Fallbeispiele

Behandlung und Therapie ?

Therapiebeispiel

Ein typischer Patient des BFU – wir wollen ihn Charles nennen – ist um die 30 Jahre alt und kommt z. B. aus einem Dorf in Nigeria. Dort hat er als Kind bereits einschneidende Verlust- oder Gewalterfahrungen machen müssen. Seine leibliche Mutter wurde vom Vater wegen einer zweiten Ehefrau verstoßen, als Charles noch sehr klein war. Die Stiefmutter zog ihre eigenen Kinder ihm vor und lehnte Charles ab, griff ihn regelmäßig verbal an und demütigte ihn. Körperliche Zuwendung kannte Charles nicht. Auch der Vater konnte dies nicht kompensieren. Zwar liebte sein Vater Charles, konnte es aber nicht zeigen, glaubte seiner Frau mehr als Charles und schlug ihn regelmäßig bei „Alltagsvergehen“, wie es in seiner Familientradition und Kultur nicht unüblich ist. Auch in der Schule wurde Charles immer wieder geschlagen, etwa als Strafe für fehlende Hausaufgaben. Nach wenigen Jahren musste er die Schule abbrechen, um das geringe Familienaufkommen durch den Verkauf von Fischen aufzubessern. So war tägliche harte Arbeit sein Tageswerk als Jugendlicher, an eine Ausbildung war aus wirtschaftlichen Gründen nicht zu denken. Als er ca. 20 Jahre alt war, diskutierte er immer wieder mit seinen Kumpels über ihre schlechte Lebenssituation: kaum Geld, um über die Runden zu kommen, zu wenige Schulen, keine ausreichende Krankenversorgung und vieles andere, obwohl das Land durch seine Rohstoffe, die vor allem von Europäern abgebaut werden, durchaus das Potential für Arbeitsplätze und bessere Lebensbedingungen hat.

Also schloss sich Charles Demonstrationen für mehr Rechte für die Bevölkerung an. Dabei kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften. Er musste miterleben, wie Menschen schwer verletzt oder getötet wurden. Er selbst wurde ohne Anklage oder Urteil verhaftet. Im Gefängnis wurde er körperlich und sexuell misshandelt. Er wusste nicht, ob er jemals wieder da rauskäme oder überhaupt überleben würde.

Aber er hatte Glück, ein Wärter kannte seinen Vater und verhalf ihm gegen Zahlung zur Flucht. Mittels der Organisation, die die Demonstrationen organisiert hatte, gelang ihm auf abenteuerlichen Wegen, nach vielen Strapazen und ständiger Angst die Flucht nach Deutschland. Hier stellt er einen Asylantrag. Recht bald fällt dem Sozialarbeiter im Asylbewerberwohnheim sein schlechter Gesundheitszustand auf. Ein Arzt verweist ihn an das Behandlungszentrum für Folteropfer. Nachdem die Kostenzusage des zuständigen Sozialamtes für fünf diagnostische Sitzungen vorliegt, wird Charles eingeladen. Da Charles bereits früh in seinem Leben belastende Beziehungserfahrungen machen musste, fällt es ihm generell schwer, jemanden zu vertrauen, sich zu öffnen und über sich zu erzählen. Da scheint es kaum etwas Positives, sondern nur Negatives im Leben gegeben zu haben. Dementsprechend bedrückt und einsilbig ist Charles. Deshalb fragt die Psychotherapeutin auch behutsam und sehr strukturiert nach, zunächst nur nach aktuellen Beschwerden/ Problemen und seiner Situation. An den gezielten Fragen merkt Charles zu seiner Verwunderung, dass sie viele seiner Beschwerden zu kennen scheint. Er fühlt sich verstanden und es fällt ihm etwas leichter, über sich zu sprechen, auch wenn er vielleicht über Manches nie wird sprechen können. Zu unaussprechlich, zu abgründig, zu unbegreiflich war Vieles in seinem Leben.

Auch das anfängliche Misstrauen gegenüber der Dolmetscherin wird er teils überwinden, auch wenn bestimmte Ängste und ein grundlegendes Misstrauen bleiben werden. In der zweiten oder dritten Stunde wird die Psychotherapeutin ihn wieder sehr behutsam nach seiner Lebensgeschichte fragen. Da schnell deutlich wird, wie schwierig diese phasenweise war, wird die Psychotherapeutin das Negative nur so weit schildern lassen, insofern der Patient dabei stabil bleibt, und gezielt auch nach Positivem fragen: nach guten Erinnerungen, positiv erlebten Bezugspersonen, nach Geschwistern und Freunden. Welche Fächer in der Schule machten ihm Spaß? In welchen war er gut? Wer oder was, welche Haltungen, Charaktereigenschaften usw. haben ihm geholfen, all diese vielen schlimmen Erfahrungen zu überleben?

Später wird sie ihn nach den belastenden Erlebnissen als Erwachsener fragen. Wahrscheinlich wird er dies völlig emotionslos, wie einen Sachbericht schildern. Die Therapeutin wird diese distanzierte Erzählweise durch gezielte Fragen noch unterstützen, je emotional belasteter der Patient ist. Es kann auch sein, dass der Patient deutliche oder längere Gedächtnislücken zeigt. Die werden aufmerksam registriert. Aber es kann auch sein, dass er bei einem besonders schmerzhaften Detail plötzlich ins belastende Wiedererleben gerät und anfängt heftig zu weinen. Dann versucht die Psychotherapeutin ihn mit wenigen, aber klaren Worten (sog. Flashbacks- oder Dissoziationsstopps) wieder ins Hier und Jetzt zu holen.

In der Therapie gibt es keine Notwendigkeit oder gar Zwang, alles zu erzählen. Charles wird ermutigt, auf seine Grenzen zu achten und zu lernen, diese einzuhalten. Je besser er für sich sorgen lernt, desto mehr wird er von der Therapie profitieren. Aber diese Idee ist für Charles, der in seiner Kindheit letztlich niemanden hatte, der wirklich für ihn sorgte, völlig neu und deshalb anfangs auch etwas beunruhigend. Es wird sehr lange dauern, bis die Idee, für sich selbst zu sorgen und auf sich zu achten, für ihn verhaltensrelevant werden kann. Aber Charles werden ein paar Grundzüge von Entspannung, z. B. durch achtsame Wahrnehmung seines Körpers, Achtsamkeit auf seinen Atem oder durch Imaginationsübungen beigebracht, damit er schon jetzt die Erfahrung machen kann, dass es Möglichkeiten gibt, sich etwas besser und sicherer zu erleben. Diese kleinen positiven Erlebnisse im Alltag werden Charles auf seinem langen Weg der Heilung ermutigen, trotz Rückschlägen nicht aufzugeben.

