen. Abschließend bedankte sich SPD-Vorsitzender Ludwig Duschek bei den Referenten mit einem kleinen Präsent.

* Anmerkung des BFU: von den rund 2000 Folter- und Kriegsopfer, die pro Jahr Baden-Württemberg erreichen, können die 5 Behandlungszentren in Baden-Württemberg nur etwa 400-500 aufnehmen.

 

Land fördert Behandlungszentren in Baden-Württemberg

Die neue grün-rote Landesregierung von Baden-Württemberg hat im Rahmen der Verabschiedung des Staatshaushaltsplans 2012 die Förderung der 5 Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer in Baden-Württemberg aus Mitteln des Haushalts des Landes Baden-Württemberg /resp. des Ministeriums für Integration in Höhe von 300.000 EUR beschlossen. Damit wird erstmalig die Arbeit dieser Zentren von Landesseite politisch gewürdigt und ein wichtiger Finanzierungsbaustein für die psychosoziale und psychotherapeutische Versorgung von traumatisierten Flüchtlingen und Folteropfern mit Wohnsitz in Baden-Württemberg geschaffen. Die beiden Ulmer Landtagsabgeordneten, Herr Martin Rivoir (SPD) und Herr Jürgen Filius (Die GRÜNEN), haben zusammen mit anderen Fachkollegen ihrer Fraktionen maßgeblich an dieser Entscheidung mitgewirkt.

Neujahrsempfang Ulmer SPD

Schrottenbaum und Manfred Makowitzki, der organisatorische Leiter des BFU, dankten den beiden Ulmer Abgeordneten Jürgen Filius (Grüne) und Martin Rivoir (SPD) für ihren Einsatz in dieser Sache. Filius und Rivoir berichteten, dass das Land 2012 für die Behandlungszentren in Baden-Württemberg insgesamt 300.000 Euro zur Verfügung stellt. Neben dem BFU sind dies zwei Zentren in Stuttgart, ein Zentrum in Villingen-Schwenningen und weiteres in Karlsruhe.

Quelle: Mehr Hilfe für Folteropfer
(Südwest Presse Online)

Aufatmen beim Ulmer Behandlungszentrum für Folteropfer (BFU): Nach Jahren des finanziellen Überlebenskampfes kann das BFU heuer erstmals mit einer soliden Finanzausstattung rechnen. Die grün-rote Landesregierung hat für die fünf psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer im Land erstmals 300 000 Euro im Haushalt 2012 bereit gestellt – 60 000 Euro fließen nach Ulm. Damit ist die Behandlung traumatisierter Flüchtlinge und Migranten aus Krisenländern wie Syrien, Nigeria, der Türkei und Afghanistan für die nächsten Jahre gesichert.

Quelle: Land unterstützt erstmals Arbeit mit Folteropfern
(schwaebische.de)

Sie sind Flüchtlinge, im Durchschnitt 32 Jahre alt, wurden in ihren Herkunftsländern geschlagen, vergewaltigt oder anderweitig gequält und müssen in Deutschland die Abschiebung fürchten. „Es sind Menschen, die keiner haben will“, beschreibt Heiner Schrottenbaum, der Geschäftsführer des Ulmer Reha-Vereins für soziale Psychiatrie Donau-Alb e.V, die Patientenschaft, die im Behandlungszentrum für Folteropfer ein und aus geht. Auch das Behandlungszentrum selber gleicht seit seiner Gründung auf Betreiben von Amnesty International vor 17 Jahren einem stets kränkelnden Patienten. Die drei hauptamtlichen Mitarbeiter arbeite ten von einem Jahr zum anderen, immer in der Hoffnung, der Fluss der Spendengelder würde nicht versiegen. Der Rehaverein als Träger machte gut Wetter bei Sozialämtern und Krankenkassen und verschickte Bittschreiben. „Alle Stiftungen, die infrage kommen, haben wir in den letzten Jahren abgeklappert“, erzählt Schrottenbaum.

Quelle: Es sind Menschen, die keiner haben will
(Stuttgarter Zeitung)

 

Einladung zum Pressegespräch am 05.03.2012, 14.00 Uhr

Sehr geehrte Damen und Herren,
die neue grün-rote Landesregierung von Baden-Württemberg hat im Rahmen der Verabschiedung des Staatshaushaltsplans 2012 die Förderung der 5 Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer in Baden-Württemberg aus Mitteln des Haushalts des Landes Baden-Württemberg /resp. des Ministeriums für Integration in Höhe von 300.000 EUR beschlossen. Damit wird erstmalig die Arbeit dieser Zentren von Landesseite politisch gewürdigt und ein wichtiger Finanzierungsbaustein für die psychosoziale und psychotherapeutische Versorgung von traumatisierten Flüchtlingen und Folteropfern mit Wohnsitz in Baden-Württemberg geschaffen. Die beiden Ulmer Landtagsabgeordneten, Herr Martin Rivoir (SPD) und Herr Jürgen Filius (Die GRÜNEN), haben zusammen mit anderen Fachkollegen ihrer Fraktionen maßgeblich an dieser Entscheidung mitgewirkt. Auch im Namen dieser beiden Politiker, welche zu dem Gespräch anwesend sein werden, laden wir Sie herzlich ein.

Pressegespräch

Montag, den 05.03.2012
Geschäftsstelle des RehaVerein für soziale Psychiatrie Donau-Alb e.V., 1. OG
Innere Wallstraße 6
89077 Ulm

Mit freundlichen Grüßen
Manfred Makowitzki
(Org.-Leiter BFU)

 

Rundbrief Weihnachten 2011

Liebe Spender und Förderer,
liebe Freunde des BFU,

wir blicken auf ein arbeitsreiches aber auch sehr erfolgreiches Jahr 2011 im Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm zurück. Für Ihre Unterstützung und Ihr Engagement danken wir Ihnen herzlich und hoffen, dass Sie durch unseren Weihnachtsbrief einen guten Einblick in die Ereignisse und Entwicklungen des BFU im ablaufenden Jahr bekommen.

Förderverein des BFU

Seit seiner Gründung im April 2010 spielt der Förderverein des BFU eine zunehmend wichtige Rolle bei der Öffentlichkeitsarbeit und Finanzakquise des BFUs. Im ablaufenden Jahr vollzogen sich im Förderverein außerdem einige personelle Veränderungen. In einer außerordentlichen Mitgliederversammlung am 13. April diesen Jahres wurde ein neuer Vorstand gewählt. Herr Harm Senne, dem wir für sein großes Engagement und seinen Einsatz zu tiefem Dank verpflichtet sind, stellte sein Amt des Vorstandsvorsitzenden zur Verfügung. Mit der Wahl von Herrn Dekan Matthias Hambücher (Dekan des Dekanats Ehingen-Ulm und Vorsitzender der Katholischen Gesamtkirchengemeinde Ulm) gelang es einen nicht minder engagierten und qualifizierten Vorstandsvorsitzenden für den Förderverein des BFU zu gewinnen. Zu den neuen stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden wurden Frau Lisa Schanz (Stadträtin in Ulm (SPD), dort u.a. tätig im Fachbereichsausschuss Kultur, Jugendhilfeausschuss, Internationaler Ausschuss), und Herr Otto Frey (Geschäftsführer des Evangelischen Diakonieverbands Ulm/Alb-Donau) neu gewählt. Herr Mario Stahr (Supervisor und Organisationsberater) und Frau Katja Mayrhöfer (Soz. Päd.) wurden als weiteres Vorstandsmitglied bzw. Schatzmeisterin bestätigt. Besonders geholfen hat der Förderverein bei der Stiftungsakquise – ohne deren erfolgreiche Umsetzung in Form von Anträgen und dadurch erhöhten Zuwendungen aus Stiftungen an das BFU für 2011 der weitere Fortbestand des BFU wieder einmal gefährdet gewesen wäre. Der Förderverein zählt aktuell 30 Mitglieder. Es dürfen gerne mehr werden. Bei einem Jahresbeitrag von mind. 30 € können Sie Mitglied im Förderverein werden. Zusätzlich besteht die Möglichkeit der aktiven Mitarbeit in Arbeitskreisen des Fördervereins (z.B. dem AK Fundraising). Aktuelles zum Förderverein finden Sie unter: www.foerderverein-bfu-ulm.de. Wer sich nicht an einen Verein binden möchte, kann – wie bisher – Mitglied in unserem Förderkreis werden. Die Höhe des Mitgliedbeitrags als Förderer im Förderkreis ist frei wählbar. Die zugehörigen Formulare finden Sie unter Helfen.

