Das BFU: Ein Überblick

Rede anlässlich der Gründungsveranstaltung des Fördervereins

Von Dr. habil. Regina A. Kurth, (Therapeutische Leiterin 2009 – 2017)

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Förderer und Unterstützer des BFU, liebe Gäste

seit 15 Jahren kommen Menschen ins Behandlungszentrum für Folteropfer, Menschen aus den Kriegs- sowie Krisenregionen dieser Erde, wie dem Kosovo, Türkei, Irak oder auch aus verschiedenen Ländern Afrikas; Menschen, die durch Krieg, Folter, Verfolgung oder Flucht Ängste, seelische Qualen, körperliche Schmerzen sowie tödliche Bedrohungen in einem oft unvorstellbaren Ausmaß durchleben mussten; Menschen, die nicht nur durch Krieg und Gewalt für immer gezeichnet sind, sondern die auch ihre Heimat, ihre Familie und ihre Kultur verloren haben, Menschen, die also in einem umfassenden Ausmaß als Ent-wurzelte zu uns kommen: verstört, verängstigt, gepeinigt sowie orientierungslos.

Obwohl der durchlittene Krieg, Folter, sexuelle oder andere Formen von Gewalt bereits hinter ihnen liegen, müssen sie diese schrecklichen Erfahrungen immer wieder ungewollt und oft völlig ungefiltert innerlich erneut durchleben, so als befänden sie sich wieder mitten im Krieg oder direkt unter der Folter. Das macht den Kern der Traumatisierung aus.

Wer derart ungeschützt ist, ist auch für neue Verletzungen, Angriffe und Bedrohungen besonders empfänglich. Wer entwurzelt ist, hat keinen oder nur einen erschwerten Zugang zu seinen Fähigkeiten und Kräften.

Die Folgen sind schwere psychische Beschwerden, wie existentielle Ängste oder schwere Depressionen. Auch leiden Traumatisierte unter einer allgemeinen Unfähigkeit, sich körperlich oder geistig zu entspannen. Alpträume, oft extreme Schlafstörungen, aber auch körperliche Beschwerden und Schmerzen aller Art sind die gravierenden Folgen, die ein Funktionieren im Alltag erschweren oder sogar unmöglich machen. Dabei sollen Migranten nicht nur im Alltag funktionieren, sondern müssen sich in einer oftmals völlig neuen und ihrer Kultur fremden Umgebung orientieren. Überdies lastet unser gesellschaftliche Anspruch auf ihnen, sich zu integrieren. Damit sind traumatisierte Menschen aber meist überfordert.

Deshalb unterstützen wir im BFU die Betroffenen nicht nur darin, ihre Traumatisierung sowie ihre vielfältigen Beschwerden zu überwinden, sondern auch dabei, sich in einem fremden Alltag zu orientieren und ihren Weg in einem für sie fremden Land zu finden.

Das BFU ist in Baden-Württemberg eine von vier – deutschlandweit eine von ca. 20 Einrichtungen, die sich um Migranten mit Traumatisierungen kümmern. So kommen unsere Klienten vom Bodensee bis vom Hohen Loischen, vom Neckar bis zum Lech.

Warum finden die Betroffenen in der Regel keinen Therapieplatz im regulären medizinischen Versorgungssystem? Wofür muss es überhaupt die Einrichtung eines BFU geben?

  1. Differenziertes Verstehen und verstanden werden ist die Grundlage jeder Genesung. Die meisten Traumatisierten können nicht ausreichend Deutsch für eine Therapie. Eine dolmetschervermittelte Therapiesitzung verkompliziert oft den therapeutischen Prozess; benötigt die doppelte Zeit und wird obendrein von den Krankenkassen nicht finanziert – zusammenfassend: für eine „reguläre“ Institution oder für Niedergelassene Psychotherapeuten nicht zu leisten.
    Dem BFU hingegen stehen derzeit 17 Dolmetscher für 12 Sprachen zur Verfügung, mit denen in langjähriger Kooperation eine vertrauensvolle und professionelle Zusammenarbeit entstanden ist.
  2. Sicherheit ist die Basis jeder Traumatherapie. Jedoch wird der Antrag der Betroffenen auf Asyl in der Regel in der ersten Instanz abgelehnt und ihr weiterer Kampf um einen sicheren Aufenthalt gleicht oft einer Odyssee. Das bedeutet nicht nur für die Betroffenen eine akute Bedrohung und häufig eine Retraumatisierung, sondern bedroht auch den therapeutischen Fortschritt. Hier einerseits aktiv den Patienten sowie dessen Anwalt bei seinem Kampf um Sicherheit zu unterstützen, andererseits auch den Patienten zu befähigen, mit Unsicherheit sowie latenter Bedrohung konstruktiv umzugehen, das nimmt einen breiten Raum in der Behandlung ein.
  3. Die Gefahr, mit schwerst Traumatisierten zu arbeiten, ist nicht zu verharmlosen. Trauma ist infektiös und maligne, wie eine heimtückische bösartige Krebserkrankung in ihren Wirkungen auf alle Beteiligten – d. h. auch auf die Helfer – nicht zu unterschätzen.