Nachdem die Psychotherapeutin einen umfassenden Überblick seiner aktuellen Beschwerden und die Hintergründe dafür hat, stellt sie die Diagnosen: komplexe Posttraumatische Belastungsstörung sowie eine wiederholte depressive Störung. Diese erklärt sie dem Patienten und fragt ihn nach seinen Therapieanliegen: was möchte er für sich verändern? Was besser verstehen? Womit besser umgehen lernen? Dann klärt sie ihn über die Möglichkeiten und Grenzen einer psychotherapeutischen Behandlung auf. Dass er lernen wird, mit seinen Beschwerden und Alltag deutlich besser umzugehen, dass es ihm dadurch auch deutlich besser gehen wird, wenn sich auch seine äußere Situation (Aufenthalt, Arbeit, Kontakte) zumindest stabilisiert. Ob es in einer sehr viel späteren Phase der Therapie auch zu einer Bearbeitung des traumatisch Erlebten kommen kann, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht einzuschätzen, da dies von zu vielen äußeren Faktoren (wie Aufenthalt, Arbeit, soziale Integration) sowie von seiner inneren Entwicklung (emotionale Stabilität, Entwicklung von Ressourcen usw.) abhängt.

Die Psychotherapeutin sagt Charles ganz klar, dass eine psychotherapeutische Behandlung ein langer und schmerzvoller Weg ist. Nach reiflichem Überlegen stimmt Charles zu. Diese ersten diagnostischen Stunden haben ihn in seiner Hoffnung bestärkt, fühlt er sich doch verstanden und kompetent aufgehoben. ?

Regina Kurth (Therapeutische Leiterin 2009 – 2017)

Der Mann aus Anatolien ?

Ein Fallbeispiel aus der Kunsttherapie

Im Rahmen einer Traumatherapie im Behandlungszentrum für Folteropfer Ulm entstanden in vier Kunsttherapiesitzungen drei Tongestaltungen von dem aus Anatolien stammenden Klienten Herrn P. (Anfangsbuchstabe geändert), 38 Jahre alt und von Beruf Künstler. Eine Gestaltung ist hier abgebildet.

In Absprache mit der Bezugstherapeutin sollte dem Klienten in der Stabilisierungsphase der Traumatherapie zusätzlich zur verbalen Therapie die Möglichkeit gegeben werden, sich mit kreativ-gestalterischen Mitteln auszudrücken und sich dadurch innerlich zu entlasten. Innerhalb von nur 25 Minuten entstand in einer Therapiesitzung dieser aus Ton modellierte Kopf. Es war für Herrn P. eine Freude, künstlerisch arbeiten zu dürfen und ebenso für den Therapeuten, wahrnehmend daran teilzunehmen.

Um das Besondere des Klienten und dieser aus einem 10 kg schweren Tonbatzen geformten Arbeit zu verstehen, ist es notwendig, ein wenig von dem persönlichen und kulturellen Hintergrund von Herrn P. zu kennen.

Herr P. wuchs als mittleres von neun Geschwistern auf, machte in seiner Heimat Abitur und studierte Kunst an der Akademie der bildenden Künste. Mit dem ethnischen Eingebundensein in seinen Kulturkreis als Kurde versteht er sich als politisch denkender Künstler, weswegen er verhaftet wurde und zehn Jahre im Gefängnis zubrachte. Er selbst wurde im Gefängnis gefoltert, lange Zeit war er in Isolationshaft. Seine Freundin wurde im Gefängnis ermordet. Er musste ansehen, wie während eines Hungerstreiks viele Mitgefangene starben und andere sich Selbstverbrennungen zufügten.

Wie kann ein Mensch, der im Gefängnis viele Arten der Folter erlebt hat, in dieser Situation seelisch und geistig überleben? Im Grunde genommen ist es für Außenstehende kaum nachvollziehbar, welche fast übermenschliche Überlebenskraft aufzubringen ist, um diese Zeit zu überstehen.

Herrn P. hat auf jeden Fall eines geholfen und war für ihn in dieser langen Zeit überlebenswichtig: Seine Kunst! Aus einer inneren Notwendigkeit heraus musste er künstlerisch mit irgend etwas arbeiten. So formte er in seiner Zelle aus Mehl, Klebstoff, Haaren und anderen gefundenen Materialien Figuren. Eine Figur brachte er zu unserer ersten Kunsttherapiesitzung mit. Wie er selbst sagte, stellt sie eine von Schmerzen gepeinigte Person dar, mit einem Arm, deren Haut abgezogen wurde. Die Wirkung dieser geformten Figur, das dargestellte Leid, machen zunächst ergriffen und sprachlos. Diese dargestellte Person muss so Unmenschliches erlitten haben, ohne schützende Haut, dass sie selbst nicht mehr menschlich aussieht; nur die Hand des einen Armes ist zur Faust geballt – und Herr P. fügte hinzu: „Diese Faust lässt sich nicht beugen“.

Herr P. modellierte in der gleichen Sitzung den hier abgebildeten Kopf aus Tonerde und gab ihm den Titel: „Männlicher Kopf“. Er beschreibt diese Figur mit seinen Worten als eine Person, stellvertretend dargestellt für „den Mann aus Anatolien“, der traurig, müde und erschöpft von der langen schweren Arbeit hart geworden ist. Es ist ihm ins Gesicht geschnitten: Keine Hoffnung für die Zukunft. Durch Herrn P.s Zielstrebigkeit und der Ausdruckskraft seines Gestaltens in Verbindung mit der Freude und seiner entspannten Haltung beim Tonen entstand während der Sitzung eine fast andächtige Stimmung.

Wichtig war es, einen Bezug der mitgebrachten Figur und dem auch mit Liebe und Freude geformten männlichen Kopf aus Tonerde zum Klienten selbst herzustellen. In welcher Weise er denn zu beiden Figuren stehe? Darauf antwortete Herr P., dass er dazwischen stehe und von beiden etwas habe.

Bei Herrn P. spiegelt sich ein kollektives Phänomen der Kurden wieder, welchem das ethnische Eingebundensein als Minderheit in ihrem Kulturkreis zu Grunde liegt. Der eigene Schmerz wird immer auch gleichzeitig als kollektives Erleiden des Schmerzes der Kurden erlebt. So ist einerseits der symbolische Titel seiner Tongestaltung „Männlicher Kopf“ vielleicht distanziert zu seinem eigenen Leid gesetzt zu sehen. Auf der anderen Seite ist Herr P. Künstler, und ein politisch denkender Künstler noch dazu. Mit seiner hochsensiblen Auffassungsgabe hat er die Fähigkeit, seine Umwelt und deren Mitmenschen wahrzunehmen und etwas Grundsätzliches und Wesentliches der kurdischen Bevölkerung auf dem Land künstlerisch darzustellen.

Was ihn wiederum als einen individuellen und damit ganz besonderen Menschen auszeichnet, ist seine ganz eigene und expressive Ausdrucksstärke, die er angesichts seiner eigenen erlebten Traumata zum Glück für ihn in dieser Weise sinnvoll nach Außen setzen kann.