Landesförderung

Was bis vor einigen Monaten noch undenkbar erschien, wurde mit Verabschiedung des Koalitionsvertrages der neuen Landesregierung von Baden-Württemberg erstmals schriftlich festgehalten. Die Arbeit der Psychosozialen Zentren in Baden-Württemberg (PSZ) wird von politischer Seite offiziell anerkannt und dies soll sich auch in finanzieller Hinsicht niederschlagen. Angedacht ist, dass die fünf PSZ in den Genuss einer jährlichen Förderung durch Landesmittel kommen. Die endgültige Entscheidung in welcher Höhe die Förderung ausfallen wird, fällt jedoch erst nach Abschluss der Haushaltsberatungen Anfang des nächsten Jahres. Entsprechend der Höhe der Förderung bedeutete dies eine Entlastung in Bezug auf die alljährliche Sicherstellung der Finanzierungsgrundlage des BFU. Die großen Ressourcen, die momentan für die Finanzakquise aufgewendet werden und bei einer fortbestehenden unsicheren Finanzierungsgrundlage dauerhaft gebunden wären, könnten dann verstärkt der unmittelbaren Patientenarbeit zu Gute kommen. Wir danken in diesem Zusammenhang besonders den Mitgliedern der SPD- Landtagsfraktion, den Mitgliedern der Fraktion der DIE GRÜNEN im Landtag sowie den Mitarbeitern des Integrationsministeriums für die große Unterstützung unseres Antrags auf Landesförderung für die PSZ in Baden-Württemberg!

Der Internetauftritt des BFU

Die Website des BFU wurde in den Jahren 2009 und 2010 vollständig neu aufgebaut und ausgeweitet, seitdem wird sie regelmäßig aktualisiert und mit neuen Themen ergänzt. Die Redaktion liegt bei Urs Fiechtner und Patrick Mosby. Mit der regelmäßigen Überarbeitung, Ergänzung und stetigen Aktualisierung der Website streben wir an, unseren Internetauftritt zu einem nachhaltigen Mittel für die Öffentlichkeitsarbeit und für die Spendenwerbung des BFU zu machen und gleichzeitig fundierte Informationen zum Thema bereit zu stellen. Insgesamt findet sich dort heute eine Fülle von Informationen zu den Themen Trauma, Folter, Behandlung von Folteropfern im BFU, Geschichte und Gegenwart der Folter, Fallbeispiele, Bezüge zur deutschen Geschichte, Literaturhinweise, Möglichkeiten zur Mitarbeit und vieles mehr. Inzwischen umfasst die Website umgerechnet rund 280 Buchseiten und verzeichnet seit ihrem Neustart stetig wachsendes Interesse: während im Jahr 2008 nur 5.702 Besucher/innen die (alte) Website des BFU aufgerufen hatten, konnten im Jahr 2010 bereits 28.071 Besucher/innen registriert werden, im Jahr 2011 werden es über 40.000 Besucher/innen sein. Wir freuen uns über Anregungen zum weiteren Ausbau unserer Website – schreiben Sie uns bitte, wenn Sie Themen und Informationen auf bfu-ulm.de vermissen.

Patienten

Die Patientenzahlen für 2011 liegen derzeit noch nicht vollständig vor. Im Jahr 2010 waren 126 Patienten in zumeist längerfristiger Behandlung (bezogen auf die Hauptstelle in Ulm sowie die Nebenstelle Ludwigsburg). Davon waren 106 Folter- und Bürgerkriegsopfer, 15 Patienten waren Akuttraumatisierte. Komplette Statistik anschauen. Viele der Akut-Patienten konnten nach einer Kurzzeittherapie (max. 25 Stunden) weitgehend symptomfrei entlassen werden. Die Folteropfer und Bürgerkriegsopfer haben meist chronifizierte und komplexe Störungsbilder (u.a. oft eine komplexe Posttraumatische Belastungsstörung) und bedürfen – insbesondere wenn deren Aufenthalt in Deutschland unsicher ist oder gar gefährdet – einer längerfristigen, zum Teil mehrjährigen Behandlung. Neben der therapeutischen Arbeit sind bei Patienten mit unsicherem oder gefährdetem Aufenthaltsstatus oft auch Psychologische Stellungnahmen notwendig. In Einzelfällen müssen auch externe Gutachter beauftragt werden. Jedoch ist die Finanzierung dann oft ein Problem, da unsere Patienten dafür keine ausreichenden Mittel haben. In anderen Fällen bemühen wir uns um die Verbesserung der Unterbringungssituation. In Zusammenarbeit mit den Sozialarbeitern unterstützen wir die Patienten bei der Wohnungs- und Jobsuche, oder helfen – auch über unsere Ehrenamtlichen – bei schulischen Problemen, oder wir vermitteln Paten. Auch hier gibt unsere Statistik weitere Auskunft.

Kunsttherapie für Erwachsene

Die seit Herbst 2010 neu eingeführte kunsttherapeutische Einzel- oder Gruppentherapie (z. Bsp. für kurdische Patienten) unter Dolmetschervermittlung werden weiterhin sehr positiv aufgenommen und die Patienten können spürbar davon profitieren. Die kunsttherapeutischen Behandlungen werden von unseren beiden Kunsttherapeuten, Herrn Karsten Kretschmer und Frau Regine Schempp, angeleitet. Diese Gruppen sind ein ergänzendes therapeutisches Angebot zur parallel laufenden Einzeltherapie im BFU – gerade bei Patienten, bei denen durch eine schwierige Gesamtsituation (unsicherer Aufenthaltsstatus, Unterbringung im Asylwohnheim mit Mehrbettzimmern über Jahre, fehlende Arbeit, fehlende Perspektiven) die Möglichkeiten zur Stabilisierung oft sehr begrenzt sind. Hier leistet die begleitende Kunsttherapie wertvolle und wichtige Arbeit.

Kunsttherapie für Kinder und Jugendliche

Unsere beiden Kunsttherapeuten arbeiten seit fast 4 Jahren mit sehr gutem Erfolg in unserem Projekt: „Kunsttherapeutische Gruppen- und Einzeltherapien für traumatisierte deutsche und ausländische Kinder“. Die Kinder und Jugendlichen fühlen sich dort gut aufgenommen und können in der Regel auch gut davon profitieren. Sie finden über die Kunsttherapie Zugang zu ihren verschütteten Ressourcen, ihr Selbstwertgefühl wird in der Gruppe gestärkt. Schwierige Inhalte können die Kinder gestalterisch, manchmal auch verbal zum Ausdruck bringen.