Täuschen wir uns nicht: jede Begegnung mit Traumatisierten kann uns mit den bedrohlichen Abgründen der menschlichen Seele sowie mit allen Möglichkeiten des Bösen in uns selbst sowie in der Welt konfrontieren; eine Begegnung, die wir alle gerne möglichst vermeiden.

Die in den Jahren angesammelten Erfahrungen, aber auch die gewachsenen Strukturen, gelebte Unterstützungen und Verbundenheiten, die sich im Laufe der Jahre mit und um die Institution BFU entwickelt haben, ermöglichen es, dieser Gefahr vergleichsweise gelassen zu begegnen. Denn mit den gemeisterten Herausforderungen über die Jahre hinweg hat sich auch die Gewissheit vertieft, dass das Leben in Gefahr und Bedrohung immer auch die je größere Chance zum Neubeginn sowie zur je größeren Lebendigkeit und Lebensfreude birgt.

Die Betroffenen kommen meist nicht allein, sondern mit Familie, d.h. mit ihren Kindern hierher zu uns nach Deutschland. Dass Kinder schwächer sind und somit durch schlimme Erfahrungen, die sie selbst oder aber ihre Eltern durchleben mussten, verwundbarer sind als Erwachsene, ist eine traurige Wahrheit. Dass sie auch noch form- und beeinflussbarer sind, eine andere. Deshalb liegt uns das Kinderkunstprojekt – was meine Kollegin gleich im Anschluss vorstellen wird – besonders am Herzen.

Seit dem Tsunami in Südostasien 2005 ist das BFU auch Anlaufstelle für akut Traumatisierte, Deutsche wie Nichtdeutsche, denen wir glücklicherweise in oft nur wenigen Therapiestunden die Bearbeitung ihrer Erlebnisse ermöglichen können.

Dass das BFU in den vergangenen 15 Jahren; gegenwärtig & wir sind zuversichtlich, auch zukünftig diese nicht immer leichten sowie vielfältigen Aufgaben gut und professionell bewältigen können, verdanken wir auch der gewachsenen Vernetzung sowie konstruktiven Zusammenarbeit – nicht nur mit Rechtsanwälten, Sozialarbeitern sowie engagierten Ehrenamtlichen, wie z.B. den Mitgliedern des Flüchtlingsrates, sondern auch mit anderen med., psychiatrischen sowie psychosozialen Einrichtungen der Stadt Ulm sowie der Umgebung. Dankbar sind wir uns auch für die bisher geleistete Unterstützung, von der bekundeten ideellen Verbundenheit bis hin zur materiellen Förderung bewusst. Unsere wichtigsten Kostenträger sind der Rehaverein für soziale Psychiatrie, die Krankenkassen, Landratsämter sowie Kommunen, Stiftungen, die deutsche Sektion von Amnesty international sowie der Europäische Flüchtlingsfond. Last, but not least sind wir unseren treuen Spendern und Förderen dankbar verpflichtet, die mehr als einmal durch ihre tat- und zahlungskräftige Unterstützung das BFU vor akuter Schließung bewahrt haben.

Was in 15 Jahren als wichtiger wie wertvoller, ja unverzichtbarer Bestandteil der psychotherapeutisch-psychosozialen Versorgungslandschaft der Stadt Ulm sowie des Landes Baden-Württemberg gewachsen ist, gilt es nicht nur zu bewahren, sondern weiter zu fördern, damit auch zukünftig Menschen nach Krieg, Folter, Flucht und sonstigen Gewalterfahrungen ins BFU kommen können, um Verständnis, Unterstützung sowie professionelle Hilfe zu finden.

Deshalb danken wir Ihnen heute ausdrücklich für Ihr Kommen & Ihre Verbundenheit & bitten Sie auch weiterhin um Ihre tatkräftige Unterstützung.

Vielen Dank!