Durch die gute therapeutische Zusammenarbeit, das Arbeiten in der Kunsttherapie sowie die Weiterarbeit mit der Bezugstherapeutin gelang es Herrn P., seine resignative Passivität zu überwinden. Er wollte nicht mehr nur noch abwarten, bis in drei Monaten über seinen Aufenthaltsstatus entschieden wurde. Aktiv bemühte Herr P. sich, im Rahmen der aufenthaltsrechtlich bedingten Einschränkungen eine Arbeitsstelle zu finden und entwickelte Pläne für einen Tonkurs für Kinder an einer Jugendkunstschule.

Nachtrag: Herr P. hat inzwischen ein Bleiberecht in Deutschland als Flüchtling nach der Genfer Flüchtlingskonvention erhalten. ?

Karsten Kretschmer, Diplom-Kunsttherapeut

Albträume – wenn bedrohliche Schatten näher kommen ?

Schweißgebadet wacht Herr N. auf. Sein Herz rast, sein Atem stockt. Er bekommt fast keine Luft und ist unfähig sich zu bewegen. N. weiß nicht, wo er sich befindet. Er glaubt mitten im Geschehen zu sein, in seinem Heimatland. Er ist orientierungslos.

Es dauert eine ganze Weile, bis er in der Lage ist, tief durchzuatmen. Er hat im Behandlungszentrum in Ulm gelernt, dass er in einer solchen Situation zuerst seine Atemtechnik anwenden und sich dann im Hier und Jetzt orientieren muss. Herr N. macht das Licht an und sagt sich: „Ich liege in meinem Bett, ich sehe die Bettdecke, sie ist blau gemustert. Ich sehe die weiß gestrichene Wand, an der ein Bild hängt mit einer Landschaft. Ich bin in meinem Zimmer im Asylbewerberheim und höre den Atem meiner schlafenden Mitbewohner, ich höre einen von ihnen schnarchen, das ist sicher M.; ich sehe meinen Schrank, er ist braun und ich bin sicher, dass mir jetzt und hier nichts passiert, ich bin sicher, es gibt hier niemanden, der mich jetzt gefangen nimmt und foltert – ich bin sicher. Es ist vorbei, ich habe überlebt.“

Herr N. hat, wie schon so oft, wieder einen Albtraum gehabt, er träumt immer dasselbe. Er wird verfolgt von Männern in Uniformen, deren Gesichter nur schwarze Schatten sind, Männer mit Gewehren und Messern, die hinter ihm herrennen. Er läuft und läuft, durch Straßen, Felder, durch den Wald. Er läuft immer schneller, keucht, stolpert, fällt hin, rappelt sich auf und flieht weiter. Die Verfolger kommen näher, immer näher. Er legt noch einen Zahn zu und läuft noch schneller. Trotzdem kommen sie näher. Er weiß: Wenn sie ihn erwischen, geschieht Fürchterliches. Er hat es schon einmal erlebt, was sie mit ihm machen, wenn er gefangengenommen wird. Er kennt die Folter in allen Variationen. Die Angst treibt ihn an. Kurz bevor sie ihn erreichen, kurz bevor ihre ausgestreckten Arme ihn fassen können, wacht N. auf.

Herr N. leidet unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung aufgrund eines Gefängnisaufenthaltes während des Bürgerkriegs in seinem Heimatland. Dies ist eine psychische Störung, die durch sehr leidvolle schwere Lebensereignisse ausgelöst wird, die die Betroffenen nicht verarbeiten konnten. Diese Störung zeigt sich unter anderem in belastenden Erinnerungen, Schlafstörungen, im Wiedererleben des Geschehens, im Vermeiden all der Dinge, die daran erinnern. Sie zeigt sich in belastenden Körperreaktionen und Konzentrationsschwächen.

Eine besondere Auffälligkeit ist der Albtraum. Die Betroffenen sind meist unfähig, ihren Alltag zu bewältigen. Ihre Lebensqualität ist massiv herabgesetzt. Im Volksglauben sind Alben menschenoder tierähnliche Wesen, die nächtliche Beklemmungszustände hervorrufen. Der Alb sitzt auf den Menschen und verursacht unterschiedliche Symptome wie Atemnot („Er erdrückt mich“), Herzrasen, Schwitzen oder ein Gefühl, das zu dem Ausruf nötigt: „Ich bin starr vor Angst!“ und man kann sich wirklich nicht mehr bewegen. Der Albtraum wird regelrecht physisch erlebt. Als Albdruck werden Gefühle der Angst im Schlaf oder Halbschlaf bezeichnet.

Diese Gefühle der Angst werden verstärkt in seelischen Krisen erfahren, sowie in einschneidenden Entwicklungsphasen. Man weiß, dass Albträume schon bei Kindern zwischen drei und sechs Jahren auftreten können. Sie sind in der Regel eine vorübergehende Erscheinung ohne ernsthafte Bedeutung. Mit zunehmendem Alter verschwinden diese Träume von selbst ohne Auswirkungen. Die Hälfte aller Erwachsenen berichtet von gelegentlichen Albträumen. Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen sieben und acht Prozent der Erwachsenen unter chronischen Albträumen leidet.

Bei rund sechzig Prozent der Menschen, die unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden, treten Albträume auf. Dies spiegeln auch die Erfahrungen des Behandlungszentrums. Sie verursachen bei diesen Menschen ein hohes Maß an Angst und Hilflosigkeit. Wenn eine Posttraumatische Belastungsstörung zugrunde liegt, beziehen sich die Albträume in der Regel auf die ursprünglich bedrohlichen oder entsetzlichen Erlebnisse, die dieses Individuum erfahren musste. Der Traumatisierte, der plötzlich hilflos und sehr häufig in Todesangst dem traumatisch wirkenden Ereignis wie Folter, Krieg, Flucht und Verfolgung, ausgesetzt war, erlebt dieses Ausgeliefertsein im Albtraum wieder. Bei Herrn N. spiegelt der Albtraum seine Ängste vor den Folterern wieder, welche ihn dauerhaft verfolgen, keine Gesichter haben, weil ihm während der Folter die Augen verbunden waren.

Eine andere Form des Albtraums ist es, das Geschehene verändert zu erleben und gleichzeitig die Angst, dass andere nahe Personen auch noch in Gefahr sind.

Ein neunjähriges Mädchen berichtet davon, dass sie träumt, die ganze Familie befinde sich im Heimatland. Plötzlich sehen sie ein Feuer und der Vater ruft: „ Es gibt Krieg!“ und er beauftragt seinen Bruder, die Familie durch den Wald in Sicherheit zu bringen. Der Vater bleibt zurück. Der Onkel flieht mit der Familie. Als sie im Wald sind, stellt das Mädchen auf einmal fest, dass ihr jüngerer Bruder fehlt. Sie rufen nach ihm und er antwortet. Das hören die Feinde. Das Mädchen hat große Angst um den Bruder. Die Feinde packen ihn und sägen ihm eine Hand ab. Sie wollen ihm auch noch die andere Hand und den Kopf absägen. Da schreien alle und das Mädchen wacht auf.