Wir verzeichnen derzeit eine Zunahme von Anmeldungen für traumatisierte Kinder und Jugendliche aus dem Irak und Afghanistan. Von dort kommen v. a. unbegleitete Minderjährige, die z.T. ihre Familien verloren haben. Die Kunsttherapie für die Kinder erfolgt zum Teil mit Dolmetschern, weil die Kinder erst wenige Monate in Deutschland sind und noch zu wenig Deutsch können.

Wir bemühen uns darüber hinaus intensiv um eine engere Zusammenarbeit mit den verschiedenen Institutionen in der Stadt Ulm (Kliniken, Einrichtungen der Jugendhilfe und therapeutische Praxen), um das Versorgungsnetzwerk für diese Kinder und Jugendlichen zu verbessern. Für diesen Zweck haben wir in diesem Jahr die Unterstützung u.a. von Terre des Hommes Deutschland erhalten. Ein Beispiel für den Verlauf finden Sie unter Kunsttherapie für Kinder.

Mitarbeiter im BFU

  • Frau Dinore Ihle, unsere Dolmetscherin für Albanisch seit 1995 (!), hat ihre Honorartätigkeit im BFU beendet. Sie hat in all diesen Jahren hervorragende Arbeit geleistet. Wir sind ihr zu tiefem Dank verpflichtet.
  • Frau Elisabeth Koch, seit September 2010 im BFU-Team als Honorarkraft tätig, hat ihre Ausbildung zur Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie bestanden. Herzlichen Glückwunsch!
  • Frau Dipl. Psych. Verena Lehman, seit Januar 2011 als Honorarkraft im BFU tätig, hat ihre Weiterbildung zur zertifizierten HAKOMI-TherapeutIn bestanden. Herzlichen Glückwunsch!
  • Frau Dipl. Psych. Ulrike Ruppin ist seit Oktober 2011 neue Honorarkraft im BFU. Sie hat eine Teilzeitstelle im Bezirkskrankenhaus Günzburg und promoviert an der Universität Ulm bei Professor Dr. Friedemann Pfäfflin. Willkommen im Team!
  • Herr Julian Uhland, Master of Arts/Politikwissenschaftler, unterstützt seit Dezember 2010 als Teilzeit-Honorarkraft mit hohem ehrenamtlichem Anteil das BFU-Team in allen nicht-therapeutischen Bereichen, v.a. in der Verwaltung und bei der Umstellung der PC –Programme. Er ist uns ein unverzichtbarer Mitarbeiter geworden.
  • Herr Urs Fiechtner, Autor, Schriftsteller und langjähriger Sprecher des Ulmer Bezirks von Amnesty International, ist seit diesem Jahr Honorarmitarbeiter des BFU für die Bereiche Öffentlichkeitsarbeit, Homepage und Stiftungsakquise. Willkommen im Team!
  • Frau Maria Reichert, Kinder-und Jugendlichenpsychotherapeutin, konnten wir als zusätzliche Supervisorin für unsere beiden Kunsttherapeuten gewinnen.
  • Herr Roland Vogel ist neues Mitglied im Beirat des BFU. Herzlich willkommen ! Er spielt seit Jahren eine ganz wichtige Rolle als Unterstützter des BFU in seiner Funktion als Finanzvorstand der Deutschen Sektion von Amnesty International.
  • Besonderer Dank geht an unsere PraktikantInnen: Hanna Schirovsky, Elisa Kaltenbach, Carolin Wolff, Lisa Katrin Kaufmann, Sebastian Jander und Olga Milena Cabeza Cantillo.
  • Herr Dipl. Psych. Goran Svigir ist im Februar 2011 als Mitarbeiter in gegenseitigem Einvernehmen ausgeschieden.

Ihnen, liebe Freunde des BFU, möchten wir ganz herzlich für Ihr Vertrauen und Ihre Unterstützung im ausgehenden Jahr danken! Ihre treue Begleitung und Unterstützung – ob „ideell“ oder finanziell – hilft, das Weiterbestehen des BFU zu sichern und motiviert uns bei unserer manchmal nicht ganz einfachen Arbeit.

Wir wünschen Ihnen – auch im Namen des gesamten BFU-Teams – frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr 2012!

 

Ins Leben Zurückholen

ZUR THERAPIE VON FOLTERTRAUMATA – INTERVIEW MIT REGINA KURTH (BFU)
Von Christine Schoenmakers

Was ist das Behandlungszentrum für Folteropfer?

Das Behandlungszentrum fUr Folteropfer in Ulm (BFU) wurde durch eine Initiative von Amnesty International und Ulmer Bürgern im Januar 1995 aufgrund der Bürgerkriegsereignisse im ehemaligen Jugoslawien und dem dadurch ausgelösten Flüchtlingszustrom nach Deutschland gegründet.

Ursprünglich rein aus ehrenamtlich arbeitenden Ärzten und Psychologen bestehend, erfolgte die Professionalisierung des BFU recht schnell. Aktuell be treuen drei Mitarbeiter und zehn Honorarkräfte, bestehend aus vor allem Psychologen, einer Ärztin, Kunsttherapeuten und einem Soziologen, circa 120 bis 150 Traumaklienten pro Jahr. Damit sind wir zwar eine relativ kleine Einrichtung, die aber zusammen mit den vier anderen baden-württembergischen Behandlungszentren einen recht großen Wirkungsbereich hat.

Für welche Zielgruppe werden welche Therapieangebote gemacht?

Das BFU hat sich auf die Behandlung traumatisierter Flüchtlinge und Migranten spezialisiert, darunter ist ein sehr hoher Anteil an Asylbewerbern. Diese fallen, wenn sie längerfristige medizinische und psychotherapeutische Hilfe benötigen, zumeist durch das Raster des “normalen” deutschen Krankenkassensystems.

Die Mehrheit unserer Klienten hat Krieg, Falter und Vergewaltigung erlebt und ist extrem traumatisiert. Unverarbeitete Traumatisierung bedeutet: Die Betroffenen müssen die schrecklichen Erlebnisse immer wieder und wieder durchleben und können sich nicht davon befreien. Grundsätzlich haben wir es hier mit allen psychischen Störungsbildern zu tun: Von der posttraumatischen Belastungsstörung, über Depressionen, Angststörungen bis hin zu psychosomatischen Störungen, nur um die haufigsten Störungsbilder zu nennen.

Dieses Spektrum bedingt natürlich ein sehr differenziertes Vorgehen, die die Therapeuten sehr genau auf den einzelnen Klienten abstimmen. Neben der psychotherapeutischen Behandlung, die zunächst auf die Stabilisierung (köperlich, psychisch, sozial mit den zwei Hauptschwerpunkten: Ressourcen aktivieren sowie konstruktiver Umgang mit bzw. Reduktion der Symptome) später bei ausreichender Stabilisierung auch auf die Traumabearbeitung abzielt (das Erlebte in der Therapie nochmals durchleben und so zum Abschluss bringen), leistet das BFU auch ein Stück weit Sozialarbeit.