In diesem Beispiel mischen sich die beiden Arten von Albträumen: Der eine wiederholt das Vergangene, der andere zeigt die Angst vor der Zukunft. Seit dieser Zeit ist der Vater des Mädchens verschwunden. Dem Onkel hingegen ist die Flucht gelungen, dem Bruder nichts passiert.

Die therapeutische Behandlung von Albträumen ist schwierig. Sie ist meist eingebunden in die allgemeine Traumatherapie. Zunächst werden die Betroffenen angehalten, sich mit ihren Träumen am Spätnachmittag oder frühen Abend noch einen Spaziergang an der frischen Luft zu machen und vor dem Schlafengehen auf keinen Fall TV-Nachrichten aus dem Heimatland anzuschauen. Kaffee und schwarzer Tee sollten am Abend ebenfalls tabu sein. Damit die von Albträumen Geplagten besser einschlafen können, werden Entspannungstechniken eingeübt, die sie dann abends im Bett selbst anwenden können.

Vor allem werden die Betroffenen angeregt, sich aktiv mit ihren Träumen auseinandersetzen, während sie wach sind. Dabei wird für den Albtraum ein positives Ende erarbeitet, diese Bilder einstudiert und dies vor dem Schlafengehen geübt. So könnte das neunjährige Mädchen seinen Albtraum zum Beispiel in folgender Weise positiv umformulieren: „Die Feinde packen den Bruder. Da kommt der Onkel und befreit den Bruder aus den Händen der Feinde. Alle drei können fliehen und einen sicheren Ort erreichen.“ Diese neuen Bilder werden einstudiert und vor dem Schlafengehen in Erinnerung gerufen. Dies ist allerdings ein länger währender und schwieriger Prozess und nicht immer von Erfolg gekrönt.

Je weiter die Traumatherapie fortgeschritten ist und je sicherer sich die Betroffenen sind, dass ihnen das Geschehene nicht mehr passieren wird, desto weniger häufig und intensiv sind die Albträume.

Sollte der Albtraum trotzdem wiederkehren, können eine Atemtechnik, die Entspannungstechniken und die zuvor beschriebene Hier-und-Jetzt-Technik angewendet werden, um eine Erleichterung zu erreichen.?

Gerlinde Dötsch

Überarbeitete Fassung eines Artikels aus Publik-Forum Extra: „Träume ….. heilende Bilder der Seele“.

Gladis und der Schneeball ?

Unter den vielen Flüchtlingen, die damals aus Afrika, Asien und Lateinamerika Deutschland erreichten, als die Grenzen noch nicht so abgeschottet waren wie heute, war Gladis eine besonders auffällige Person. Sie fiel dadurch auf, dass sie um alles in der Welt niemandem auffallen wollte, dass sie fast jedes Gespräch verweigerte und so gut wie nie etwas über sich selbst erzählte. Sie suchte keinen Kontakt zu den anderen Flüchtlingen und blieb auch immer wortkarg bei ihren Gesprächen mit ihren neuen deutschen Freunden, die sie ja immerhin aus dem Gefängnis geholt und für eine vorübergehende Bleibe in einem sicheren Land gesorgt hatten. Sie schwieg. Aber sie schwieg bestimmt nicht, weil sie schüchtern veranlagt und zum Mauerblümchen geboren war. Im Gegenteil. Das Jahrbuch ihrer Abschlussklasse zeigte eine andere, eine selbstbewusste, eine elegante und fröhliche Gladis auf dem Siegerpodest beim Volleyball-Turnier, als Julia in der Theatergruppe, als Preisträgerin im Debattierclub und beim Herumalbern mit ihren Freundinnen, die ihr den Spitznamen Fünkchen gegeben hatten. Auf allen Fotos lacht sie.

Aber nur auf den alten Fotos. Ihre deutschen Freunde können sich nicht daran erinnern, dass sie jemals gelacht hätte und wären nie auf den Gedanken gekommen, sie Fünkchen zu rufen. Für sie war Gladis nur die kleine, aschgraue und schweigsame Person, die sich immer in eine dunkle Ecke setzte, angespannt vorgebeugt, und mit den Händen ein Tuch oder ein Kissen so fest knetete, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Ganz besonders weiß wurden die Fingerknöchel, wenn man sie ansprach. Und wenn man ihr Fragen stellte, wurden ihre Lippen schmal, sie presste ihren Kiefer zusammen und ihre Augen bekamen einen ganz seltsamen, zwischen höchster Angst und tiefstem Misstrauen flackernden Ausdruck.

Sie saßen einer anderen Person gegenüber als auf den Fotos. Einer bis ins Innerste angespannten, verhärteten und verzweifelten Person, die mit Niemandem sprechen wollte, die ein Geheimnis mit sich herum zu tragen schien und so konsequent jedem Gespräch aus dem Wege ging, dass sie in ihrer dunklen Welt nur mühsam den Spielregeln sozialer Kontakte und normaler Umgangsformen zu folgen vermochte. Sie machte sich nicht besonders beliebt damit. Geheimnisse sind nur für eine begrenzte Zeit interessant, irgendwann verlieren sie ihre Ausstrahlung und wirken dann nur noch ermüdend. Rätselhaftes Verhalten auch – am Anfang mag es ja die Neugier erwecken und für Gespräche und Erklärungsversuche sorgen, aber nach einiger Zeit werden die Erklärungsversuche langweilig und man wendet sich interessanteren Dingen zu.

Scheinbar interessanter waren die Lebensgeschichten der anderen Flüchtlinge. Alle hatten sich auf tausend Wegen für politische Veränderungen in ihren Ländern eingesetzt, es waren Gewerkschaftsführer darunter und engagierte Journalistinnen, Liedermacherinnen und Theaterleute, bäuerliche Landbesetzer und städtische Menschenrechtsanwälte, Oppositionspolitiker und Umweltaktivisten, indianische Dorfälteste und Universitätsprofessoren, blutjunge Studentinnen und uralte Intellektuelle, die einst noch mit Che Guevara persönlich über den richtigen Weg zur Freiheit debattiert hatten. Alle hatten sie jede Menge zu erzählen und zu diskutieren, hatten viel geleistet und Lebensgeschichten über die Grenzen gebracht, hatten etwas mitgebracht, das ihnen Halt gab und das anderen dabei helfen konnte, etwas zu erfahren über die Welt da draußen und die Länder hinter dem Horizont. Gladis nicht. Sie war nur aus purem Zufall in die Maschinerie der politischen Verfolgung geraten, sie gehörte nicht wirklich dazu und hatte mit den anderen nur das Ende der Geschichten gemein, also die Gefängnishaft oder die Flucht in ein anderes Land, nicht aber den Anfang, das Sich-Einmischen, das Sich-Wehren, das Handeln. Oder die feste Überzeugung, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.