Eine weitere wichtige Arbeit sind psychologische Stellungnahmen für die Rechtsanwälte unserer Klienten im Rahmen von Asylantrag oder -folgeanträgen. Oftmals kann so erreicht werden, dass die Flüchtlinge zumindest einen krankheitsbedingten Aufenthalt in Deutschland genehmigt bekommen, da der unsichere oder gar bedrohte Aufenthaltsstatus unserer Patienten ein entscheidender verstärkender sowie aufrechterhaltender Faktor ihrer psychischen Erkrankung ist.

Wie finden die Betroffenen zu Ihnen?

Das BFU ist gut vernetzt zu kommunalen Einrichtungen, wie Ärzten, Kliniken und Gesundheitsämtern, Beratungsstellen, Rechtsanwälten und Flüchtlings-organisationen, die uns an die Betroffenen weiterempfehlen. Aber auch Verwandte oder Bekannte melden die Klienten an. Ein guter Teil der Klienten kommt aber auch ohne Veranlassung durch Dritte zu uns.

Welche seelischen Wunden können geheilt werden, welche nicht?

Wie sehr eine Heilung oder Linderung eintritt, hangt stark vom Individuum, seinen Ressourcen sowie den Kontextbedingungen (z.B. Aufenthaltsstatus, Unterbringung im Asylheim mit vielen Problemen etc.) ab.

Diese Ressourcen umfassen zum Beispiel positive Erinnerungen, soziale Kontakte oder auch Bildung. Je mehr die Betroffenen auf solche Ressourcen zurückgreifen konnen, desto besser stehen die Chancen auf Heilung. Allerdings hangt diese auch stark von der Art und Schwere des Traumas und den individuellen Vorerfahrungen und deren Verarbeitungsgrad ab. Nicht zuletzt ist es die soziale Anerkennung (z.B. durch Anerkennung des Asyls oder krankeitsbedingen Aufenthalt), die sich auf die Verarbeitung des Traumas positiv auswirken an. Prinzipiell können auch Extremtraumata heilen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sie chronifizieren, ist Ieider jedoch sehr hoch. Dann kann es passieren, dass solche Menschen nie wieder ein normales Leben führen können. Es gibt auch Extremfälle, die sich wie “lebendig begraben” fühlen.

Wie ist die finanzielle Lage des BFU?

Das BFU ist kein wirtschaftsorientiertes Unternehmen, sondern fußt auf dem teils ehrenamtlichen Engagement seiner Mitarbeiter und seinem Träger, dem Rehaverein für Soziale Psychiatrie e.V. Zu 25% wird es z.B. über den Europaischen Flüchtlingsfonds finanziert. Eine existenzielle Unsicherheit besteht dabei immer. Seit der Gründung stand das BFU bereits zweimal vor dem Aus und auch 2010 war phasenweise ein schwieriges Jahr, weil nicht sicher war, ob wir die Forderung über den Flüchtlingsfonds bekommen würden. Grundsätzlich kommt es aber immer auch auf die Größe des Zentrums an und dessen Vernetzung in der Tragerschaft.

Wie kann man sich für das BFU engagieren?

Es besteht die Möglichkeit, dem BFU finanzielle Hilfe über Spenden oder die Mitgliedschaft in unserem Förderverein zukommen zu lassen. Diese Mittel machen ebenfalls einen guten Teil unserer Finanzierung aus. Aber auch ehrenamtliches Engagement aus der Bevölkerung, z.B. bei der sozialen Betreuung von Flüchtlingen, ist hier gern gesehen.

Dr. Regina Kurth ist psychologische Psychbtherapeuthin und Leiterin der Traumatherapie am BFU.

 

Ceşm-î Dıl  / Das innere Auge
Erkan Ogur & Mikail Aslan – Ethno-Jazz: Mystische Klänge aus Anatolien – Benefizkonzert zugunsten des Behandlungszentrums für Folteropfer Ulm

19.00 Uhr, Pauluskirche Ulm (Frauenstrasse)
Vorverkauf: € 10.- | Abendkasse: € 12.-
Kartenbestellungen bitte an das BFU: 0731 – 22836

Erkan Ogur und Mikail Aslan sind in Anatolien sehr bekannte und beliebte Musiker. Erkan Ogur kommt aus dem türkischen Kulturkreis und ist bekannt für seine Ausflüge in Weltmusik und Jazz. Er ist ein Meister auf der Saz, der Oud und der bundlosen Gitarre. Mikail Aslan gehört dem kurdischen Kulturkreis an und beherrscht meisterhaft Tembur, Gitarre und Saxophon. Das Projekt Ceşm-î Dıl (Das Innere Auge) führt nun die musikalischen Kulturen beider Musiker mit dem Ziel zusammen, dıe verbindende Kraft der Musik über weltliche Grenzen hinweg zu zeigen und das Gemeinsame aus dem Herzen heraus zu offenbaren. Das Ergebnis ist eın Plädoyer für Toleranz und Gemeinschaft unabhängig von Weltanschauung, Politik und Gesellschaft.

Mikail Aslan

Mikail Aslan

Geboren wurde Mikaîl in Dersim (Tunceli), 1972, in einer Zeit, in der es in der Türkei offiziell keine Kurden geben durfte. So wuchsen die Kinder in dem Dorf, bestehend aus 4 Gehöften, im Munzur-Gebirge mit Schafen, Ziegen und Bienen, den Geistern, Derwischen und Pire der Gebirge und Partisanen auf. Es gab weder fließendes Wasser noch Strom. Mikail war neun Jahre alt, als die Familie nach Kayseri in Mittelanatolien flüchten musste. Dort besuchte er das Gymnasium, um danach in Malatya an der Universität Mathematik zu studieren. – Seit seiner Kindheit beschäftigte er sich mit der Musik seiner Heimat. Während des Studiums gründete er die ‘Grup Munzur’, die mit Protestliedern bekannt wurde. Wegen politischer Betätigung wurde er nach zwei Jahren von der Universität verwiesen. Während einer Deutschlandreise 1995 fiel die Entscheidung in Deutschland zu bleiben, da in der Türkei Strafverfolgung wegen ‘Singens in einer verbotenen Sprache’ drohte.  1999 hat er in Deutschland das Solo-Projekt „Agerayis“ in seiner Muttersprache Zazaki aufgenommen. Um die Musik auch im Konzert spielen zu können, suchte er nach Musikern mit Jazzerfahrung, um seine traditionelle Musik zu erweitern.

Im Februar 2000 wurde das Mikail Aslan Ensemble von Mikail Aslan, Michael Weil und Dieter Schmalzried in Mainz gegründet. Die musikalische Grundlage sind Eigenkompositionen und traditionelle Stücke aus der Heimat von Mikail. Dabei liegen die musikalischen Wurzeln in der kurdischen, armenischen, persischen und türkischen Musikkultur. Die meisten Texte der Musikstücke sind in Mikails Muttersprache Zazaki verfasst, die mit dem Kurdischen und Persischen verwandt ist. Auf der Basis dieser Kompositionen entwickelt das Ensemble in gemeinsamer Arbeit die Verknüpfung der vorderasiatischen Musikkultur mit Elementen aus europäischer Musik, Jazz, Pop und Folk.