Gladis schien nichts von alledem zu haben. Sie hatte auch fast nichts zu erzählen, jedenfalls nicht freiwillig. Es gab nur eine sehr trockene Zeugenaussage, die sie für Amnesty International aufgeschrieben und dann später für ihr Asylverfahren wiederholt hatte, fast genau in denselben kurzen, nüchternen Worten und abgehackten Sätzen, die manchmal so klangen, als würde sie nicht etwas berichten, sondern nur eine lästige Pflicht erledigen wollen.

Nach diesen Aussagen waren sie und ihr Mann Mario bei einer Blockrazzia verhaftet worden, also bei der Durchsuchung hunderter von Wohnungen in einem kompletten Häuserblock. In dem Viertel waren zuvor Flugblätter einer Widerstandsbewegung aufgetaucht. Bei Gladis und Mario fand man ein paar Stapel davon. Jemand hatte sie Bündelweise in alle Briefkästen des Blocks gestopft, wohl in der Hoffnung auf Weiterverteilung. Aber die beiden hatten die Flugblätter weder weiter verteilt noch weggeworfen wie die anderen Hausbewohner, sondern sie gedankenlos auf einen Haufen alter Zeitungen und Schmierpapier gelegt. Sie hatten mit Politik nichts zu tun, fanden sie, und hatten deshalb auch keinen Grund, sich über Flugblätter Gedanken zu machen.

Die Soldaten, die ihre Wohnung so gründlich durchsuchten, dass danach nur noch ein Trümmerhaufen übrig blieb, sahen das anders. Gladis und Mario wurden geschlagen, an die Wand gedrückt und mit Kabelbindern gefesselt. Dann streifte man ihnen schwarze Kapuzen über und nahm sie mit. Und weil die Soldaten wirklich sehr gründlich waren und nichts vergessen wollten, wurden auch die zwei und vier Jahre alten Töchter des Ehepaares auf die Ladefläche des Truppentransporters gestoßen.

Die Familie wurde von einer Militäreinheit zur nächsten weiter gereicht und landete nach einigen Stunden schließlich in einem großen Kellergebäude der Hauptstadt, vielleicht einer Tiefgarage oder dem Untergeschoss eines Hochhauses, das man zu einem Verhörzentrum umfunktioniert hatte. Bei der Einlieferung wurden sie zuerst geschlagen und als ‘Terroristenschweine’ beschimpft, erst danach wurden sie gefragt, warum sie überhaupt verhaftet worden waren. Mit dieser Frage konnten sie allerdings nichts anfangen. Mario bat darum, doch einfach die Militäreinheit, die sie verhaftet hatte, nach dem Grund für die Verhaftung zu fragen. Und er bat um Erlaubnis, einen Rechtsanwalt anzurufen. Diese Bitte löste bei dem Umstehenden größte Heiterkeit aus.

„Niemand wird ohne Grund hierher gebracht“, stellte der Verhöroffizier fest, „machen Sie es sich und uns einfacher und gestehen Sie einfach alle Ihre Regierungs-feindlichen Aktivitäten“. Mario wusste nicht, wie er darauf antworten sollte. Es gab aus seiner Sicht nichts zu gestehen, und ‘regierungsfeindliche Aktivitäten’ waren ihm bis dahin sowieso egal gewesen. Weil er nichts zu gestehen hatte, wurde er zunächst von mehreren Soldaten geschlagen, später mit Elektrokabeln ausgepeitscht. Zu gestehen hatte er danach immer noch nichts, aber er nannte den einzigen Grund für die Verhaftung, den er sich ausmalen konnte die Sache mit den Flugblättern im Altpapier.

Aber das löste nur eine Lawine neuer Fragen aus. Er wurde nach dem Inhalt der Flugblätter gefragt, nach ihrem Autor und ihrer Herkunft, insbesondere nach der Adresse der Druckerei. Das machte ihn noch ratloser als zuvor, er hatte sie ja nicht einmal gelesen, sondern nur beiseite gelegt. Weil er die Fragen nicht beantworten konnte oder wollte, machten die Soldaten sich nun über Gladis her.

Mario hatte man die Kapuze inzwischen abgenommen – er sollte zusehen, wie seine Frau gefoltert wurde, während man ihm immer und immer wieder dieselben Fragen stellte. Was genau mit ihr geschah, berichtet Gladis in diesem Teil ihrer Aussage nicht. Sie deutet alles nur an, aber es muss schlimm genug gewesen sein. Mario bot in seiner Verzweiflung an, mit den Sicherheitsbehörden in jeder beliebigen Form zu kooperieren und nannte ungefragt Namen von Arbeitskollegen, die sich schon einmal kritisch über die Regierung geäußert hatten. Nur zu den Flugblättern könne er einfach nichts sagen, weil er über ihre Herkunft nichts wisse und auch keine Ahnung hätte, wer sie geschrieben hatte und wo sie gedruckt worden waren. Und weil ihm das alles auch vollkommen egal war und er sich nie damit beschäftigt hatte. Gladis sagte dasselbe, und nun verloren die Militärs wohl die Geduld mit den beiden. Wenn man jemanden verhaftet, muss man schließlich schon irgendwann in Erfahrung bringen, warum man das getan hatte – und sei es nur für die Akten.

Jetzt wurden ihre Töchter in das Zimmer geholt. Die Soldaten nahmen Gladis die Kapuze ab : „sieh genau hin und überlege genau, ob Du nicht doch gestehen willst“ sagten sie. Zuerst wurde die Vierjährige geschlagen und man drohte Mario, dass man ihn zwingen würde, seine Tochter zu vergewaltigen. Dann kamen wieder die Fragen nach den Flugblättern, die weder Mario noch Gladis beantworten konnten. Und weil sie keine Antwort fanden, wurde nun die Zweijährige an den Füßen hochgehoben und mit dem Kopf gegen die Wand des Kellers gependelt, zunächst leicht, dann immer heftiger.

„Trotz des ohrenbetäubenden Lärms in dem Keller“, schrieb Gladis in ihre Aussage, „trotz der Schreie aus den anderen Verschlägen des Kellers, trotz der ununterbrochen gebrüllten Fragen und Beschimpfungen der Soldaten und trotz der Schreie meiner Kinder konnte ich hören, wie der kleine Kopf gegen die Mauer prallte, immer und immer wieder, und dann ist etwas in mir zerbrochen.“

An dieser Stelle hört ihre Zeugenaussage auf. Es ist die einzige Stelle, in der sie etwas persönliches berichtet und sich nicht nur auf trockene Fakten beschränkt. Sie sei zusammengebrochen, sagt sie, und an alles weitere könne sie sich nicht erinnern. Aufgewacht sei sie erst Wochen später, als Amnesty International sie in einem Haftlager gefunden und ihren Fall öffentlich gemacht und ihre Ausreise nach Deutschland organisiert hatte. Mehr wisse sie nicht, mehr könne sie nicht erzählen. Und sie habe doch eigentlich mit alledem überhaupt nichts zu tun und sei nur aus Zufall hier, so wie sie und ihr Mann und ihre Töchter auch nur durch einen Zufall in die ganze Geschichte hineingeraten waren. Und man möge sie doch jetzt endlich in Ruhe lassen mit alledem. Vor allem mit den Fragen.