Das erste gemeinsame Projekt der Musiker waren “Klänge vom Euphrat”, das 2002 in Konzerten in Deutschland präsentiert wurde. 2003 wurde die CD “Kilitê Kou“ veröffentlicht, die ein Dokument der alevitischen Mystik und Kultur aus Mikails Heimat Dersim darstellt. Dazwischen komponierte und spielte das Ensemble die Musik zu zwei Dokumentarfilmen über Anatolien (arte TV / ZDF). Der vorläufige Höhepunkt dieser Arbeit war ein Konzert des Ensembles mit dem Sinfonieorchester des Peter-Cornelius-Konservatoriums Mainz in der Uraufführung der Sinfonie Nr. 5 „Connections“ von Gerhard Fischer-Münster am 20. April 2005. Die Sinfonie ist um das Stück „Flucht des Munzur (Remayise Munzuri)“ von Mikail Aslan komponiert und verbindet traditionelle anatolische und moderne europäische Klänge. Ebenfalls 2005 wurde die dritte Solo-CD „Miraz“ aufgenommen. Im Jahr 2006 wurde das Projekt “Sound of the Tembur” gemeinsam mit der Sängerin Aynur weltweit auf Tour aufgeführt. Die vierte CD “Zernkut” erschien im Jahr 2008. 2009 wurde für den Dokumentarfilm “Kick off” des Regisseurs Hüseyin Tabak, unter dem Produzenten Josef Aichholzer, die Filmmusik komponiert und eingespielt. 2010 erschien die CD “Petage” – Armenische Lieder aus Dersim.

Das Ensemble hatte inzwischen zahlreiche Festivalauftritte und Konzerte, unter anderem auch in Rundfunk und Fernsehen, in Europa, Asien und Nordamerika.

Erkan Ogur

Erkan OgurErkan Oğur wurde im Jahr 1954, im türkischen Elazığ geboren. Seine Kindheit verbrachte er in dem im Osten der Türkei gelegenen Elazığ, wo sein Interesse für die Geige und die Bağlama, die türkische Langhalslaute, geweckt wurde, auf denen er alsbald regelmäßig übte. Nachdem Beendigung der weiterführende Schule in Elazığ studierte er von 1970 bis 1973 Physik an der Ankara University Faculty of Science. Da sein Vater in ermutigte, eine wissenschaftliche Karriere einzuschlagen, nahm er das Studium des Chemieingenieurwesens auf und setzte dieses 1974 an der Ludwig-Maximilian-Universität München für drei Jahre fort. Im Jahr 1973 begann er mit der Gitarrenausbildung und entschloss sich dazu, Musiker statt Wissenschaftler zu werden. Da er zum spielen türkischer Melodien auf der Gitarre eine andere tonale Bandbreite benötigte, modifizierte er seine Gitarre und erfand so im Jahr 1976 die klassische Gitarre ohne Bünde.

Im Jahr 1980 kehrte er in die Türkei zurück und nahm das Studium am State Conservatory of Istanbul Technical University auf. Nach seinem Wehrdienst arbeitete er als Musiklehrer und unterrichtete Oud, die orientalische Laute. Er trat live mit Fikret Kızılok und Bülent Ortaçgil auf und unterstütze sie musikalisch mit der bundlosen Gitarre. Sein erstes Album mit dem Titel Arayışlar (“Suche”) erschien in Deutschland. Im Jahr 1989 ging er in die USA, um dort mit zahlreichen ortsansässigen Blueskünstlern zu arbeiten und führte die bundlose Gitarre in den Blues ein. Ein Jahr später erschien sein erstes Album in der Türkei, Bir Ömürlük Misafir (“Ein Gast auf Lebenszeit”), das es in den europäischen Hitlisten auf Platz 4 schaffte. In der Türkei wie auch im Rest der Welt gibt er immer noch Konzerte. Mit Kemal Eroglu arbeitet er an einer technischen Verbesserung der Bağlama und tritt gleichzeitig immer noch mit Fahir Takoglu und Bülent Bülent Ortaçgil auf. Im Jahr 2004 wirkte er an Yansılmars Album Pervane (“Motte”) mit. Zusammen mit İlkin Deniz and Turgut Alp Bekoglu bildet er das Telvin-Trio, das hauptsächlich türkische Volksmusik in einem improvisierten Jazzstil spielt; das Trio veröffentliche im Jahr 2006 ein Album mit dem Title Telvin.

Sein Soundtrack für den Film Yazı Tura von Uğur Yücel aus dem Jahr 2004 wurde mit zwei Auszeichnungen belohnt: der Goldenen Orange für die beste Musik beim Antalya Golden Orange Film Festival im Jahr 2004 und dem Preis für die beste Musik beim Ankara International Film Festival im Jahr 2005.

Diskografie

Frühe eigene Werke und Werke mit anderen Künstlern

  1. 1982 – Istanbul’da Bir Amerikalı
  2. 1983 – Perdesiz Gitarda Arayışlar – Kasette mit geringer Auflage Soundtrack-Alben und Gemeinschaftsproduktionen (nach Filmdatum geordnet)
  3. 1989 – Sis OST – Zülfü Livaneli, Soundtrack zum Film
  4. 1996 – Eşkiya OST (Der Bandit) – mit Aşkın Arsunan, Soundtrack zu Yavuz Turguls Film Eşkıya (Kalan, 2000 erschienen)
  5. 2003 – Yazı Tura OST – Soundtrack zu Uğur Yücels Film, (Kalan, 2005 erschienen)

Soloalben und Gemeinschaftsproduktionen

  1. 1993 – Fretless (Feuer und Eis)
  2. 1996 – Bir Ömürlük Misafir – Überarbeitete Neuauflage von Fretless (Kalan)
  3. 1998 – Gülün Kokusu Vardı – mit İsmail Hakkı Demircioğlu (Kalan)
  4. 1999 – Hiç (“Nothing”) – mit Okan Murat Öztürk (Kalan)
  5. 2000 – Anadolu Beşik – mit İsmail Hakkı Demircioğlu (Kalan)
  6. 2001 – Fuad – mit Djivan Gasparyan
  7. 2006 – Telvin – als Teil des Telvin-Trios
  8. 2007 – The Istanbul Connection

 

Südwest Presse
15.07.2011 Folteropfer in den Fokus rücken

Matthias Hambücher ist neuer Vorsitzender des Fördervereins des Behandlungszentrums für Folteropfer. Gemeinsam mit seinen Vize Lisa Schanz und Otto Frey will er das Thema “Flüchtlinge” stärker publik machen.

Ein katholischer und ein evangelischer Würdenträger, dazu eine Sozialdemokratin aus der Kommunalpolitik: Der neue, nunmehr fünfköpfige Vorstand des Fördervereins des Behandlungszentrums für Folteropfer Ulm (BFU) ist das, was man eine gute Mischung nennt.…

Quelle: Folteropfer in den Fokus rücken
(Südwest Presse Online)

 

Rundbrief Weihnachten 2010

Liebe Spender und Förderer,
liebe Freunde des BFU,

wie jedes Jahr zu Weihnachten wenden wir uns mit diesem Rundbrief an Sie, um Ihnen einen Überblick über wichtige Ereignisse im Behandlungszentrum im ablaufenden Jahr 2010 zu geben:

15 Jahre BFU

Am 25. Januar 2010 konnten wir das 15-jährige Bestehen des BFU begehen. Gefeiert haben wir dieses Jubiläum im Juli. Bei schönstem Wetter kamen ehemalige und aktuelle Patienten, Mitarbeiter des BFU, viele Freunde und Kooperationspartner sowie Vertreter der Stadt Ulm und der Landkreise, der Kirchen und weiterer Institutionen. Niemand von den Gründungsvätern des BFU hätte 1995 geglaubt, dass es diese Einrichtung im Jahr 2010 noch geben würde. Niemand von ihnen wollte sich ausmalen, dass ein BFU im Jahr 2010 nach wie vor notwendig wäre. Dies war der Tenor der Gratulanten. Besonders gefreut hat uns die Teilnahme des früheren Geschäftsführers des REHA-Verein, Herr Jörg Sauter, der ganz maßgeblich am Zustandekommen des BFU mitgewirkt hat. Die Ulmer Gruppe „Nasrat“ bot Weltmusik vom Feinsten, die Schülerfirma „Gastfreunde“ von der Ulmer Spitalhofschule verwöhnte uns mit allerlei leckeren Speisen. Höhepunkt der Feier war die Überreichung zweier Bilder an uns durch einen unserer ehemaligen kurdischen Patienten und jetzt frei schaffenden Künstler: Er hatte nach 10 Jahren Haft und Folter in türkischen Gefängnissen in der BFU-Kunsttherapie erstmalig die Möglichkeit, dem Erlebten in Form von Tonarbeiten oder Bildern Ausdruck zu verleihen. Die Bilder hängen jetzt in unseren Räumen.

Förderverein BFU

Wichtig und gut war die öffentliche Gründungsveranstaltung unseres Fördervereins am 26.03.2010 im DGB-Haus in Ulm: Der Förderverein versteht sich als Kreis von Unterstützern des BFU im Bereich Fundraising, Öffentlichkeitsarbeit, Spenden- und Stiftungsakquise und Sponsoring. Er hat u.a. das DC-Jazz-Konzert im Neu-Ulmer Glacis im Sommer maßgeblich organisiert und das zauberhafte Konzert des Mikail-Aslan-Ensembles am 01.10.2010 im Ulmer Stadthaus ermöglicht, deren Reinerlöse dem BFU zufließen. Im Jahr 2011 steht ein Konzert des Daimler-Sinfonieorchesters i. R. der Aktion 100 000 der SÜDWEST PRESSE auf dem Programm des Fördervereins. Besonders geholfen hat der Förderverein bei der Stiftungsakquise – ohne deren erfolgreiche Umsetzung in Form von Anträgen und dadurch erhöhten Zuwendungen aus Stiftungen an das BFU für 2011 der weitere Fortbestand des BFU wieder einmal gefährdet gewesen wäre. Der Förderverein zählt aktuell 30 Mitglieder. Es dürfen gerne mehr werden. Bei einem Jahresbeitrag von mind. 30€ können Sie Mitglied im Förderverein werden. Zusätzlich besteht die Möglichkeit der aktiven Mitarbeit in Arbeitskreisen des Fördervereins (z.B. dem AK Fundraising). Aktuelles zum Förderverein finden Sie unter: www.foerderverein-bfu-ulm.

Wer sich nicht an einen Verein binden möchte, kann – wie bisher – Mitglied in unserem Förderkreis werden. Die Höhe des Mitgliedbeitrags als Förderer im Förderkreis ist frei wählbar. Die zugehörigen Formulare finden Sie unter Spenden.

Homepage

Unsere Homepage wurde 2009 und im ablaufenden Jahr 2010 komplett überarbeitet. Sie wird derzeit von über 3000 Besuchern im Monat aufgerufen. Auch die Lesedauer der Besucher ist relativ lang, denn sie bietet jetzt einen umfassenden Einblick in unsere therapeutische Arbeit und unsere Projekte. Sie gibt ausführliche Informationen zu allen relevanten Fragen rund um den Themenkomplex: Folter, Geschichte der Folter, Trauma (akut und chronisch) sowie über die Behandlung im BFU. Insgesamt sind Informationen mit einem Umfang von ca. 250 Seiten zu finden – eine Fundgrube für Schüler, Studenten, Lehrer, Psychotherapeuten und andere Interessierte.

Arbeitskreis Menschenrechtsbildung Ulm (AK-MRB Ulm)

Noch wenig bekannt ist unsere aktive Mitarbeit im „Arbeitskreis Menschenrechtsbildung Ulm“, der seit 2009 besteht. Nach alarmierenden Befunden der „Ulmer Jugendstudie“ wissen die Jugendlichen zu wenig über unsere demokratischen Strukturen und schätzen deren Wert zu gering. Für uns Mitarbeiter im BFU und für unsere Patienten ist das schwer verständlich, sind letztere doch für ihren Kampf um mehr Demokratie in ihren Heimatländern teilweise jahrelang in Haft gewesen und gefoltert worden. Die Kultusministerkonferenz aus dem Jahr 2000 empfiehlt, das Thema Menschenrechte in den Unterrichtskanon aufzunehmen: „Die Bildung muss auf die Stärkung der Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten gerichtet sein“. Dieser Satz leitet den AK-MRB Ulm – ein Zusammenschluss von mittlerweile 8 im Menschenrechtssektor tätigen Ulmer Einrichtungen. Sichtbar wird diese Arbeit im Rahmen von Vorträgen, Lesungen und Workshops des AK-MRB an Ulmer Schulen. Besondere Resonanz fand mit 250 teilnehmenden Schülern unsere gemeinsame Veranstaltung am „Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg“ am Tag der Menschenrechte am 10.12.2009, den wir dieses Jahr in ähnlicher Form erneut durchführen. Der Arbeitskreis Menschenrechtsbildung hat am 18.10.2010 den mit 1000 EURO dotierten „Ulmer Friedenspreis“ des „Vereins für Friedensarbeit“ verliehen bekommen. Näheres finden Sie unter www.ulmer-menschenrechtsbildung.de.

Patienten

Patientenzahlen für 2010 liegen derzeit naturgemäß noch nicht vollständig vor. Im Jahr 2009 waren 118 Patienten in zumeist längerfristiger Behandlung (bezogen auf die Hauptstelle in Ulm sowie die Nebenstelle Ludwigsburg). Es waren 91 Folter- und Bürgerkriegsopfer, 13 Akuttraumatisierte und 14 Patienten mit Misshandlungserlebnissen. Die komplette Statistik für das Jahr 2009 finden Sie unter Statistiken. Die meisten Akut-Patienten konnten nach ca. 10 -15 Therapiesitzungen symptomfrei entlassen werden. Die Folteropfer und Bürgerkriegsopfer haben meist eine chronifizierte und/oder komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) ausgebildet und bedürfen – insbesondere wenn deren Aufenthalt in Deutschland unsicher ist oder gar gefährdet – eine zum Teil mehrjährige Behandlung. In diesen Fällen können unsere psychologischen Stellungnahmen, die wir an die Rechtsanwälte der Patienten weiterleiten, hilfreich für das Asylverfahren sein. In Einzelfällen muss man noch mehr tun: z.B. wenn ein Folteropfer, welches bei uns in Therapie ist, sich bei der Anhörung beim Bundesamt für Migration in Widersprüche verstrickt hat, dann versuchen wir – in Einzelfällen – externe Gutachter zu finden, die die Glaubwürdigkeit des Folteropfers überprüfen. In anderen Fällen bemühen wir uns um Verbesserung der Unterbringungssituation. In Zusammenarbeit mit den Sozialarbeitern unterstützen wir die Patienten bei der Wohnungs- und Jobsuche, oder helfen – auch über unser Ehrenamtlichen – bei schulischen Problemen, oder wir vermitteln Paten. Auch hier gibt unsere Statistik weitere Auskunft.