Gladis sagte solche Sachen nicht nur vor sich hin. Es war ihr ernst damit, sehr ernst, und sie ließ den Menschen in ihrer Umgebung keine andere Wahl, als ihren Wunsch nach Ruhe und Abstand zu respektieren. Niemand kann mit noch so gut gemeinten Fragen einen Menschen bedrängen, der schon einmal unter der Folter mit Fragen bedrängt worden ist.

Aber vielleicht war gerade diese respektvolle Zurückhaltung der große Fehler, den alle gemacht haben. Es waren ja viele Fragen offen. Etwa was aus Mario geworden war. Aber wenn man Gladis danach fragte, zuckte sie nur unwillig mit den Schultern oder schüttelte den Kopf. Mario tauchte auf den amtlichen Listen der verhafteten Personen nicht auf. Für Gladis, die alle Hoffnung verloren hatte, war es deshalb vollkommen klar, dass die Militärs ihn in aller Stille ermordet hatten – und vollkommen unklar, warum überhaupt noch nach ihm gefragt wurde.

Oder warum ihre Kinder nicht bei ihr seien. Die Frage drängte sich auf, weil sie zwei Töchter hatte, aber in den amtlichen Papieren nur die ältere Tochter auftauchte, die während ihrer Haft den Großeltern übergeben worden und bei ihrer Ausreise dort geblieben war. Aber was war aus der jüngeren Tochter geworden ? Diese Frage ertrug sie nicht, und sie wurde ihr nur zwei Mal gestellt. Beim ersten Mal sagte sie gar nichts und vergrub den Kopf unter den Armen. Beim zweiten Mal stand sie auf und versuchte, aus dem fünften Stock aus dem Fenster zu springen. Es wurde nur knapp verhindert. Danach traute sich niemand mehr, ihr irgendeine Frage zu stellen. Man ließ sie von nun an vollkommen in Ruhe und in ihrer eigenen Welt, damit sie sich von den Schatten der Vergangenheit erholen konnte. Aber man hätte sie vielleicht doch nicht in ihrer eigenen Welt lassen sollen.

Drei Jahre nach ihrer Ankunft in Deutschland packte sie unbemerkt ihre Koffer und kehrte zurück in ihre Heimat. Plötzlich war sie nicht mehr da. Es fiel nicht besonders auf, denn Gladis hatte auch vorher allen anderen kaum eine Wahl gelassen, als sie so zu behandeln, als wäre sie gar nicht da. Sie wollte ja auch gar nicht mehr da sein, nicht wahrnehmbar für ihre Umgebung, nicht ansprechbar, nicht mehr anwesend in der Welt. Das Fünkchen war ausgebrannt, und es suchte verzweifelt ein sehr tiefes Loch, um sich vor der Welt zu verkriechen.

Kurz nach ihrer Heimkehr hatte sie wohl das tiefste Versteck gefunden, das ein Mensch nur finden kann. Sie wählte den Tod, damit man sie aus diesem Versteck nicht mehr würde herauszerren können in die Welt. Sie erhängte sich in der Wohnung ihrer Eltern – in dem Zimmer, das einmal ihr Kinderzimmer gewesen war.

Ihr Abschiedsbrief begann mit einer Wiederholung der Worte, die sie schon bei ihrer Zeugenaussage verwendet hatte „trotz der Schreie aus den anderen Verschlägen des Kellers, trotz der ununterbrochen gebrüllten Fragen und Beschimpfungen der Soldaten und trotz der Schreie meiner Kinder konnte ich hören, wie der kleine Kopf gegen die Mauer prallte, immer und immer wieder, und dann ist etwas in mir zerbrochen.“ Dann schilderte sie, wie sie daraufhin begann, alle Namen und Adressen zu nennen, die ihr überhaupt einfielen, damit man nur aufhören würde, ihre Tochter langsam zu töten. Sie nannte die Namen von früheren Schulfreundinnen, von Nachbarn, von Arbeitskollegen und Verwandten, von Zufallsbekanntschaften und Freunden, sie benannte ihren Bäcker als Drucker der Flugblätter, den Postboten als Kopf des Verteilungsnetzes, und behauptete von ihren alten Lehrern, eine Verschwörung gegen die Regierung in Gang gesetzt zu haben. Insgesamt schrie sie über vierzig Namen heraus und bezichtigte auch sich selbst und ihren Mann, Teil dieser Verschwörung zu sein. Unter der Folter redet man immerund wenn es nichts mehr gibt, was man bisher verschwiegen hatte, erfindet man alles, was die Folterer hören wollen.

Sie redete so lange, bis Ihr keine Namen und keine Beschuldigungen mehr einfielen. Aber es war zu spät. Als ihr keine Namen mehr einfielen, war ihre jüngere Tochter schon so schwer verletzt, das sie kurz darauf starb. Die ältere überlebte, blieb aber so kränklich und verhaltensgestört, dass Gladis bei der Ausreise keine andere Wahl hatte, als sie bei den Eltern zurück zu lassen. Und Mario war wohl tatsächlich in den Fängen des Verfolgungsapparates hängen geblieben und ist irgendwann ermordet

worden. Sie hatte mit ihren falschen Aussagen niemandem geholfen. Aber sie hatte in ihrer Vorstellung eine Lawine in Gang gesetzt.

Seitdem, schrieb sie, habe sie die Bilder in ihrem Kopf nicht mehr los werden können. Die Bilder dessen, was geschehen war, und die Bilder dessen, was wegen ihrer Aussage geschehen würde. Wie auf einer zweigeteilten Leinwand würde sie auf der einen Seite immer wieder ihre sterbende Tochter sehen, und gleichzeitig auf der anderen Seite die Bilder der anderen, die Bilder der Frauen und Männer, die sie zu Unrecht beschuldigt hatte und die man wegen Ihr verhaften würde, die Bilder anderer Kinder, deren Köpfe man wegen ihr gegen Betonwände schlagen würde, die Bilder anderer Körper die man blutig schlagen und mit Elektroschocks quälen würde wegen ihr.

Und manchmal würde sie Menschenmassen sehen, die man auf eine unendliche Kolonne von Truppentransportern prügelt und stößt und zerrt, weil alle Menschen, die man wegen ihr verhaftet hatte, in ihrer Verzweiflung neue Namen nennen und weitere Unschuldige ans Messer liefern würden, und so würde es weiter gehen, immer weiter und weiter, wie bei einer riesigen Lawine, die durch einen einzigen kleinen Schneeball ausgelöst worden war, und die Menschenmassen auf den Truppentransportern würden sie ansehen, ihr direkt ins Gesicht sehen, und alle Lippen würden immer wieder dieselben Worte formen : Wegen Dir! Wegen Dir! Wegen Dir! ?

Urs M. Fiechtner

(Mit freundlicher Genehmigung des? Verlags entnommen aus:
Urs M. Fiechtner /?Folter-Angriff auf die Menschenwürde,?Edition Menschenrechte im Horlemann-?Verlag, Bad Honneff 2008).

Der Mann, der niemals weinte ?

Ich möchte eine Geschichte erzählen, die ich noch niemals erzählt habe und nie erzählen wollte. Sie gehört zu den Geheimnissen, die ich seit vielen Jahren mit mir herumtrage und über die ich nicht sprechen wollte, weil es kaum Worte dafür gibt und weil ich glaubte, dass sie so privat, so intim und so persönlich sind, dass man sie anderen Menschen nicht erzählen kann.

Außerdem hat diese Geschichte für mich eine große Bedeutung, aber sie spielt in einer Welt, die die meisten Menschen so fremd anmuten muss wie ein unsichtbarer, von Schatten bevölkerter Planet, und es fällt mir schwer, mit den Bewohnern der normalen, der alltäglichen und sichtbaren Welt darüber zu sprechen.

Es gibt etwas, das uns trennt. Seit meiner Rückkehr aus der anderen Welt fühle ich mich fremd hier, wie ein Gast oder wie jemand, der noch nicht richtig angekommen ist, weil er einen Teil von sich unterwegs zurückgelassen hat. Ich bin wieder zu Hause, aber ich bin noch nicht zu Hause angekommen.

Deshalb versuche ich jetzt doch, über jene Dinge zu sprechen, die mich ein halbes Leben lang zu einem Fremden gemacht haben. Ich möchte endlich ankommen daheim, den Boden unter meinen Füßen spüren und wissen, dass es trotz alledem mein Boden ist und meine Welt.

Jene andere Welt, in der ich damals lebte, hat sich mir so tief eingeprägt wie kaum etwas anderes in meinem Leben. Dennoch habe ich sie nie mit eigenen Augen gesehen – außer einmal, für einige Sekunden, in einem winzigen Ausschnitt. Es ist eine unsichtbare Welt, unsichtbar für ihre Bewohner ebenso wie für die Menschen draußen, jenseits der Mauern. Nur die Beherrscher beider Welten dürfen sie sehen, die Menschen in Uniform.

Innerhalb der Mauern gab es eine Regel, die über allen anderen Regeln stand und die den Uniformierten über alles ging, auch über unser Leben. Die Regel lautete: Du darfst nichts sehen! Wenn die Augenbinde oder die Kapuze über dem Kopf verrutscht und der kleinste Lichtstrahl hereindringt, dann schließe die Augen, senke den Kopf und melde dich, damit der Fehler korrigiert und der Lichtstrahl verdrängt wird! Und benutze niemals, niemals die Gelegenheit, uns ins Gesicht zu sehen!

Ich bin nicht ganz unvorbereitet in jene Welt geraten. Als das Militär die Macht ergriff und eine Säuberungswelle über das Land fegte, die brutaler war als alles, was wir jemals gekannt hatten, hätte ich fliehen können. Oder mich verstecken. Oder ich hätte mich in den Massen der Mitläufer verbergen können, die seit alters her mit ihrer Begeisterung oder mit ihrem Schweigen die Unterdrückung erst möglich machen. All das wäre möglich gewesen, aber ich konnte es nicht. Ich konnte es nicht und trat deshalb in den Widerstand ein. Manche mögen das für eine falsche Entscheidung halten. Für mich war es die einzig mögliche.

Als ich verhaftet wurde und man mir zum ersten Mal die schwarze Kapuze überstreifte, wusste ich ungefähr, was mich erwartete. Ich wusste, dass ich von nun an als ›verschwunden‹ gelten würde, unerreichbar für die Menschen der normalen Welt. Ich wusste, dass ich am Rande des Todes stehen und man jedes Mittel anwenden würde, um die Namen meiner Freunde aus mir herauszupressen. Ich wusste, dass die Mittel der Uniformierten hemmungslos und barbarisch waren und auf die vollkommene Demütigung ihrer Opfer zielten.

Deshalb beschloss ich, mich niemals demütigen zu lassen und somit der anderen Seite ihre Waffen aus der Hand zu schlagen. Ich war bereit, alle Schmerzen zu ertragen, die man mir zufügen wollte. Nur beugen wollte ich mich nicht. Ich wollte keine Schwäche zeigen, ich wollte niemals zu Kreuze kriechen, ich wollte auch unter den unsagbarsten sadistischen Spielen nicht zusammenbrechen, nicht winseln und nicht betteln und nicht weinen.

Keine Schwäche zeigen – das war meine Überlebensstrategie. Ich wollte der Mann sein, der niemals weint.

Für die Bewohner der sichtbaren Welt mag das unverständlich oder sogar pathetisch klingen. Aber es hat überhaupt nichts mit dem Heldentum aus schlechten Filmen zu tun oder mit unklaren Begriffen wie Mut und Tapferkeit. Das sind Worte aus der sichtbaren Welt.

In der unsichtbaren Welt geht es darum, die Persönlichkeit eines Menschen vollständig zu zerstören, sie in den Schmutz zu werfen und ihr den Schmutz zu zeigen, in dem sie liegt. Äußerlich bist du vollkommen wehrlos. Aber innerlich kannst du etwas tun, um einen Schutzmantel über dich zu werfen. Du musst es zumindest versuchen und dich an etwas klammern, das dir Halt gibt.

Wenn ein Mensch verhaftet und gefoltert wird, kann er sich an den Gedanken klammern, dass jemand auf der anderen Seite der Mauern sich um ihn kümmern wird. Seine Familie, vielleicht sogar ein Anwalt werden irgendetwas unternehmen, um ihm zu helfen. Man kann sich an die Hoffnung klammern, dass Regeln und Gesetze gelten und die Folter nach einer messbaren Zahl von Tagen oder Wochen vorübergeht und sich dann eine andere Behörde oder ein Gericht deiner annehmen wird.

Aber wenn jemand verschwindet und gefoltert wird, dann gibt es solche Hoffnungen nicht mehr. Wie soll sich jemand draußen um dich kümmern, wenn du offiziell gar nicht existierst? Wie soll jemand auch nur ahnen, wo du dich befindest, wenn du an einem unsichtbaren Ort bist, einem Ort, den nicht einmal du selber sehen kannst, umgeben von brüllenden Schatten, die auf dich einprügeln und die keine Gesichter haben?

Wenn du verschwunden bist, gibt es keine Verbindung mehr zu deiner gewohnten Welt. Mit dir ist auch alles verschwunden und bedeutungslos geworden, was das Zusammenleben von Menschen ermöglicht und erträglich macht: Recht und Gesetz, Anstandsund Moralbegriffe, Vernunft und Mitgefühl. Und die Hoffnung. Wenn du verschwunden bist, soll auch die Hoffnung verschwinden. Du bist auf eine grenzenlose Art allein, einsam, auf dich selbst zurückgeworfen und auf dich selbst angewiesen.

Wenn es keine anderen Strohhalme mehr gibt, nach denen du greifen kannst, um in der unsichtbaren Welt nicht zu ertrinken, dann greifst du nach dir selbst. Du setzt dir ein Ziel, du fasst einen Vorsatz, du klammerst dich an eine fixe Idee. In der unsichtbaren Welt braucht man eine fixe Idee so notwendig, wie ein Unterseeboot Sauerstoff braucht. Meine fixe Idee war es, keine Schwäche zu zeigen und niemals zu weinen.

Das ist leichter gesagt als getan. Es ist schwer, keine Schwäche zu zeigen, wenn du keine Kontrolle darüber hast, was mit deinem Körper geschieht. Ich habe manche Niederlagen dabei eingesteckt. Besonders deutlich erinnere ich mich an den Tag, an dem sie mich nackt auf den ›Grill‹ gefesselt hatten. Das waren ein paar Stangen, an die man Gefangene hängend oder liegend fesseln konnte, um ihnen Elektroschocks zu geben. Ich weiß nicht mehr, ob es der Galgenhumor der Gefangenen war oder der Witz der Soldaten, der diesem Ding den Namen gegeben hat. Jedenfalls hieß es so.

Ich erinnere mich daran, dass ich alles anwandte, was ich jemals gelernt oder gelesen hatte, um in den Pausen zwischen den Elektroschocks keine Schwäche zu zeigen. Ich benutzte Atemtechniken, um meinen Körper unter Kontrolle zu bekommen, und konzentrierte mich wie bei einer Meditation nur auf mich selbst und die Welt meiner Gedanken. Ich tat, was ich konnte, aber es funktionierte nicht richtig. Mein linkes Bein hatte keinen Bodenkontakt und ich konnte nichts erfinden, um es unter Kontrolle zu halten. Es zitterte. Ich konnte das Zittern spüren und wusste, dass es so heftig war, dass es auch den Uniformierten nicht entging. Sie würden sich daran weiden, aber ich konnte, so sehr ich es auch versuchte, nichts dagegen tun. Mein linkes Bein hatte mich verraten. Ich hatte die Kontrolle über meinen Körper verloren.

Umso stärker versuchte ich von da an, mich selbst und meine Gefühle unter Kontrolle zu halten und keine anderen als nur körperliche Signale der Schwäche zu zeigen. Daran hielt ich mich fest. Und es funktionierte auch lange Zeit. Wie alle anderen schrie ich vor Schmerzen, wenn die Uniformierten sich über mich hermachten, und wie alle anderen quälten mich die Demütigungen, die man mir zufügte, noch viel mehr als die Schmerzen selbst. Sie taten alles, um mir meine Würde zu nehmen, während ich alles tat, um sie festzuhalten, und mich an ihr, indem ich niemals weinte.

Eines Tages holte mich ein Soldat aus der Zelle, aber es ging nicht wie üblich zum Verhör. Er brachte mich in einen Raum, warf mir einen Drahtschwamm vor die Füße und befahl mir, den Boden sauber zu machen. Ein absurder Befehl. Meine Hände waren auf den Rücken gefesselt, meine Augen verbunden. Ich konnte nichts sehen und meine Hände nicht benutzen – wie sollte ich da den Boden säubern?

Aber der Soldat trieb mich an. Mechanisch wiederholte er immer wieder denselben Befehl. Ich versuchte es mit den Füßen. Ich stellte den rechten Fuß auf den Drahtschwamm und versuchte, den Boden zu schrubben, während ich mich mit dem anderen mühsam aufrecht hielt. Natürlich funktionierte das nicht. Der Soldat fluchte und redete auf mich ein. Ich tat, was ich konnte, denn ich kannte die Strafen für Ungehorsam. Obwohl ich nicht wusste, ob es wirklich darum ging, den Boden zu säubern, oder ob das Ganze nur eine neue Methode der Demütigung war.

Der Soldat schien es allerdings auch nicht zu wissen. Er ließ sich auf eine Diskussion ein. Ich versuchte, ihm das Offensichtliche klar zu machen, nämlich dass man nicht sauber machen kann, was man nicht sehen darf, schon gar nicht mit einem Fuß.

Er zögerte. Ich konnte seine Unsicherheit spüren. Vielleicht führte er einen Befehl aus, den er selber nicht verstand. Vielleicht ging es ja nicht nur darum, einen Gefangenen zu demütigen, sondern nebenbei auch noch um den Boden.

Schließlich entschloss er sich zu einem Kompromiss. Die Hände machte er mir nicht los, aber er trat hinter mich und lockerte die Augenbinde ein wenig. Gleichzeitig hielt er mich fest. Auf keinen Fall dürfe ich mich umdrehen, auf keinen Fall ihn ansehen, sagte er. Es klang halb wie eine Beschwörung, halb wie die üblichen Drohungen im Kommandoton. »Den Kopf runter und nur auf den Boden sehen«, sagte er, »und wehe, wenn du mich ansiehst.«

Aber das war gar nicht nötig. Ich kannte die wichtigste Regel, die hier galt, und wusste, dass es lebensgefährlich war, sie zu brechen. Ich wollte ihn gar nicht sehen. Ich starrte nur angestrengt auf den Drahtschwamm unter meinem Fuß und auf die Spuren, die er über den Boden zog. Sonst nirgendwohin.

Aber es ging nicht gut. Plötzlich geriet ich ins Stolpern und konnte mich kaum aufrecht halten. Als ich mich gefangen hatte, hob ich unwillkürlich den Kopf. Und da sah ich ihn. Ich sah – das Gesicht eines Kindes. So schien es mir jedenfalls. Es passte nicht zu der Uniform. Ich sah die weichen, zarten Gesichtszüge eines sehr jungen Menschen, der noch ein ganzes Leben vor sich hatte und dessen Aufgabe es war, anderen das Leben zu nehmen. Ich konnte den Anblick nicht ertragen. Das war nicht das Gesicht eines Schattens, es war keine entstellte Fratze, nein, es war ein normales, junges, helles, eigentlich sympathisches Gesicht aus der normalen Welt, in die ich vielleicht niemals würde zurückkehren dürfen. Das Schlimmste war, dass die Augen des Soldaten mich an die freundlichen Augen meines kleinen Bruders erinnerten.

Das war zu viel für mich. In mir fiel etwas zusammen, das mich über Wochen und Monate der Haft aufrecht erhalten und über unzählige Stunden im Verhörkeller hinweggebracht hatte. Ich sah der unsichtbaren Welt ins Gesicht und ihr Gesicht erwies sich als das eines Kindes und ihre Augen waren wie die meines Bruders.

Ich brach zusammen und weinte. ?

Urs M. Fiechtner

(Mit freundlicher Genehmigung des? Verlages entnommen aus:
Urs M. Fiechtner / Verschwunden -?In Geheimer Haft, Edition Menschenrechte?im Horlemann-Verlag, Bad Honneff 2008)