Kunsttherapie für Erwachsene:

Seit Herbst 2010 besteht für zwei ethnisch homogene Gruppen von Patienten (aus dem Kosovo und für Kurden aus der Türkei) die Möglichkeit, unter Dolmetschervermittlung einmal im Monat ein für sie spezielles kunsttherapeutische Angebot im BFU wahrzunehmen. Diese kunsttherapeutischen Gruppen werden von unseren beiden Kunsttherapeuten, Herrn Karsten Kretschmer und Frau Regine Schempp, angeleitet. Diese Gruppen sind ein ergänzendes therapeutisches Angebot zur parallel laufenden Einzeltherapie im BFU – gerade bei Patienten, bei denen durch eine schwierige Gesamtsituation (unsicherer Aufenthaltsstatus, Unterbringung im Asylwohnheim mit Mehrbettzimmern über Jahre, fehlende Arbeit, fehlende Perspektiven) die Möglichkeiten zur Stabilisierung oft sehr begrenzt sind. Hier leistet die begleitende Kunsttherapie wertvolle und wichtige Arbeit.

Kunsttherapie für Kinder und Jugendliche

Unsere beiden Kunsttherapeuten arbeiten seit fast 3 Jahren mit sehr gutem Erfolg in unserem Projekt: „Kunsttherapeutische Gruppen- und Einzeltherapien für traumatisierte deutsche und ausländische Kinder“. Die Kinder und Jugendlichen fühlen sich dort gut aufgenommen und machen ordentliche Fortschritte. Sie finden über die Kunsttherapie Zugang zu ihren verschütteten Ressourcen, ihr Selbstwertgefühl wird in der Gruppe gestärkt. Schwierige Inhalte können die Kinder in der Gruppe thematisieren.

Wir verzeichnen derzeit eine Zunahme von Anmeldungen für traumatisierte Kinder und Jugendliche aus dem Irak und Afghanistan. Von dort kommen v. a. unbegleitete Minderjährige, die z.T. ihre Familien verloren haben. Die Kunsttherapie für die Kinder erfolgt zum Teil mit Dolmetschern, weil die Kinder erst wenige Monate in Deutschland sind und noch zu wenig Deutsch können.

Wir bemühen uns darüber hinaus intensiv um eine engere Zusammenarbeit mit den verschiedenen Institutionen in der Stadt Ulm (Kliniken, Einrichtungen der Jugendhilfe und therapeutische Praxen), um das Versorgungsnetzwerk für diese Kinder und Jugendlichen zu verbessern. Für diesen Zweck erhalten wir im nächsten Jahr die Unterstützung u.a. von Terre des Hommes Deutschland. Ein Beispiel für den Verlauf einer Kunsttherapie für Kinder finden Sie unter Kunsttherapie für Kinder.

Mitarbeiter

  • Frau Dr. Dipl. Psych. Nicole Leißner, unsere langjährige Psychologin, hat ihre Doktorarbeit mit „Magna cum Laude“ abgeschlossen. Ihre Doktorarbeit wird demnächst als abstract erscheinen und dann hier auf unserer Homepage zu lesen sein. Thema ihrer Arbeit: „Zur Versorgungssituation traumatisierter Flüchtlinge am Beispiel des Behandlungszentrums für Folteropfer Ulm. Psychische und körperliche Beschwerden nach Extremtraumatisierung.“ Für diese Arbeit hat sie den Wissenschaftspreis der „Deutschen Gesellschaft für Psychologische Schmerztherapie und Forschung“ verliehen bekommen. Leider wird sie sich beruflich verändern und uns zum Jahresende verlassen. Für die von ihr geleistete Arbeit danken wir ihr auch an dieser Stelle ganz herzlich.
  • Herr Dipl. Psych. Goran Svigir, Psychologischer Psychotherapeut und Leitender Psychologe in der Rehabilitationsklinik Saulgau ist neu in unserem Team. Er behandelt in unserem Auftrag einige Patienten aus dem Raum Biberach in der Rehaklinik Saulgau. Er ist einer der wenigen muttersprachlichen Psychologen für Serbokroatisch in unserem Raum. Wir freuen uns sehr über seine aktive Mitarbeit!
  • Frau Elisabeth Koch ist ebenfalls neu im Team. Sie steht vor dem Abschluss ihrer Weiterbildung zur Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie. Wir konnten sie bereits als engagierte und kompetente Kollegin schätzen lernen.

Ihnen, liebe Freunde des BFU, möchten wir ganz herzlich für Ihr Vertrauen und Ihre Unterstützung im ausgehenden Jahr danken! Ihre treue Begleitung und Unterstützung – ob „ideell“ oder finanziell – hilft, das Weiterbestehen des BFU zu sichern.

Wir wünschen Ihnen – auch im Namen des gesamten BFU-Teams – frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr 2011!

 

Erstmalige Verleihung des Ulmer Friedenspreises

Die Hochzeiten der Friedensbewegung sind längst vorbei, aber man kann nicht gerade behaupten, dass unsere Welt friedlicher geworden ist. Trotzdem besteht der Ulmer Verein für Friedensarbeit seit 28 Jahren.

Dieses Jahr wird erstmals der neue Ulmer Friedenspreis vergeben. Damit sollen Gruppen und Einzelpersonen ausgezeichnet werden, die ein vorbildliches und nachhaltiges Engagement für eine friedlichere Gegenwart und Zukunft zeigen.

Der Preis ist eine Anerkennung für die geleistete Arbeit und gleichzeitig auch eine finanzielle Unterstützung.

Ausgezeichnet wird der Arbeitskreis Menschenrechtsbildung, ein Zusammenschluss von Amnesty International Ulm, dem Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm, dem Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg Ulm e.V. (DZOK), dem Flüchtlingsrat Ulm-Alb-Donau-Kreis, der Kontaktstelle für die ausländische Bürgerschaft der Stadt Ulm, der Ulmer Volkshochschule, der Ulmer DenkStätte Weiße Rose und UNICEF Ulm/Neu Ulm.

Die Preisverleihung findet am 18.10.2010 um 20 Uhr in der städtischen Begegnungsstätte Fort Unterer Eselsberg statt. Der Schriftsteller und ai-Mitarbeiter Urs Fiechtner wird nach der Preisverleihung in Berichten und Erzählungen über aktuelle Menschenrechtsthemen und Projekte rund um die Menschenrechte im Ulmer Raum sprechen.

 

Wissenschaftspreis der DGPSF an Dr. Nicole Leißner

Die Deutsche Gesellschaft für Psychologische Schmerztherapie und -forschung (DGPSF) hat anlässlich ihrer 12. Jahrestagung in Essen unter dem Motto „Schmerz und Bewusstsein“ ihren Preis für wissenschaftliche Arbeiten aus dem Gebiet der Schmerzpsychotherapie und psychologischen Schmerzforschung an die Diplom-Psychologin Dr. Nicole Leißner (Universität Ulm) verliehen. Ihre Arbeit zur Versorgungssituation traumatisierter Flüchtlinge behandelt am Beispiel des Behandlungszentrums für Folteropfer Ulm (BFU) Psychische und Körperliche Beschwerden nach Extremtraumatisierung.

Dr. Nicole Leißner bei der Preisverleihung des DGPSF Wissenschaftspreises

Die ausgezeichnete Arbeit befasst sich kritisch mit der klinischen Praxis zum Störungskonzept der Posttraumatischen Belastungsstörung, in der bestimmte psychische und körperliche Beschwerden nach Extremtraumatisierung, sowie die geschlechts-, kultur- und traumaspezifischen Besonderheiten hinsichtlich der Symptomatik – insbesondere der Schmerzsymptome – nur unzureichend berücksichtigt werden.

Am Beispiel der Patienten des Behandlungszentrums für Folteropfer Ulm (BFU) werden psychische und somatische Beschwerden nach Extremtraumatisierung untersucht. Es wird angenommen, dass sowohl die Misshandlungsarten als auch die berichteten Beschwerden durch geschlechts- und länderspezifische Faktoren beeinflusst werden und dass Zusammenhänge zwischen Misshandlungsart und Beschwerden bestehen. Darüber hinaus wird untersucht, inwieweit eine adäquate psychosoziale Versorgung betroffener Flüchtlinge in der Praxis erreicht werden kann und Art und Umfang der bisherigen Arbeit der Behandlungseinrichtung dokumentiert. Datengrundlage der vorliegenden Arbeit bilden die im klinischen Prozess erhobenen Daten des Behandlungszentrums Ulm über einen Zeitraum von sechs Jahren.

Im Untersuchungszeitraum von 1999-2004 kontaktierten insgesamt 1481 traumatisierte Migranten das BFU aus zahlreichen Herkunftsländern. Bezogen auf den gesamten Untersuchungszeitraum erhielten insgesamt 78% aller Patienten (n=1158) diagnostische Gespräche zur Abklärung ihrer Beschwerden. 23% aller Patienten, die mit dem BFU Kontakt aufnahmen, erhielten eine verbale Traumatherapie. Etwa 2/3 der Therapien wurden mit Hilfe von Dolmetscher durchgeführt. Die Daten zeigen, dass in den Herkunftsländern der betroffenen unterschiedliche Foltermethoden praktiziert werden.

Vielfältige Schmerzen werden von Extremtraumatisierten als häufigste Symptomgruppe berichtet. Die Muster der Schmerzsymptome korrelieren signifikant mit Art, Häufigkeit und Schweregrad der Traumatisierung. Frauen sind stärker betroffen als Männer. Die Korrelationen zwischen dem Ausmaß der Traumatisierung und dem Schweregrad der psychischen und körperlichen Beeinträchtigung erklären etwa 25% der gemeinsamen Varianz. Weiterhin konnten bedeutsame Einflüsse von Geschlecht und Herkunftsland auf die Symptommuster der PTBS nachgewiesen werden.

Die Studie macht deutlich, dass ein erheblicher Therapiebedarf hinsichtlich des Schmerzleidens von extrem Traumatisierten besteht und dass die schmerztherapeutische Versorgung unzureichend ist. Die Traumaforschung befasst sich erst seit jüngerer Zeit mit diesem Problem. Die Fokussierung auf die „psychiatrische“ Symptomatik der PTBS in asylrelevanten Entscheidungen entspricht nicht der Realität der pathologischer Entwicklungen nach Extremtraumatisierung und Folter.

 

Augsburger Allgemeine / Neu-Ulmer Zeitung
02.07.2010
Kampf gegen die Erinnerung

Eine schmale Holztreppe führt in den zweiten Stock des unscheinbaren Gebäudes an der Inneren Wallstraße. Wer alle zwei Wochen einmal über die kleine Stiege in die lichtdurchfluteten Praxisräume im Obergeschoss kommt, hat Schlimmes erlebt. In den freundlichen Zimmern kämpfen Menschen aus aller Welt gegen die Erinnerung. Sie wollen endlich hinwegkommen über das, was sie erlitten haben. Jeder, der das…

Quelle: Kampf gegen die Erinnerung
(Augsburger Allgemeine)

 

Südwest Presse Amnesty Aktion: über 100 Leute mit Stofftaschen auf dem Kopf

Ein spaßige Aktion, die auf eine ernste Sache hinweisen sollte – das war der Flashmob am Samstagnachmittag in Ulm, der etwa zwei Minuten dauerte. Dafür hatten sich über 100 Jugendliche eine weiße Stofftasche übers Gesicht gezogen, um auf die Opfer von Folter aufmerksam zu machen. Angeregt hatte die Aktion Amnesty International…

Quelle: Amnesty-Aktion: Über 100 Leute mit Stofftaschen auf dem Kopf (Südwest Presse Online)

 

Südwest Presse Verlust von Heimat

Die Klasse 9a des Schubart Gymnasiums Ulm hat im Rahmen des Projekts Zeitung in der Schule Manfred Makowitzki, den Organisatorischen Leiter des Behandlungszentrums für Folteropfer, interviewt…

Quelle: Verlust von Heimat
(Südwest Presse Online)

 

Jahresversammlung von Amnesty International in Magdeburg – Delegierte zeigen ihre Unterstützung für das BFU

Auf der diesjährigen Jahresversammlung der deutschen Sektion von Amnesty International bekräftigten die Delegierten von Gruppen aus dem ganzen Bundesgebiet ihre Unterstützung für die Arbeit des Ulmer Behandlungszentrums für Folteropfer. In einer sehr persönlichen Aktion ließen sich viele Teilnehmer der Jahresversammlung, des höchsten Organs von Amnesty in Deutschland, für die spontan entstandene Aktion „100 Gesichter für das BFU“ fotografieren, um mit diesen Bildern ihre Anerkennung für die in den vergangenen 15 Jahren geleistete Arbeit des Behandlungszentrums und die Unterstützung aus ihren Städten für die Weiterarbeit des BFU zu dokumentieren.

Die Gründung des Ulmer Behandlungszentrums (1995) geht auf eine Initiative von Amnesty International Ulm zurück, seitdem wird das BFU von Amnesty unterstützt.

Die Bilder finden Sie hier:

 

Samstag, 26. Juni 2010
Amnesty International Ulm

Zum Internationalen Tag des Folteropfers am 26. Juni erinnerte Amnesty International in Ulm an das Schicksal gefolterter Menschen im Iran sowie in weiteren 110 Ländern der Welt und forderte zur Unterstützung des Ulmer Behandlungszentrums für Folteropfer auf.

In einer überraschenden Aktion blieben rund 200 Mitglieder und Unterstützer von Amnesty, die sich unter die Passanten in der Fußgängerzone gemischt hatten, plötzlich stehen, zogen sich eine Kapuze über den Kopf und verharrten für mehrere Minuten in der Haltung eines gefesselten Menschen.

Mit der Aktion sollte insbesondere auf die Arbeit des Ulmer Behandlungszentrums für Folteropfer (BFU) aufmerksam gemacht werden, das in diesen Tagen seinen 15. Gründungstag begeht. Das 1995 auf Initiative von Amnesty gegründete Behandlungszentrum hat sich durch seine hervorragende Arbeit bundesweit hohes Ansehen erworben, ist jedoch auf die Unterstützung durch die Bevölkerung angewiesen. Mit einem neu gegründeten Förderverein sollen Spenden und Förderbeiträge für die Arbeit des BFU gesammelt werden.

Bildmaterial erhalten Sie auf Anforderung von Moritz Clauß moritz.clauss@googlemail.com

Weitere Informationen finden Sie auf folgenden Webseiten: